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Brasilien Kurven-Liebhaber Niemeyer gestorben

Mit Oscar Niemeyer ist der letzte Vertreter der messianischen Architekturmoderne gestorben. In seiner Jahrzehnte langen Karriere verwirklichte Niemeyer mehr als 600 Projekte weltweit, darunter das Interbau-Wohnhaus in Berlin.

Oscar Niemeyer wurde 104 Jahre alt. Foto: Reuters

Oscar Niemeyer war mit seinen skulpturalen Betongebilden weltweit zu Hause, in Brasilien, in Israel, in Frankreich und Algerien, in den USA, auch in Deutschland. Brasilia aber, seine Stadt, sein Traum, war ihm nur vorübergehend eine Bleibe. Die Stadt, von Niemeyer und seinem Partner und Lehrer Lúcio Costa einer öden Hochsteppe abgerungen, aufs Reißbrett geworfen und realisiert in der Gestalt eines windschlüpfrigen Flugobjekts – was für eine Allegorie des Fortschritts, was für eine der Heimatlosigkeit –, war ihm kein Aufenthaltsort. In seiner gewaltigen Kopfgeburt mochte der Architekt nicht hausen. Der kleine Mann mit dem traurigen Blick starb am Mittwoch (Ortszeit) in Rio de Janeiro im biblischen Alter von 104 Jahren - nur wenige Tage vor seinem 105 Geburtstag.

Ein Verehrter. Ein Verworfener. Ein Umstrittener. Zeit seines Lebens vertrat er den Formenkanon der Moderne, und eine sehr lange Zeit seines Lebens war er einer ihrer letzten Überlebenden. Er selbst sah seine Bau-Kunst im Dienste der Schönheit, geschaffen für einen von „den Sorgen des Daseins befreiten Augenblick“ (seine Worte). Niemeyers „architectura lirica“, seine lyrische Architektur brachte manches Bauwerk zum Sprechen – und war, wie der hohe Ton so oft, gefährdet durch dekorative Plattheiten, durch den süßlichen Kitsch.

Oscar Niemeyer, geboren am 15. Dezember 1907 in Rio, ging, 21 Jahre alt, an die „Escola Nacional de Belas Artas“ in Rio de Janeiro. Schon zu Beginn seiner Karriere arbeitete er im Atelier des wenig älteren Lúcio Costa. Ihm, dem gleich ihm bald berühmtesten Architekten Brasiliens, sollte er immer wieder begegnen. Von Bedeutung war aber erst recht Le Corbusier, dessen Einfluss umso größer wurde, als er 1936 in Brasilien mit dem Zeppelin einflog.

Vorbild Le Corbusier – von daher Niemeyers skulpturale Auffassung von Architektur. Und gerne duldete Niemeyer dabei durchaus das Pathos. Die Art der Gestaltung der Dachaufbauten, erst recht die Pilotis veranschaulichte diese Haltung – zu sehen war das dann 1943, im neuen Gesundheits- und Erziehungsministerium in Rio de Janeiro. Ein modernes Scheibenhochhaus, das, auf zehn Meter hohen, schlanken Pfeilern ruhend, nicht nur einen schwebenden Eindruck machte. Mit Kacheln im Eingangsbereich zitierte die radikale Moderne darüber hinaus geschickt Elemente der Kolonial-Architektur. Obwohl Niemeyers Ruf in der Welt auf seiner radikalen Formensprache gründete, war doch sein expressiver Ausdruckswille gleichwohl geprägt durch die barocke Kolonialtradition in Brasilien.

Niemeyer machte aus Beton Schönes

In einen plastisch modellierten Rahmen schob Oscar Niemeyer seine Räume wie Schubladen in einen mächtigen Schrank. Niemeyer verzichtete auf Erdgeschosse, propagierte Pilotis, und wendete den von extremen Spannungen kündenden Beton an auf schöne, auf komplexe, gekurvte Oberflächen. Le Corbusiers Konzept des freien Grundrisses erweiterte er um eines der Raumdurchdringung. Die so geschaffenen Räume schützte er durch (vertikale) Sonnenblenden. Dazu, natürlich, sein Spiel mit Licht und Schatten, mit weit auskragenden Dächern, die wie mächtige Betonmarkisen wirkten. Den Eindruck des Entmaterialisierten betonten Verdopplungseffekte, waren es nun natürliche wie Wasserbecken oder künstliche wie Spiegelwände. Arkaden waren dazu da, um dramatisch gesteigert zu werden. Tonnen dazu bestimmt, imponierende Gewölbe abzugeben.

Die Geste des Üppigen hat sein Werk geprägt – und fand einen quantitativen Ausdruck erst recht in seinem Schaffensdrang. Niemeyer schuf 1939 den Weltausstellungs-Pavillon in New York (zusammen mit Lúcio Costa und Paul Leser Wiener). 1947 war er einer der zehn am Hauptquartier der „United Nations“ beteiligten Architekten. Auch Berlin kennt von ihm ein Gebäude: ein Appartement-Hochhaus, auf V-Stützen gesetzt. Als er sich im Jahre 1957 an der Berliner Interbau beteiligte, kam er als Berühmtheit. Hatte ihm doch Brasiliens Staatspräsident Juscelino Kubitschek ein Jahr zuvor die Aufgabe zur Planung und zum Bau einer neuen Hauptstadt gegeben.

Brasilia! Auf einer öden Hochebene wurde eine Stadt aus dem Boden gestampft und hochgezogen, gerade mal vier Jahre dauerten Planungen und Bauen. Mit der Kapitale gelang die Setzung einer unerbittlichen Baukunst gegen eine unbarmherzige Natur. Das Rückgrat bilden eine zehn Kilometer lange Hauptverkehrsader und eine fünf Kilometer lange Monumentalachse, beide wurden zu einem Aufmarschplatz für das Automobil. Die Stadt, vielfach fotografiert, konfrontierte in suggestiven Abbildungen mit der Obdachlosigkeit des Urbanen.

Wie viel Optimismus, wie viel Schrecken, den diese Stadt verbreitet hat – auch Missverständnisse. Denn Niemeyer war Chefarchitekt der Schlüsselbauten von Brasilia, nicht ihr Stadtplaner (dies war sein Lehrer Lúcio Costa). Niemeyer gestaltete Häuser, mit dem Ensemble auf dem Platz der drei Gewalten, dem Senat, dem Parlament und dem Obersten Gerichtshof, das Zentrum dieser neuen Hauptstadt. Pyramide, Kegel und Kubus: Niemeyer reduzierte seine Formensprache auf die nackte Geometrie. Das Präsidentenpalais und die mit Betonstreben wie zu einer Krone emporwachsende Kathedrale, das Kongressgebäude mit seiner konvexen Schale und der Palast der Morgenröte mit seiner häufig abgebildeten Kolonnade und dem künstlichen Teich als Spiegelelement – jedes Gebäude artikulierte einen besonderen symbolischen Gehalt. Und das Ensemble insgesamt die grenzenlose Leere des Universums.

Zeit seines Lebens ein Kommunist

Brasilia! Gewiss ein Utopia im Niemandsland – aber eben doch auch: ein Manifest, das weltweit zur Metapher für die Arroganz einer selbstherrlichen Moderne wurde. Bald schon wurde Brasilia zu einer geteilten Stadt, bald ein Abbild der sozialen Strukturen: hier die Büro-, dort die Barackenstadt. Dies wohl der schwerwiegendste Irrtum des Architekten Niemeyer; denn er ist zeit seines Lebens ein orthodoxer Kommunist, auch nach 1989. 1964 waren ihm die politischen Rechte auf zehn Jahre aberkannt worden, mit dem Putsch der Militärs wurde auch er, der 1961 mit dem Leninpreis Ausgezeichnete, ein Verfolgter.

Wegen der innenpolitischen Lage in Brasilien übernahm er Projekte in Israel (Universität Haifa), dann Frankreich: das (grotesk gesicherte) Gebäude der französischen KP. Weitere Stationen waren Algerien und Nicaragua. Noch 1986: einmal mehr eine Vision, eine sozial motivierte Anstrengung, sie galt dem Versuch einer Umwandlung des Mega-Molochs São Paulos in eine, nun ja, menschengerechtere Stadt.

Mit Oscar Niemeyer starb der letzte Vertreter einer messianischen Moderne. Dächer ließ er schwingen. Wände beschrieben einen aufregenden Faltenwurf. Die Charta von Athen war ihm ein Katechismus wie wohl auch das Kommunistische Manifest. In den letzten Jahren wurde ihm zu Ehren ein Museum über der Bucht von Rio eingerichtet, auch die Anerkennung im September 1996, auf der Architektur-Biennale in Venedig, wo ihm der Pavillon Brasiliens gewidmet wurde, brachten einen Architekten in Erinnerung, dessen Werk die Attraktivität der Apotheose groß geschrieben hat.

Bei dieser Arbeit sind ihm Lineal und rechter Winkel weitgehend verpönt geblieben. Im Niemeyerland herrschte der freie Wille einer Künstlernatur, animiert durch die Gestalt anrollender Wellen, dahinziehender Wolken, herrlicher Leiber _ in einer sonnendurchfluteten Niemeyerbucht. Das ist der Grund, warum unter der zeichnenden Hand Oscar Niemeyers sogar der Stahlbeton immer wieder geknetet worden ist.

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