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Brüssel Ein Gespenst geht um in Europa

Brüssel war seit der Gründung des belgischen Staates eine der Hauptstädte des Exils. Politisch Verfolgte aus Europa kamen hier zusammen, darunter Karl Marx.

Meeting in Paris addressed by Karl Marx and Freidrich Engels
Autumn 1844 meeting in Paris addressed by Karl Marx and Freidrich Engels. Karl Marx (5 May 1818 – 14 March 1883) was a German philosopher, economist, sociologist, historian, journalist, and revolutionary socialist Foto: (World History Archive)

Brüssel, die Hauptstadt Belgiens, eines zerklüfteten Landes, das sich auf die Pflege alter Feindschaften und – muss man wohl hinzufügen – ihre Domestizierung versteht, erstreckt sich heute über 32,61 Quadratkilometer auf denen sich – so die offizielle Zählung – 178 000 Einwohner tummeln. Zum Vergleich sei daran erinnert, dass die Stadt Berlin 3,5 Millionen Einwohner auf 892 Quadratkilometern unterbringt. Aber natürlich verteilt – oder besser: konzentriert – sich die Bevölkerung auf dem mehr als 20-mal größeren Territorium viel signifikanter als das in Brüssel der Fall ist. Um 1840 hatte die Stadt Brüssel gerade mal auf 316 Hektar – ein Hektar sind 10 000 Quadratmeter – 2438 Einwohner unterzubringen. Wunderbare, übersichtliche Zeiten, wird der eine oder andere jetzt denken. Ganz falsch.

Brüssel war eines der Zentren des internationalen Exils. In der Stadt und in den umliegenden Gemeinden lebten Emigranten aus Polen, Frankreich, aus Österreich und den Staaten des Deutschen Bundes. Es gab Italiener dort, Russen und Spanier. Es waren Arbeitsmigranten und solche, die ihre Herkunftsländer aus politischen Gründen hatten fliehen müssen. Beide kamen im Exil schneller zusammen, als es in ihrer Heimat gelungen wäre.

Das lag nicht nur an der Polizeiaufsicht dort. Die Gemeinsamkeit der Fremde überwog oft die Unterschiedlichkeit der Standesherkunft. Schneider und Schuster trafen auf Doktoren der Philosophie, auf Juristen und Fabrikantensöhne. Man traf sich in denselben Lokalen, besuchte dieselben Veranstaltungen, las dieselben Zeitungen, arbeitete vielleicht sogar in den selben Redaktionen.

Das junge Belgien hatte eine der freiesten Verfassungen der Welt. Wer Ärger mit seiner oder mit einer anderen Regierung hatte, der floh nach Brüssel. Hier traf er auf andere Flüchtlinge. Das Exil wirft die Menschen aus unterschiedlichsten Herkünften zusammen. Es bilden sich fortwährend neue Koalitionen. Im Exil werden die Ideen nicht an den Realitäten, sondern an anderen Ideen überprüft. Der Streit, die Auseinandersetzung um die richtige Einschätzung der Lage, um das, was zu tun wäre, würde man denn etwas tun, ist das Element, in dem Exilanten sich bewegen.

Karl Marx war einer von ihnen. Er hatte auf der Flucht vor den ihn als Redakteur der „Rheinischen Zeitung“ verfolgenden preußischen Polizeibehörden, zusammen mit seiner frisch angetrauten Gattin Jenny von Westphalen, im Oktober 1843 Paris aufgesucht und hatte dort zusammen mit Friedrich Engels wortgewaltig zu einer Abrechnung mit den Linkshegelianern, zu denen er sich selbst gezählt hatte, ausgeholt. Im März 1845 – im Vormonat war er aus Paris ausgewiesen worden – erschien „Die Heilige Familie“, ein in seinem Furor gegen engste und bis vor kurzem bewunderte Kampfgenossen ganz typisches Stück politischer Emigrantenliteratur.

Daneben saß Marx bereits an einem Versuch, sich die Welt auf dem Wege einer „Kritik der politischen Ökonomie“ verständlich zu machen. Die sogenannten „Pariser Manuskripte“ wurden aber erst 1932 veröffentlicht. Auch die damals entstandenen Thesen über Feuerbach – „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern“ – erschienen erst 1888, also nach Marx’ Tod. „Die Deutsche Ideologie“, ein vernichtender Verriss anderer Vorstellungen vom Sozialismus, an dem Karl Marx und Friedrich Engels damals arbeiteten, wurde auch erst 1932 veröffentlicht.

Auseinandersetzung innerhalb der Linken

Die intellektuelle Vernichtungslust, zu der Marx zeitlebens fähig war, konzentrierte sich in den Pariser und Brüsseler Jahren fast ganz auf die Auseinandersetzung innerhalb der Linken. Es sind Arbeiten, in denen der junge Mann seine eigene Position in der Auseinandersetzung mit denen der Freunde, die dadurch oft zu ehemaligen Freunden werden, herausbildet. Es wäre aber ganz falsch, das nur als intellektuelles Vergnügen zu sehen. Es ging um Macht. Nicht um die Macht, sondern darum, in den winzigen Emigrantenzirkeln Einfluss zu gewinnen. Die Konkurrenz zu verhöhnen, war eine effektive Form, sie zu verdrängen. Diese literarischen Scharmützel um feinste weltanschauliche Nuancen, ausgetragen in Wohn- und Hinterzimmern zwischen einem oder zwei Dutzend meist männlicher Kontrahenten, haben die europäische Geistesgeschichte ordentlich umgekrempelt. Damals interessierte sich – außerhalb dieser Zirkel – niemand für sie. Schon gar nicht die Polizei.

Die wurde allerdings hellhörig, als sie in einer der deutschen Pariser Emigrantenzeitungen, dem „Vorwärts“, auf Marxens Artikel stieß. Der radikale Trierer attackierte die preußische Monarchie. Die intervenierte beim französischen König Louis Philippe und verlangte die Auslieferung ihres Staatsbürgers. Marx verließ Paris, bevor die Polizei ihn in Gewahrsam nehmen konnte, und floh nach Brüssel. Die preußische Polizei aber blieb ihm auf den Fersen.

Kaum wusste sie, dass Marx nach Brüssel gegangen war, intervenierte sie auch bei der belgischen Regierung und verlangte seine Auslieferung. Marx bekam Wind von dem Unternehmen und kündigte, als es ernst zu werden drohte, im Dezember 1845 seine preußische Staatsangehörigkeit. Von da an war er bis zu seinem Tode staatenlos.

Die Emigrantenszene in Brüssel war kleiner als die in Paris. Es gab also weniger Konkurrenz. Marx arbeitete sofort weiter. Jetzt attackierte er einen der bekanntesten Sozialisten – Pierre-Joseph Proudhon – in einer Streitschrift „Misère de la philosophie“. Daneben schrieb er Artikel für die „Deutsche-Brüsseler-Zeitung“, das Organ der durchaus bürgerlichen „Association démocratique“. Marx’ Versuch, sich mit einem selbstgegründeten Kommunistischen Korrespondenz-Komitee eine eigene Organisation aufzubauen, scheiterte. Mangels Nachfrage. Also kaperte er Wilhelm Weitlings „Bund der Gerechten“. Marx und Engels und noch ein paar ihrer Kampfgenossen traten dem Handwerkerverein bei und übernahmen ihn. Der Club wurde umbenannt in „Bund der Kommunisten“, und Marx bekam den Auftrag, für diese Organisation eine Grundsatzerklärung, ein Manifest zu verfassen.

So entstand das „Manifest der Kommunistischen Partei“. Man weiß nicht, wie viel Mitglieder der Bund der Kommunisten hatte. Sollten es 200 in ganz Europa gewesen sein, es wären viele. Der erste Satz des Manifests, das im Revolutionsjahr 1848 erschien, lautet: „Ein Gespenst geht um in Europa“. Tatsächlich waren die Handwerker und Intellektuellen des Bundes der Kommunisten eine winzige Geisterarmee, deren Einfluss auf die revolutionären Entwicklungen jener Jahre minimal war. Das Manifest endet mit dem Aufruf „Proletarier aller Länder vereinigt Euch.“ Man stelle sich die paar Handvoll Männer vor, die damals diesen Ruf hörten. Das ganze Generationen so berührende Pathos des Kommunistischen Manifests war damals in Brüssel der nackte, nahezu totaler Ohnmacht entsprungene Größenwahn. Es ist der don-quijoteske Machtrausch des von jeder politischen Partizipation – Zuhause wie im Gastland – abgeschnittenen Outlaws.

Man vergleiche das mit der intellektuellen und organisatorischen Arbeit des Ayatollah Khomeini in den Jahren seines Pariser Exils. Ähnliche Milieus produzieren – über zeitliche, religiöse Grenzen hinweg – eine ähnliche Literatur. Wir müssen davon ausgehen, dass es in den Vorstädten von Paris, in bestimmten Stadtvierteln Brüssels und Londons, Hamburgs, Berlins und Madrids zur Zeit jede Menge ähnlicher Kontroversen um den richtigen und den falschen Weg, um die Fragen von Gewalt und Gegengewalt, um religiöse oder politische Überzeugung gibt. Es geht und ging bei all diesen Auseinandersetzungen immer um „Wer gegen wen?“

Wo wird die Grenze gezogen zwischen sich und dem Feind? Marx agitierte gegen das Menschheitspathos, gegen die „Garantien der Harmonie und Freiheit“ für Klassenkampf und Proletariat. Heute wird in ähnlichen Hinterzimmern ähnlich argumentiert. Auch die Agitatoren für den islamischen Staat wenden sich gegen Menschheit und Harmonie. Sie sind für den Krieg gegen die Ungläubigen. Und natürlich definieren sie, was Krieg ist und wer die Ungläubigen sind.

Panik in Brüssel

Als am 26. Februar 1848 um 0.30 Uhr in Brüssel bekannt wurde, dass in Paris die Republik proklamiert worden war, geriet man in Panik. Regierung und Polizei rechneten mit einem bewaffneten Staatsstreich, bei dem auch die Emigrantengruppen eine Rolle spielen würden. Der König schrieb an den Präsidenten der „Association Démocratique“, er sei bereit zurückzutreten, wenn man ihm nur eine ausreichende Pension zusichere. Die Brüsseler Polizei dagegen mobilisierte das Militär und ließ sich mit Waffen, darunter auch schweres Gerät, versorgen. Die „Association Démocratique“ forderte die Bewaffnung der Handwerker und Arbeiter und ihre Eingliederung in die Bürgerwehr. Marx scheint aus der Stadt verschwunden und nach London gefahren zu sein, um dort Reklame für seine Programmschrift das „Manifest der Kommunistischen Partei“ zu machen.

Tatsächlich wird dort bei einer Zusammenkunft verschiedener Emigrantenorganisationen entschieden, sich für einen Druck der Schrift einzusetzen. Der Bund der Kommunisten beschließt die neuen Möglichkeiten in Paris zu nutzen und dorthin umzuziehen. Allen voran Karl Marx, der wieder nach Frankreich einreisen darf. Allerdings wurde er erst einmal in Brüssel verhaftet, verhört und dann ausgewiesen.

Das Operettenhafte dieser Vorgänge ist fast Stunde für Stunde nachzuvollziehen. Jeder kennt jeden. Jeder belügt jeden und dauernd öffnen und schließen sich lautstark Türen. Dass es die Haupt- und Staatsaffären eines winzigen Staates sind, macht sie nicht weniger lebensgefährlich.

Über jene Tage in der Brüsseler Emigration schrieb Jenny Marx Jahrzehnte später: „Man fürchtete vor allem die Arbeiter, das soziale Element der Volksmassen. Die Polizei, das Militär, die Bürgergarde, alles wurde zum Schutz berufen, alles war kampfgerüstet. Da schien es den deutschen Arbeitern Zeit, sich auch nach Waffen umzusehen. Dolche, Revolver etc. wurden angeschafft. Karl gab gerne die Mittel dazu her, war er doch eben in einigen Besitz gekommen. Die Regierung sieht Komplott, Konspiration in dem Ganzen. Marx bekommt Geld, kauft Waffen, er muss entfernt werden.“

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