Lade Inhalte...

Buchmesse-Fotoquiz „Jesus Christ, der Mosebach?“

Frankfurt kann Buch, aber nicht alle Frankfurter können Buchautoren: Das ist das durchwachsene Resultat der FR-Umfrage des Monats.

Karl-Heinz Koch – der Mann weiß Bescheid. Foto: christoph boeckheler*

Noch bedenklicher: Wenn Frankfurter einen Buchautor erkennen – wir müssen jetzt sehr stark sein –, dann Lothar Matthäus. Aber der Reihe nach. Jeden Monat – oder sagen wir: Fast jeden Monat geht das FR-Straßenumfrageteam mit einer Handvoll Fotos auf die Bürgergesellschaft los und will Namen hören. Weil jetzt Buchmesse ist, haben wir natürlich Fotos von Schriftstellerinnen und -stellern ausgewählt. Die halten wir am Rande des Messegeländes den wahllos überfallenen Passanten unter die Nasen – mit der höflichen Bitte, uns zu sagen, wer drauf ist.

Aber hören wir doch einfach mal in ein typisches Interview hinein.

FR: „Guten Tag, wir sind von der Frankfurter Rundschau, machen Sie doch bitte mit bei unserem fröhlichen Quiz zur Buchmesse und sagen Sie uns, welche Autoren auf unseren Fotos zu sehen sind.“ Passant: „Nein.“

So enden 94,2 Prozent aller Anbahnungsgespräche. Dies nur zur Info, um Ihnen einmal zu zeigen, welch hartes Brot unser Straßenumfrageteam zu kauen hat. Beliebteste Absage-Begründungen: „keine Zeit“ (62 Prozent), „keine Ahnung“ (29 Prozent), und wenn man eine Schülergruppe bittet, Schriftsteller auf Fotos zu erkennen: schallendes, ja brüllendes Gelächter, sich auf dem Boden wälzende, nach Luft ringende Pubertätspakete. Egal. Weiter mit unserem Helden Karl-Heinz Koch.

FR: „Hallo, hätten Sie mal Zeit usw.?“

Koch: „Eigentlich nicht, aber zeigen Sie mal. Nummer 1, das ist Mrs Rowling, die mit den Harry-Potter-Geschichten.“

FR: „Bravo!“

Koch: „Hier, die 2, das ist Günter Grass, die 3 … muss ich noch mal nachdenken, die 4 sieht ein bisschen aus wie Arno Schmidt …“

FR: „Fantastisch!“

Koch: „… die Nummer 5, das ist, aaach, die 6 kenn ich auch, die 7, na klar, weiß nur im Moment nicht, aha, ja, die 8 ist Lothar Matthäus, und die 9 ist die Emma, die Alice Schwarzer.“

FR: „Wir sind begeistert.

Koch: „Die Nummer 5, ist das eine Engländerin?“

FR: „Weiter nördlich.“

Koch: „Ach hier – Astrid Lindgren!“

Wie sich herausstellt, weiß Koch sogar den wichtigsten Buchtitel von Arno Schmidt zu nennen („Zettels Traum“), arbeitet bei der Commerzbank und ist deshalb so in Eile, weil er mit Kollegen zum Essen verabredet ist. Dass er trotzdem so sympathisch mitmacht, dafür gebührt ihm das wahrscheinlich größte Lob, das die FR einem Mitarbeiter seiner Berufssparte in den vergangenen zehn Jahren gemacht hat.

Aber weiter. Jessica und Georgina sind so mutig, sich vor dem Messeturm ansprechen zu lassen, behalten aber ihre Nachnamen lieber für sich. Hier ihre Serien. Jessica: „1: Nee, sagt mir nix. 2: Mm-mm. 3: Nee. 4: Nein. (…) 8: Ah ja, den kenne ich, Lothar Matthäus. 9: Schon mal gesehen.“ Jessica liest viel, interessiert sich aber in der Regel nicht dafür, wie die Autoren aussehen, und geht jetzt ins Skyline-Plaza einkaufen. Und nun Georgina: „Günter Grass. Die Hälfte der anderen kenne ich vom Sehen.“ Vielleicht sogar vom Lesen.

Viele Menschen fragen sich, ob Lothar Matthäus in dieser Umfrage nicht völlig fehl am Platz ist, aber da müssen wir sagen: Nein, Lothar Matthäus hat Bücher geschrieben, ob uns das passt oder nicht. Und es gibt ja wohl wirklich Schlimmeres auf der Welt. Einmal spazierten wir am Strand einer Kanarischen Insel entlang und stießen innerhalb von 20 Minuten auf drei Personen (!), die ein Buch von Stefan Effenberg (!!) lasen.

Zurück in die reale Welt. Umfrageteilnehmer Högni Magnussen erinnert uns irgendwie an Skandinavien. Das könnte unter Umständen an seinem Namen liegen. Und richtig – er kommt aus Skandinavien, erkennt allerdings nicht die Skandinavierin in unserem lustigen Fotoquiz. „Astrid Lindgren war dabei?“, sagt er verblüfft. „Dann war das aber ein älteres Foto.“ Ja, das kann sein.

Wir ziehen weiter an den Ort der Fachleute: den Büchermarkt an der Bockenheimer Warte. Und da kommt auch schon Andrea Gesari mit dem Fahrrad und lässt sich zur Teilnahme überreden. „1: Nee. 2: Das ist der Grass. 3: Da fällt mir der Name nicht ein. 4: Mit Namen stehe ich auf Kriegsfuß. (…) 8: Matthäus. Schrecklich. 9: Das ist die Alice Schwarzer.“ Im anschließenden Gespräch erweist sich, dass Andrea Gesari nicht direkt im Bücherwesen arbeitet, sondern im Lottoladen in der Warte, und sie ist der einleuchtenden Meinung: „Es geht ja um die Geschichten, nicht um die Gesichter. Ich brauche das Gesicht des Autors nicht, wenn das Buch gut war. Vielleicht interessiere ich mich hinterher für das Gesicht. Aber immer zuerst für die Geschichte.“

Jetzt aber zu den Buch-Experten. Christian Viets, einer der Gebrauchtschmökerhändler, erkennt Grass, Schmidt, „unsere Freundin aus Schweden, Astrid Lindgren“, Juli Zeh, Lothar Matthäus („das ist aber kein Schriftsteller“), Andreas Maier und Alice Schwarzer, „die Frau, die vor lauter Angst um ihr Geld die Steuern veruntreut hat“.

„Stopp, er ist Analphabet“, schallt es da aus dem Hintergrund. Das war Viets’ Kollege Norbert Heinz. Na, der traut sich ja was – und wird natürlich zur Strafe sofort als Quizteilnehmer verhaftet. Ihr Auftritt, Herr Heinz! Und siehe da, er stellt angesichts der Fotos interessante Fragen: „Ist das die Maletzke? Jesus Christ, der Mosebach? Cornelia Funke in jungen Jahren?“ Besten Dank fürs Mitmachen, und was bringt die Buchmesse dem Secondhand-Markt? „Nicht viel“, sagt Heinz, „die ist eher hinderlich, weil unsere Kundschaft auf die Messe geht und nicht zu uns.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen