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Buchmesse in Frankfurt Warum hat Genazino 3 Schreibmaschinen?

22 Fragen und Antworten zur Frankfurter Buchmesse, auf der sich am Wochenende jeder Bürger aber auch selbst einen Eindruck machen kann.

Bei einem von 7100 Ausstellern. Foto: dpa

Lesen Männer anders als Frauen? Möglicherweise eben doch. Buchpreisträger Bodo Kirchhoff („Widerfahrnis“) erklärt auf eine Bemerkung aus dem Publikum hin, dass er schließlich „Effi Briest“ gelesen habe, ohne sich zu fragen, was das mit ihm zu tun habe. Luzia Braun wirft ein, dass sie sich diese Frage beim Lesen von „Effi Briest“ durchaus gestellt habe. Kirchhoff erklärt, auch bei Winnetou habe er sich das nicht gefragt. Braun sagt: Da war ich Nscho-tschi. Beim Thema wäre man gerne noch geblieben. Das ist aber in etwa auch das Einzige, was auf der Frankfurter Buchmesse nicht zu haben ist: bei einem Thema zu bleiben.

Spielt Bob Dylan auf der Buchmesse eine Rolle? Nein.

Ist die Buchmesse wenigstens für Wilhelm Genazino ein Heimspiel? Nein, sagt der Frankfurter Genazino („Außer uns spricht niemand über uns“), er sei jedes Mal aufgeregt und habe sich zum Beispiel angesichts der Stufen zum Podium, die er ohne weiteres herunterfallen könnte, sofort gefragt: „Warum hilft mir keiner?“ Diese Frage ist aber offenbar rhetorisch und muss nicht beantwortet werden.

Warum schreibt Wilhelm Genazino auf einer Schreibmaschine? Weil er während der Arbeit nicht Teil einer Apparatur sein möchte, die ihn, via Kabel oder Funk, mit irgendetwas verbindet. Weil er Stille will, wenn er selbst nicht gerade schreibt. Das sind gefährliche Antworten, wenn einem klar wird, dass man bloß noch nie darüber nachgedacht hat.

Aber warum hat Wilhelm Genazino drei Schreibmaschinen? Er hat sich eingedeckt, weil er gelesen hat, die Schreibmaschinenproduktion werde bald zum Erliegen kommen.
Spielen Zettel angesichts der Digitalisierung auf der Buchmesse eine Rolle? Absolut. Es wimmelt von Menschen, die sich rasch etwas auf ein Papier kritzeln, vornehmlich wohl Buchtitel. Dass solche Zettel dann wiederum irgendwo liegen bleiben, wo man kurz ausruhen kann, ist betrüblich, diese Mühe und dann doch wieder diese Schlamperei. Auch Wilhelm Genazino trägt stets Zettel bei sich, erklärt er, aber er steckt sie gleich in die Tasche zurück und kann sie daheim auswerten.

Spielt Bob Dylan auf der Buchmesse wirklich keine Rolle? Der Name fällt natürlich. Die Leute sind dafür oder dagegen, was einem zunächst unheimlich entschlossen vorkommt. Aber zu größeren Schimpftiraden lässt sich keiner hinreißen. Und die Lobeshymnen finden anscheinend ebenfalls woanders statt. Über die Tage setzt sich eher der Eindruck fest, dass es den meisten Menschen auf der Frankfurter Buchmesse einfach nicht so wichtig ist. Zwei Verlagsfrauen lächelten versonnen und erzählten, wie gerne sie früher Bob Dylan hörten. Nicht mal sie sagen: Bobby. Die Aufregung um Dario Fo 1997 war größer. Man denkt zwar oft, die Welt würde immer aufgeregter, aber das gilt nicht für alle ihre Teile.

Ist der Auftritt des Gastlands gelungen? Ja, sehr. Im Forum, wo sich Flandern und die Niederlande vorstellen, läuft man auf Backsteinen, die so frisch verlegt sind, dass sie unter den Füßen manchmal eine Spur knirschen, so dass schon das Laufgefühl originell ist. Rundum läuft ein Vorhang, auf den ein Strand- und Meerespanorama projiziert wird. Es entsteht so viel lichte Weite, wie in einem karg, aber raffiniert beleuchteten Innenraum überhaupt möglich ist. In Kojen mit milchigen Zwischenwänden findet sich Vertrautes und Überraschendes.

Ja, was denn zum Beispiel? 770 Buchtitel. Aber auch lose Pfefferminzbonbons, die nicht übel schmecken. Oder ein Tisch, an dem friedfertige Grafiker und Comiczeichnerinnen zeichnen. Sie sind fleißig, aber auch offen für Gespräche, und sie sind der lebendige Beweis dafür, dass der Mensch binnen Minuten ein Terrain komplett mit seinen Utensilien vollstopfen kann. Oder ein musikalischer Vortrag, den man über ein, äh, Virtual Reality Headset vorgeführt bekommt. Wenn alles klappt, sieht man dabei außerdem weitere Personen auf der Messe, die dasselbe machen. Zu hören ist zeitgenössische Musik. Mit zeitgenössischer Musik ist hier nicht Bob Dylan gemeint.

Eignet sich die Buchmesse denn auch für Menschen, die sich nicht so für Bücher interessieren? Klar.

Was ist das für bezirzende Musik zu dem reizenden Trickfilm? Iosif Ivanovicis „Donauwellen“.

Wo liegt Antwerpen? Peinlich, dass die Frage dem Herrn so zwanglos aus dem Mund fällt. Die Helferin antwortet noch mit Engelsgeduld oder ist bereits leidgeprüft.

Wer ist das? Die am häufigsten gestellte Frage auf der Buchmesse. Das ist der französische Premierminister Manuel Valls, liebe Kinder. Der Vater sodann: Kommt weiter, nicht so wichtig, den müsst ihr nicht gesehen haben.

Und was kann man machen, wenn man sich nicht für Bücher interessiert? Man kann zum Beispiel gegenüber dem Blauen Sofa ein Foto von sich herstellen und in alle Welt senden, jedenfalls seinen Lieben in Bottrop, wie in diesem Fall. Ein weiteres Foto können die strahlenden Damen in ihre Handtasche stecken.

Reicht den Leuten das? Natürlich nicht. Nebenan signiert Donna Leon, malt Namen ab, die Menschen ihr auf Zetteln (!) anreichen. Und trotzdem muss es zwischendurch noch ein Foto sein. Ich persönlich hätte Angst gehabt, dass Donna Leon mich erwürgt, obwohl sie lächelt. Wie immer aber ist die Buchmesse auch ein Ort für Allesmitnehmer.

Und was kann man noch machen, wenn man sich nicht für Bücher interessiert? Notfalls schlägt man sich zu den britischen Schreibwaren durch und versucht, einen Spiralblock in Buchstabenform zu ergattern. Man bewegt sich dabei in einer Grauzone, Vorsicht.

Ist es sinnvoll, hier nach einem Verlag für das eigene Manuskript zu suchen? Vielleicht wenn man sich den Druck finanziell leisten kann. Aber dafür braucht man keine Buchmesse. Ansonsten ist es sinnlos. Wir erinnern an den Grund, den Kirchhoffs „Widerfahrnis“-Hauptfigur Reither dafür angibt, dass er seinen Verlag zumachte: Es gebe inzwischen mehr Schreibende als Lesende. Vor dem LitAg, dem Literary Agents & Scouts Centre, einem mit Sichtschutz ausgestatteten und entsprechend sofort von Schaulustigen umkreisten Areal, auf dem sich Agenten und Kundschaft treffen – „access by appointment only“ –, liegt ein mehrseitiges Merkblatt aus. Wir legen es Manuskriptinhabern ans Herz, auch denen, die sich bislang vertrauensvoll an die FR wenden. Ja, es hat Züge einer Warnung – tun Sie dies nicht, tun Sie das nicht –, und vor der LitAg-Wand könnte man meinen, dass der seriöse Publikumsverlag das Europa der Buchautoren ist. Aber die Situation ist nicht dramatisch, sie erfordert bloß Disziplin (Merkblatt S. 3, „Tipps was Ihr Exposé beinhalten sollte und was nicht“: „Psychoanalytische Passagen über die Charaktere, die über die Haupthandlung hinausgehen, sollten Sie sich für das Buch an sich aufheben.“)

Und worauf schreiben niederländische Autorinnen und Autoren ihre Bücher? Auf todschicken Computern, alle. Das dokumentiert die Fotoserie „Schreibzimmer“. Wenn man so ein Schreibzimmer hätte, könnte man vielleicht auch ein Buch schreiben. Oder man könnte kein Buch schreiben, weil man nur aus dem Fenster gucken und Computerspiele machen würde.

Hat sich die Welt seit der vergangenen Buchmesse signifikant verändert? Nein. Wieder ist Abu-Dhabi mit einem orientalisierenden Prachtstand vertreten, während direkt daneben einige syrische Verlage minimalistisch auftreten. Aber sie treten auf. Die iranische Gemeinschaftspräsentation sieht jetzt eine Diskussion zum Thema „Women in the context of Iranian publishing“ vor. Stattdessen machen zwei Teenager Musik. Das hat sicher Gründe, aber die nette Dame am Stand kennt sie nicht.

Was war lange nicht mehr zu hören? „Draußen nur Kännchen.“ Moderator René Aguigah nennt das im Gespräch mit Asfa-Wossen Asserate („Die neue Völkerwanderung“) als Beispiel dafür, wie wichtig es für ihn gewesen sein müsse, sich von deutschen Sitten nicht zu sehr überraschen zu lassen. Ein erfrischendes Beispiel, auch dafür, dass die Dinge sich manchmal doch ändern und nicht nur zum Schlechten.

Und wie war’s abends bei der „Literatur im Römer“? Gut und unheimlich voll. Es gibt ja eine zweite Halle, in der man auf einem Bildschirm zuschaut, aber die Halle ist auch sofort voll. Dafür wird Süßgespritzter verkauft, ohne dass jemand borniert eine Schnute zieht. Lernt davon, ihr Frankfurter Apfelweinwirte.

Und wann geht’s jetzt hin? Am Samstag, 9 bis 18.30 Uhr, am Sonntag, 9 Uhr bis 17.30 Uhr, dann gerne mit Einkaufstäschchen (faltbar, empfehlen die Veranstalter, und es gelten die Ladenpreise). Buchungen auf buchmesse.de. Aber die Messe hat bereits versichert, dass jeder reinpassen wird.

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