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Buchmesse-Auftakt Buchpreis für „Archipel“ von Inger-Maria Mahlke

Inger-Maria Mahlke gewinnt mit „Archipel“ den Deutschen Buchpreis. Weniger schmökerhaft kann ein handlungsreicher Roman kaum die Geschichten mehrerer Familien auf der Kanareninsel Teneriffa erzählen.

Inger-Maria Mahlke
Gewinnerin Inger-Maria Mahlke (Mitte) am Montagabend im Kaisersaal. Foto: dpa

Das in diesem Jahr außenseiterlose Rennen um den mit 25.000 Euro dotierten Deutschen Buchpreis hat am Montagabend im Frankfurter Römer Inger-Maria Mahlke mit dem Roman „Archipel“ für sich entschieden. Das Wort Rennen mag merkwürdig klingen, da die Autorinnen (erstmals vier) und Autoren (zwei) zu diesem Zeitpunkt nichts mehr machen, nurmehr abwarten können. Dennoch sind sie im Anschluss fix und fertig.

Auch dass das Warten vielfach eine Katastrophe sein kann, macht sich „Archipel“ virtuos zunutze, ein Buch über Zeit, die diesmal rückwärts läuft. So dass die Figuren zwar warten, die Leserin aber schon weiß, auf was. Das habe sie, so Mahlke vorab, vor besondere dramaturgische Herausforderungen gestellt – noch weiter vorher hat sie erklärt, ihre Bücher seien Wetten mit ihr selbst, ob es ihr nämlich gelinge, ihre Pläne umzusetzen. Brillant geht sie in „Archipel“ mit ihnen um. Unerwartet spannend – nicht nur sprachlich, auch auf der Handlungsebene – kann ein Buch sein, von dem man irgendwann begriffen hat, dass man nie erfahren wird, was als nächstes kommt, außer, man hat es sich gemerkt.

Jury lobt die „schillernden Details“

Eine unverkrampft heruntergekühlte Erzählhaltung nimmt Mahlke allerdings ein. Weniger schmökerhaft kann ein handlungsreicher, mehr als 400 Seiten umfassender Roman kaum die Geschichten mehrerer Familien in den Jahren zwischen 2015 und 1919 auf der Kanareninsel Teneriffa erzählen. Durch ihre Mutter ist das heimisches Terrain für die Autorin, die bereits 2015 mit dem Tudor-Roman „Wie Ihr wollt“ auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand.

Die Vertrautheit Mahlkes mit der Insel hat zur Folge, dass man sie selbst vielleicht sogar eher von einer fremden, untouristischen, nüchtern geschäftigen Seite erlebt. Die Wunden des Franco-Regimes sind präsent (die Jugend fragt selten danach, aber sie fragt). Davor ist die Diktatur in all ihrer später weggedrängten Grausamkeit Gegenwart. Davor wissen die Menschen noch nicht, wie der Bürgerkrieg enden wird. Davor gibt es das, was man sich danach immer besonders schwer vorstellen kann: die Zeit, bevor etwas Schlimmes eingetreten ist. Ferner stehen die Toten auf, werden die Alten jung. Das ist die melancholische Seite des Buches.

Die Jury lobt die „schillernden Details“, wie „das Alltagsleben, eine beschädigte Landschaft, aber auch das Licht in der Sprache sinnlich erfahrbar“ werde. „Faszinierend ist der Blick der Autorin für die feinen Verästelungen in familiären und sozialen Beziehungen.“ Jurysprecherin Christine Lötscher hatte zuvor erklärt, dass die Vergangenheit, mit der sich in diesem Jahr die meisten, auf den zweiten Blick sämtliche sechs Shortlist-Titel befassen, ein Raum sei, in dem man die Gegenwart entdecken könne. Jurymitglied Paul Jandl und Shortlist-Autor Maxim Biller hatten am Rande dem etwas weltabgewandteren Teil des Publikums deutlich gemacht, dass nach dem gepflegten Vollbart jetzt auch der Oberlippenbart wieder im Kommen ist.

Mahlke, in sympathischer Auflösung, bedankte sich anschließend ausschließlich bei Barbara Laugwitz, der vom Holtzbrinck-Konzern Ende August unerwartet abberufenen verlegerischen Geschäftsführerin von Rowohlt. Sie danke ihr, so Mahlke, für ihre harte Arbeit, ihren Einsatz, ihre Begeisterung, dafür, dass sie immer gewusst habe, wie fragil ein Autorenleben sei.

Ein Buch, sagte Mahlke, sei kein Joghurt, ein Buch, sagte sie, sei wirklich kein Joghurt. Es solle allen klar sein, dass Kunst dem Menschen etwas geben könne, was ein Joghurt ihm nicht geben könne, auch wenn sich die Werbung bemühe, diesen Eindruck zu erwecken. Es ist für eine Zeitungsredakteurin in diesen Tagen zunehmend schwierig, an dieser Stelle nicht dazwischenzurufen, dass eine Zeitung zwar keine Kunst ist, aber die Herstellung einer Zeitung gleichfalls nicht zu sehr in die Nähe der Herstellung eines Joghurts gerückt werden sollte.

Die Schwierigkeiten des Druckerzeugnisses und des Textes, der durchgelesen werden möchte – egal in welcher Darbietungsform, und gut, wenn der Lesende versteht, dass das auch etwas kostet (was ihn beim Joghurt schließlich  nicht wundert) –, werden gewiss ein wichtiges Thema der Buchmesse sein.

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