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Sinn des Lebens Mit allen Sinnen tanzen

Hugues de Montalembert wurde Opfer eines Straßenüberfalls und erblindete. Sein neues Buch ist eine Liebeserklärung an das Leben.

11.10.2011 15:59
Martin Oehlen
In dieser Höhle wurde Montalembert in den Kosmos geschleudert. Foto: Hugues de Montalembert

Hugues de Montalembert wurde Opfer eines Straßenüberfalls und erblindete. Sein neues Buch ist eine Liebeserklärung an das Leben.

Man muss diese Geschichte mit dem Schlimmsten beginnen. Mit dem Sommerabend im Jahre 1978 in New York, als in das Leben von Hugues de Montalembert ein zerstörerischer Blitz einschlägt. Zwei Männer überfallen den Franzosen bei der Rückkehr in sein Apartment am Washington Square. Der größere der beiden Kriminellen, vermutlich Drogensüchtige auf ihrem Geldbeschaffungs-Trip, hat ein Messer in der Hand. Doch es ist der Kleinere, der Schicksal spielt: Er schleudert dem Opfer einen Farblöser ins Gesicht. Der Maler und Dokumentarfilmer, damals 35 Jahre alt, erblindet schnell und vollkommen.

Dann geschieht das Wunderbare: Hugues de Montalembert, der aus einer französischen Offiziersfamilie stammt, nimmt den Kampf auf gegen die Verzweiflung – und gewinnt. Das fängt damit an, dass er seine Wohnung in New York kündigt und nach Indonesien aufbricht. Nicht als Pauschalreisender, auch nicht in Begleitung. Sondern ganz alleine.

Das trauen sich nicht einmal viele, die im Vollbesitz ihrer Kräfte sind. Aber Hugues de Montalembert ist blind. Trotzdem reist er, wie er immer gereist war – nur dass er jetzt mit einem Stock unterwegs ist. Er hat Angst bei dieser ersten Fahrt in seinem neuen Leben, aber er bezwingt sie.

Der Mann sucht die Freiheit. Er reist weiter. Er lernt Klavier spielen. Er schreibt und inszeniert ein Ballett an der Warschauer Oper. Er begreift, dass man „mit dem Leben tanzen“ müsse und dass es „immer Hoffnung auf Erlösung“ gebe. Solche Erfahrungen hält er fest. Daraus ist jetzt ein neues Buch geworden: „Der Sinn des Lebens ist das Leben“.

„Ich verstehe kaum ein Wort Deutsch“, sagt er beim Besuch auf Mallorca, „doch mir gefällt dieser Titel hervorragend.“ Viel besser als der englische „Invisible – Unsichtbar“. Dann hustet er. Er kommt gerade aus China zurück, wo er seit 1995 immer wieder einmal einen Literaturkurs leitet: „Flaubert, Thomas Mann ... Romane der Moderne eben.“ Die Luftverschmutzung sei dort wirklich erheblich, sagt er, und hustet noch einmal: „Irgendetwas habe ich mir da geholt.“

Und China ist auch wieder sein nächstes Ziel. Er plant ein Buch über die Jugend dort. Die fasziniere ihn. Gerade jetzt, da die Großmacht einen so enormen Wandel durchmache. Darüber erfahre er in seinen Literaturkursen sehr viel, da der Gedankenaustausch ein fester Faktor seiner Vorlesungen sei. Auch er, der Lehrer, lernt dazu.

In der Küche pfeift der Kaffeekessel. Lin Utzon, seine Partnerin, hatte ihn aufgesetzt. Doch dann hatte Montalembert sie gedrängt, mit ihrer Arbeit im Atelier fortzufahren. Lin ist die Tochter des Pritzker-Preisträgers Jorn Utzon (1918–2008), der das sagenhafte Sydney Opera House gebaut hat. Und auch das Anwesen, in dem die beiden im Osten von Mallorca wohnen, hat der Architekt errichtet, „Can Feliz“ genannt, ein Traum auf vielen Ebenen.

Im Haus selbst, sagt die Designerin, könne sie nicht malen und modellieren, „denn der Ausblick in die Berge ist einfach zu schön“. Daher gibt es im Garten noch ein Ateliergebäude, wo gerade eine Reihe großer weißer Vasen mit schwarzen Überzügen versehen werden und wo die visuellen Außenreize nicht so unerbittlich sind.

„Die Tassen, aus denen wir hier trinken“, sagt Montalembert, als er mit der heißen Kanne Kaffee auf die Terrasse zurückkehrt, „die hat Lin auch gemacht.“ Weißes Porzellan mit blauem Dekor – freundlich, handlich, attraktiv. Den zarten Bambusstock, mit dem er sich im Haus orientiert, legt er vor sich auf den Tisch. Sein Gesicht ist auf den Besucher gerichtet, obwohl ein Blinder, sagt er, lieber den Kopf zur Seite legt, um besser hören zu können.

Männer haben größere Probleme als Frauen, so ist seine Erfahrung, sich auf seine Blindheit einzulassen. Vielmehr: sich auf ihn zu focussieren, ohne sich weiter von seiner Blindheit ablenken zu lassen. „Frauen sind da viel generöser, viel besser ausgestattet, viel stärker als Männer.“ Über den Augen trägt er ein Stahlblech in Brillenform. Das hat er, der Künstler, selbst entworfen. Manchmal führt er seine Zeigefinger darunter, um sich über die Augenhöhlen zu wischen. Wenn die Sonne auf dieses Blechband scheint, wirkt Montalembert noch stärker als ohnehin schon.

Der Mann möchte so unabhängig wie möglich von seiner Blindheit sein. So wie er im Himalaya herumsteigt, um ein Kloster zu besuchen, so klettert er auf der Mittelmeerinsel in eine Höhle hinab, vor der er gewarnt worden war, weil sie am Fuße der Klippen im Meer liegt.

Anfangs hatte er einen Nylonfaden gespannt, um wieder zurück zu finden. Doch der ist längst verweht, verwittert. Dort unten, wo die Wellen unaufhörlich anbranden, hat er eine seiner intensivsten Erfahrungen gemacht, sagt er. „Ich wurde in dieser Höhle – jetzt benutze ich ein großes Wort – in den Kosmos geschleudert. Ich saß im innersten Raum dieser Höhle und war vom Felsen umschlossen – das machte mir Angst, aber es war vor allem sehr aufregend. Ich spürte, dass dieses Gestein wie mein eigenes Fleisch war, dass wir alle aus dem selben Anfang stammen, aus dem Urknall und dem Sternenstaub.“

In der Höhle hat Montalembert rund 600 Fotos gemacht, dicht über der Wasseroberfläche. Er sah zwar nicht, was er dort festgehalten hat. Doch er wusste, dass ihm dort unten ein paar hervorragende Aufnahmen gelungen waren. Er wusste auch, welches die guten und welches die nicht so guten waren: „Wie das möglich ist, kann ich nicht sagen. Mir kam es vor, als wäre meine Haut, als wäre ich selbst mit allen verfügbaren Sinnen der Film, der das alles aufnahm.“ Vielleicht erscheinen die Fotos einmal in einem Bildband. Doch bislang hat er keine Zeit gefunden, das Projekt voranzutreiben.

„Ich sehe mir die Welt immer noch an“, schreibt er in seinem neuen Buch. „Die Wahrnehmung ist anders, doch für mich ist sie immer noch visuell.“ Manchmal habe er Angst, dass seine Erinnerung an die sichtbare Welt verblasse und nur noch „ein abstraktes Universum aus Hörbarem, Riechbarem und Fühlbarem“ übrig bleibe. Hat er auch jetzt, da wir über sein Buch sprechen, einen visuellen Eindruck von dem Gespräch, das wir führen? Er lacht. „Nein, der kommt erst später.“

Dass er nicht verzagt, dass er nicht klagt – man staunt vor Glück und Hochachtung. Disziplin allein reicht für eine solche Charakterstärke nicht aus. Er selbst erklärt es im Gespräch auch damit: Als Journalist habe er über den Vietnamkrieg berichtet, er wisse um viele schlimme Schicksale.

Und im Buch erzählt er die Geschichte eines Taxifahrers, der ihm in Paris sein Mitleid bekundete. Darauf habe er geantwortet: Es gebe Menschen, die viel schlimmer verwundet seien, denen man es aber nicht ansehe. Daraufhin habe der Taxifahrer, der aus Kambodscha stammte, eine Weile geschwiegen und schließlich gesagt: „Monsieur, ich verstehe sehr gut, was Sie meinen, denn in Kambodscha haben sie meine Frau und meine vier Kinder vor meinen Augen getötet.“

Bevor wir über einen staubigen Feldweg hügelabwärts rollen, gibt uns Montalembert noch einen Tipp mit auf den Rückweg. Zwar mag er die Küste nicht, weil man dort nicht mehr als Person behandelt werde, sondern nur noch als „eine Kuh, die gemolken werden muss.“ Doch rät er, auf der Fahrt zum Flughafen von Palma einen Abstecher nach Portocolom zu machen: „Da gibt es hübsche kleine Lokale an der Promenade, die Aussicht ist schön und der Rummel ist nicht so heftig wie im benachbarten Cala d’Or.“ Der Mann, der nicht mehr mit den Augen sehen kann, sieht das vollkommen richtig.

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