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Antaios auf der Buchmesse Wie Martin F. zufällig berühmt wurde

Ein Bild von der Frankfurter Buchmesse macht einen Gegendemonstranten weltweit bekannt – und zur Zielscheibe rechtsextremer Hetze.

Buchmesse Frankfurt
Tumult auf der Buchmesse: das Foto, das Martin F. (Mitte) „berühmt“ machte. Foto: dpa

Sein Bild ging um die Welt. Selbst auf die Seiten der renommierten US-Tageszeitung „Washington Post“ hat es Martin F. geschafft. Wenn Medien in den letzten zweieinhalb Wochen Artikel über die Tumulte bei der Frankfurter Buchmesse illustrieren wollten, fiel die Wahl häufig auf jenen Schnappschuss, in dessen Zentrum der 31-Jährige steht.

Ein kahlrasierter, an Armen und Hals tätowierter Mann, mit zusammengekniffenen Lippen und wütendem Blick, der seinen Zeigefinger dem Verleger Götz Kubitschek unter die Nase hält.

Ein Symbolbild, festgehalten von einem Fotografen der Nachrichtenagentur dpa, der die aufgeheizte Stimmung zwischen Unterstützern des rechtsextremen Antaios-Verlages und linken Gegendemonstranten auf der Buchmesse versinnbildlicht.

Seinen vollen Namen möchte Martin F. nicht in der Presse lesen. Gegen ein Foto ist nichts einzuwenden, „Mein Bild kursiert ja eh wie wild“, sagt er. Nicht nur auf Zeitungsseiten, sondern auch in rechten Facebook-Gruppen.

Nach der Buchmesse trudelten bei ihm per Mail und über die sozialen Netzwerke zahlreiche Drohungen und noch mehr Beleidigungen ein. Der frühere Frankfurter Stadtverordnete Wolfgang Hübner von den rechten Bürgern für Frankfurt bezeichnete ihn in einem Beitrag als „tätowierten Psychopathen“. Martin F. muss als fleischgewordener Beleg für die Aggressivität der linken Gegendemonstranten herhalten.

Was war geschehen? Martin F. gehört am 14. Oktober, dem Buchmesse-Samstag, zu jenen Demonstranten, die den Auftritt von AfD-Mann Höcke und diversen Antaios-Autoren bei der Buchmesse zu stören versuchen. Er selbst brüllt Parolen, hält ein Plakat mit einem Tucholsky-Zitat in die Höhe. Irgendwann, so berichtet er, schlägt ihm jemand aus dem Pulk der Zuhörer zwei Mal gegen die Brust. Als er Kubitschek erblickt, geht er auf ihn zu. „Ich habe ihm gesagt, dass seine Gefolgsleute mich nicht anzufassen haben. Und dass ich mit ihm nicht reden will.“

Kubitschek schildert die Situation auf FR-Anfrage anders. Demnach habe sich F. als „etwas poltriger Höcke-Fan“ ausgegeben und versucht, auf die Bühne zu kommen. Er selbst habe versucht, die Situation zu beruhigen, während F. weiter gebrüllt habe. Tatsächlich ist in einem Video zu hören, wie F. jemanden auf der Bühne - mutmaßlich Ellen Kositza, Antaios-Autorin und Kubitscheks Ehefrau - als „Fotze“ beschimpft. „Das ist mir leider Gottes im Eifer des Gefechts so passiert. Das war natürlich falsch“, sagt F. heute.

Kurz nach den Tumulten steht sein Bild im Netz. In den Bildunterschriften ist meist von „Rangeleien“ zwischen Linken und Rechten die Rede, wobei offen bleibt, wer auf dem Bild welchem Lager zuzuordnen ist. Für die Anhänger von Antaios & Co. der Beweis, dass die Medien versuchen, ihnen die Schuld in die Schuhe zu schieben. „Thema für Sie müsste sein, warum dieser Typ zunächst mit einem angeschnittenen Bild als ein „Rechter“ ausgegeben wurde, bis wir diesen Fake aufklärten“, lässt Kubitschek die FR wissen.

Den Antaios-Machern und ihren Anhängern war nämlich das T-Shirt aufgefallen, das F. trug. Eine stilisierte Handgranate mit blauen Verzierungen, wie sie für einen Bembel, das traditionelle Apfelweingefäß, typisch sind. Daneben ein roter Stern mit den Fraktur-Initialen F und BBB - was für „Black Bembel Block Frankfurt“ steht.

Bei Twitter fügt jemand kurzerhand das Wort „Antifa“ hinzu - das auf dem Original-Logo nicht zu lesen ist. Kurze Zeit später steht nicht nur für rechte Internetkommentatoren, sondern auch für den Branchendienst Meedia fest, dass F. zu einer Antifa-Gruppe gleichen Namens gehört. Der Beweis ist erbracht: Organisierte, gewaltbereite Autonome haben versucht, den Antaios-Auftritt zu stören.

Martin F. hat kein Problem damit, sich Antifaschist nennen zu lassen. „Wenn in der Region irgendwo Nazi-Veranstaltungen sind, versuche ich, zur Gegendemo zu gehen.“ Auch auf Parteiebene engagiert er sich gegen Rechtsextremismus, früher bei der Partei „Die Partei“, seit einiger Zeit bei der Linken. Den „Black Bembel Block“ unterstützt er auch. Nur handelt es sich dabei nicht um eine Antifa-Gruppe.

Hinter dem „Block“ steht in Wirklichkeit die Lebensgefährtin von Martin F., Ilijana J. Ihre Idee: mit Punkkonzerten die etwas lahmende Frankfurter Konzertszene wiederbeleben - und damit Gutes tun. Die Einnahmen aus den vom „Black Bembel Block“ organisierten Auftritten nämlich gehen an gemeinnützige Vereine: nicht an linksextremistische Gruppierungen, sondern etwa an die Aids-Hilfe, den Frankfurter Jugendring oder die Tiernotrettung.

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