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Antaios auf der Buchmesse Die Landnahme

Rechtsextremen um den Antaios-Verleger Götz Kubitschek gelingt es, die Buchmesse zur Bühne ihres „Kulturkampfs“ zu machen. Nach einem Auftritt von Björn Höcke eskaliert die Stimmung.

Frankfurter Buchmesse
Linke demonstrieren gegen eine Podiumsveranstaltung des rechtsgerichteten Antaios-Verlags. Foto: Michael Schick

Die Buchmesseleitung hatte im Vorfeld gesagt, für Meinungsfreiheit einzustehen. Das bedeute, so der Tenor, eben auch missliebige Positionen wie des Antaios-Verlags zuzulassen. Allerdings wolle man einen „aktiven Umgang“ mit dessen Inhalten suchen.

Der „Umgang“ indes gestaltet sich schwierig – manchmal hilflos. Am Messemittwoch demonstriert der Börsenverein des deutschen Buchhandels vor dem Antaios-Stand gegen „Rassismus“. Die Bildungsstätte Anne Frank initiiert die Aktion „Mut – Mutiger – Mund auf“. Besucher lassen ihren offenen Mund fotografieren und tragen einen Anstecker mit dem Motto an ihrer Kleidung.

Als der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann, der die Buchmesse zuvor als „zu passiv“ im Umgang mit rechtsextremen Verlagen kritisiert hatte, am Mittwoch den Stand der Bildungsstätte besucht, greift er sich kurz entschlossen einen Tisch mit Kampagnenmaterial und trägt ihn zusammen mit dem Leiter der Bildungsstätte, Meron Mendel, zum Antaios-Verlag.

Eine gut gemeinte Aktion, die zur Steilvorlage für die Rechten wird. Denn in ihrem Selbstbild haben Kubitschek und Konsorten nichts mit Neonazis gemein. Den Holocaust leugnen sie nicht, beklagen allerdings im Duktus der extremen Rechten den daraus resultierenden „Schuldkult“, der ein „normales Verhältnis“ der Deutschen zur eigenen Nation verhindere. Anne Frank ist für sie keine Reizfigur. „Das Motto ,Mund aufmachen‘, das finden wir gut“, sagt Ellen Kositza und heftet sich einen Anstecker an – ebenso ihre Kinder.

Zu anderen Mitteln greifen während der Buchmesse immer wieder mutmaßlich linke Aktivisten. Schon am Mittwoch, bevor die Messe öffnet, wird ein Teil der Antaios-Auslage mit Zahnpasta und Kaffee übergossen. In der Nacht auf Freitag wird der Stand des Manuscriptum-Verlags von Unbekannten ausgeräumt und mit obszönen Zeichnungen verunstaltet. In der Nacht auf Samstag wiederum werden am Antaios-Stand Bücher gestohlen.

Meinungsfreiheit: plötzlich ganz wichtig

In die sozialen Netzwerke ergießt sich ein rechtes Lamento über „linken Faschismus“ und das Ende der Meinungsfreiheit in Deutschland, fleißig befördert vom Antaios-Verlag selbst und ihm nahestehenden Publizisten. Als am Freitag am Stand der neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ ein linker Verleger nach Zwischenrufen von einem Besucher niedergeschlagen wird, hält sich die Empörung in Grenzen. Die „Junge Freiheit“ immerhin verurteilt den Übergriff.

Der Körper des Mannes, auf dessen T-Shirt der lateinische Spruch „Pugna pro Patria“ (Kampf für das Vaterland) prangt, zittert nicht, er bebt. Eben hat er ein Päckchen mit der Aufschrift „Mielke West-Paket“ am Stand der Amadeu-Antonio-Stiftung abgegeben. „Mit Schuhcreme zum Anschwärzen“, wie er mit nervöser Stimme erklärt. „Danke. Aber wir werden es nicht annehmen“, antwortet ihm ein Mitarbeiter freundlich.  Der kräftig gebaute Besucher, dessen T-Shirt ihn als Anhänger der Identitären Bewegung ausweist, zieht wortlos von dannen.

Der „aktive Umgang“ der Buchmesse besteht unter anderem darin, der Stiftung, die sich dem Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus verschrieben hat, einen Stand schräg gegenüber des Antaios-Verlags überlassen zu haben. Eine Provokation, die zieht. Kubitschek ergeht sich während der Buchmesse immer wieder in Tiraden über die „staatlich dick eingefettete“ Stiftung, die seinen Verlag in Schacht halten soll.

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