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Isländer in Frankfurt Frei im Kopf

Zur Buchmesse trifft man überall in Frankfurt Isländer - ganz anders als sonst.

10.10.2011 19:26
Die Übersetzerin Betty Wahl pendelt zwischen Frankfurt und Reykjavik. Foto: Boeckheler

Die Isländer kommen, über drei Dutzend Autoren haben sich angekündigt. Und wenn mal keine Buchmesse ist? Stößt man auf einen Isländer erst nach Verabredung, die Nordländer machen sich rar. Arthur Björgvin Bollason etwa lebt seit acht Jahren in Frankfurt. Er kam als Doktorand zur Koryphäe des Instituts für Skandinavistik, Klaus von See, und blieb als Pressesprecher der Icelandair. Bollason (60) ist ein hoch gewachsener Mann mit blondem Haar und wasserblauen Augen, der auf Zack ist.

Er sei „Schulpoet“ auf dem Gymnasium gewesen, berichtet er, habe 25 Jahre lang Besuchergruppen über seine wilde und beständig brodelnde Heimatinsel geführt, eine Zeit lang das Sagazentrum in Hvolsvöllur gehütet, Sten Nadolny und Erasmus von Rotterdam ins Isländische übersetzt, Sachbücher über die Sagas geschrieben und Gedichte veröffentlicht. Bringt denn jeder Isländer in seinem Leben wenigstens einen eigenen Gedichtband heraus, Herr Bollason? „Ja“, sagt er und lacht. Der Vertrieb sei aber auch einfach: Die jungen Leute gingen mit ihren selbst verlegten Büchern in die Kneipen, und deren Gäste griffen gut gelaunt zu.

Er zitiert den Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness: „Die Isländer machen seit Jahrhunderten aus ihrem Dasein Fabeln.“ Bollason ist froh, dass die Buchmesse Island groß herausbringt, nachdem es zuletzt mit dem Crash des nationalen Bankensystems und dem großen Vulkanausbruch in den Schlagzeilen war. „Jetzt blickt man auf unser Land wegen einer interessanteren Sache und einer, die wir auch können“, sagt er und lächelt. Immerzu lächelt Arthur Björgvin Bollason.

Es ist dieses Lächeln der Isländer, weswegen Betty Wahl seit 20 Jahren zwischen Frankfurt und Reykjavík pendelt. Die Sommer verbringt sie auf der Insel, wo die Menschen offener sind und einfach weniger motzig als hier, wie sie findet.

Es ist die viel zitierte, viele Jahrhunderte währende Schreiblust der Isländer, die Betty Wahl ernährt. Die 46-Jährige ist Übersetzerin und dank der Buchmesse gefragt wie nie. In ihrer Wohnung in Sachsenhausen stapeln sich ihre Bücher, allein sechs hat sie voriges Jahr übersetzt, darunter „Das Gleißen der Nacht“ von Sjón, „Am Sandfluss“ von Gyrðir Elíasson, „Taxi 79 ab Station“ von Indriði G. Þorsteinsson , „Schlafsonate“ von Þórdís Björnsdóttir. Sie war auch am Mammutprojekt der Neuübersetzung der Isländer-Sagas beteiligt.

Seit mehr als zwei Jahren steht ihr Berufsleben im Zeichen der Island-Buchmesse. Mal waren die Übersetzungen „ein wahres Fest“, mal war der Stress fast übermächtig, berichtet Betty Wahl: „Ich sag mir dann immer: Schlafen kann ich nach der Buchmesse.“

Seit eben diesen zweieinhalb Jahren fungiert Arthur Bollason als Frankfurter Brückenkopf des Ehrengastland-Auftritts. Als Mitglied des Organisationskomitees „Sagenhaftes Island“ warb er viel für die Dichtungen aus dem Norden, in denen die Natur eine so große Rolle spielt und die sich aus seiner Sicht deshalb so gut mit Tourismus verbinden lassen. Bollason ist zufrieden: Das Interesse an Island sei riesig, das habe die Reihe „Dichter, Trolle & Vereine“ mit Lesungen isländischer Autoren in den Stadtteilen gezeigt.

Arthur Bollason ist eines jener typischen Multitalente, die Betty Wahl in Island oft trifft: „Die Isländer müssen nicht erst etwas offiziell gelernt haben, bevor sie es machen. Was sie interessiert, machen sie.“

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