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Deutscher Buchpreis 2012 "Ich bin eine poetische Anwältin"

Der "bewundernswert kühle" Roman "Landgericht" um einen jüdischen Richter, der nach 1945 wieder seinen alten Job wiederhaben will, hat ihr den Deutschen Buchpreis 2012 eingebracht: Ursula Krechel.

Ursula Krechel, Buchpreisträgerin. Foto: dapd

Nicht nur die Juroren, auch die Mitlesenden müssen Jahr um Jahr mithalten, wenn der Deutsche Buchpreis Fahrt aufnimmt, erst im Spätsommer zwanzig, dann im Fast-schon-Herbst sechs Titel übrig bleiben – bei einem Jahrgang, der keine Neigung zeigt, sich kurzzufassen. So kann es wohl sein, dass man erst vor wenigen Tagen solche Sätze las: „Am besten, man war wortkarg, sah nicht nach links und nicht nach rechts und tat seine Arbeit. Am besten, man war tot.“ Und dass der Leser solcher Sätze dachte, dass ein Buch, in dem solche Sätze stehen – hart und lakonisch, und sie sind die Gedanken eines jüdischen Rückkehrers mit Blick auf sein Leben in der jungen Bundesrepublik –, dass ein solches Buch also doch stark in Betracht kommt. In der Tat.

Die in Trier geborene, in Berlin lebende Schriftstellerin Ursula Krechel hat gestern Abend im Frankfurter Römer für ihren Roman „Landgericht“ den mit 25?000 Euro dotierten achten Deutschen Buchpreis überreicht bekommen. „Landgericht“ erzählt die Geschichte des Richters Richard Kornitzer, der an seinem Leben als Remigrant, aber auch am nicht sehr verhohlen auftretenden Antisemitismus in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg scheitert. Kornitzers Kampf um „Wiedergutmachung“ ist so vergeblich wie sein Beharren auf Rechtsstaatlichkeit. Er ist wütend, aber auch schrecklich verzagt. Seine Familie ist in den Wurzeln zerstört.

Das sei „ein bewegender, politisch akuter, in seiner Anmutung bewundernswert kühler und moderner Roman“, so die Jury. Sie lobte die Sprache, die „zwischen Erzählung, Dokumentation, Essay und Analyse“ oszilliere. „Bald poetisch, bald lakonisch“ zeichne Krechel ein „präzises Bild der frühen Bundesrepublik“. So Bitteres, kann man hinzufügen, hat man darüber lange nicht gelesen – oder noch gar nicht, nicht so jedenfalls? Ohne Verbissenheit, aber doch unerbittlich, so ungeziert, aber doch literarisch so gefeilt?

Als „freischaffende poetische Anwältin“ bezeichnete sich Krechel in ihrer Dankesrede (den Zettel dafür musste sie erst ein Weilchen aus den Sitzreihen angeln, sie seien aber schließlich Schreiber, keine Redner). Sie erinnere sich noch an das „tödliche Schweigen“, berichtete die 64-Jährige. Vor einigen Jahren, betonte sie, sei das, was sie heute schreibe, ästhetisch und auch persönlichkeitsrechtlich noch gar nicht möglich gewesen. Erst langsam öffneten sich die Archive.

Der Schweizer Literaturkritiker Andreas Isenschmid hatte für die insgesamt sieben Mitglieder der Jury zuvor erklärt, bis zuletzt sei sehr kontrovers diskutiert worden (dabei aber kollegial und freundlich im Ton, so Isenschmid). „Auch die, die anders gewählt hätten, können sehr gut damit leben, glaube ich.“

Suhrkamp geht am Ende leer aus

Am Ende hat der triftigste, auch strengste, auch am klarsten zielgerichtete Titel einer Shortlist gewonnen, die die Spannung ungewöhnlich hoch halten konnte: so schwer zu vergleichen die Konkurrenten, so deutlich der über ein halbes Jahrhundert reichende Altersunterschied bei den letzten sechs (von Ernst Augustin, Jahrgang 1927, bis Clemens J. Setz, Jahrgang 1982), so vieldiskutiert die überproportionale (fünfzigprozentige) Präsenz des Suhrkamp Verlags. Der zudem mit starken Vertretern im Rennen war, um doch leer auszugehen.

Stattdessen gewann der kleine österreichische Jung und Jung Verlag aus Salzburg, der mit der Außenseiterin Melinda Nadj Abonji bereits vor zwei Jahren in Frankfurt die Auszeichnung holte. Das ist schon ein Knaller, und es fällt schwer, das für einen Zufall zu halten. Es ist auch nicht nur eine Ermutigung für kleine, nein, winzige Verlage, sondern zugleich eine Ermahnung. Offenbar geht es ja.

Übrigens gewann auch die einzige Frau, die auf einer von vornherein eher männlichen Liste zuletzt noch vertreten war. Die Jury hatte wiederholt betont, ein wie auch immer geartetes Gleichgewicht, um von einer Quote nicht zu sprechen, spiele keine Rolle. Das haben die Juroren jedenfalls durchgehalten.

Ihr sei ein bisschen schwindelig, sagte Ursula Krechel. Lächelte aber gefasst. Erinnerte an den schwerkranken Mitbewerber Wolfgang Herrndorf, der nicht anreisen konnte. Erklärte, dass „Landgericht“ ihr 23. Buch sei, ein „Gang übers Eis“ jedes davon. Empfahl dem Publikum schließlich, sich einmal in einer Gerichtsverhandlung einzufinden, wenn es um den Fall eines Migranten gehe.

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