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Buch über Finanzkrise Mit Haien im blutigen Becken

John Lanchester erklärt in seinem Buch "Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt" leichtfüßig die Finanzkrise. Und macht sich keine Illusionen, wie schwierig und unwahrscheinlich echte Reformen des Finanzsektors sind.

15.05.2013 16:10
Lutz Lichtenberger
Banken-Skyline in Frankfurt: Mit der Finanzkrise beschäftigt sich John Lanchester in seinem neuen Buch. Foto: dpa

Der britische Wirtschaftshistoriker David Kynaston wirft im letzten Teil seiner monumentalen vierbändigen Geschichte der City of London einen verwunderten Blick auf die Tatsache, dass in sozialistischen Ländern Kindern von der Grundschule an fest entschlossen die Funktionsweise – und die Überlegenheit – der marxistischen Wirtschaftstheorie eingeimpft wurde, dass es aber in der kapitalistischen Welt nichts Vergleichbares gegeben habe. Von dem, was sich in der City, dem Finanzzentrum der britischen Hauptstadt, abspiele, habe in England kaum jemand eine Ahnung.

John Lanchester, dessen Roman „Kapital“ Anfang des Jahres in Deutschland erschien, knüpft an diese Beobachtung Kynastons an. Sowohl die Rechte als auch die Linke sei empört über den Gedanken, aber tatsächlich habe die westliche Bevölkerung von der Existenz, der Politik, dem Beispiel der Ostblockstaaten profitiert. Der Kalte Krieg sei einem ideologischen Schönheitswettbewerb gleichgekommen, Osten und Westen hätten ihre Gesellschaften als die gerechtere, bessere darzustellen versucht. Bildung, Gesundheitsvorsorge und bezahlter Urlaub, ein Zuwachs an Möglichkeiten und Rechten sei im Westen die Folge gewesen.

Buchstabensuppige Finanzprodukte

Lanchester erzählt in seinem Buch „Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt“ noch einmal die Geschichte, wie die Welt in die große Finanzkrise geriet. Und wie ein guter Romancier versteht es Lanchester, verschiedene Handlungsstränge und Entwicklungslinien, Nah- und Fernaufnahmen, Personen und Pointen, das große Bild und das kleine Detail zu einer überraschend leichten Erzählung zusammenzuführen.

All die neuen buchstabensuppigen Finanzprodukte – CDO, CDS, SPV – folgten einem im Kern humanistischen Projekt: der Zähmung, Beugung, Beseitigung des Risikos. Ausgerechnet im Ost-West-Schicksalsjahr 1989 verwenden Investmentbanken erstmals das Berechnungsmodell VAR – Value at Risk, eine komplizierte Formel, mit der Risiko beziffert werden können soll, dem die Bilanzposten einer Bank ausgesetzt sind.

Das Risiko von Versicherungen auf Schuldverschreibungen, nichts anderes sind CDOs, CDSs und SPVs, orientiert sich der VAR-Formel zufolge nicht daran, wie häufig in der Vergangenheit Schuldner ihre Schulden zurückzahlen konnten, sondern an dem Preis, den Dritte für die zusammengefassten und bis zur Unkenntlichkeit neu verschnürten Pakete Tausender Darlehen zu zahlen bereit sind, bereit waren.

Die selbstbezügliche Rechnung war geradezu prädestiniert dazu, eine gigantische Blase zu erzeugen, die platzte, als die tatsächlichen Zahlungen überforderter Hausbesitzer ausblieben.

Die machtlose Politik

Im Jahr 2000 betrug der nominelle Wert derartiger Schuldscheine 275 Millionen Dollar, 2006 waren es 4,7 Billionen, für das Jahr 2012 sind Schätzungen bei einer unbestätigten Billiarde angekommen. Lanchester erinnert daran, dass sich die einst sinnvollen Instrumente der Risikostreuung in ihr Gegenteil verkehrt haben: „Es ist, als ob die Erfindung von Anschnallgurten die Menschen dazu verleitet hat, betrunken Auto zu fahren.“

Der in Hamburg geborene und als Sohn eines Bankers in Hongkong aufgewachsene Autor macht sich keine Illusionen, wie schwierig und unwahrscheinlich echte Reformen des Finanzsektors sind. Zu mächtig sind Wall Street, City of London und der Börsenplatz Frankfurt, zu machtlos bis unwillig ist die Politik, daran etwas zu ändern. Versagt hätten ohne Zweifel auch die Regulierungsbehörden und Ratingagenturen.

Ihr Scheitern sei aber nicht einfach das eines Bademeisters, der übersehen hat, dass einige Schwimmer in Schwierigkeiten geraten sind. Das verantwortungs- bis gewissenlose Treiben der Finanzindustrie sei vielmehr mit Schwimmern zu vergleichen, die heimlich Blut ins Wasser gekippt hätten – mit der Vorstellung, dass es mit Haien im Becken doch noch unterhaltsamer wäre.

John Lanchester: Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt. Die bizarre Geschichte der Finanzen. Klett-Cotta, Stuttgart, 2013, 302 S., 19,95 Euro.

Eine Leseprobe zu Lanchesters Buch finden Sie hier.

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