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Brasilien Kunst Die fabelhafte Schöpfung des Bernardo Paz

In der Nähe des brasilianischen Belo Horizonte investiert ein Unternehmer sein Milliardenvermögen seit einigen Jahren in einen gigantomanischen Kunstpark.

Man könnte es für eine Augentäuschung halten: Der Arte-Povera-Künstler Giuseppe Penone hat eine Tonnen schwere Bronze-Replik eines Guaritá-Baumstammes auf Stelzen gestellt. Foto: Anja Kessler

So einen Satz kann jeder unterschreiben, und niemand würde von sich das Gegenteil behaupten: „Ich trete für eine nachhaltige Entwicklung ein“, sagt Bernardo Paz leichthin. Aber er hat sein Milliardenvermögen in der Eisen- und Stahlindustrie gemacht, und es gibt kaum eine Wirtschaftstätigkeit, die so wenig nachhaltig ist wie der Bergbau. Das ist natürlich ein Widerspruch, einer der vielen, die Paz, ohne mit der Wimper zu zucken, im Interview ausspricht. Aber auf diesem Widerspruch fußt am Ende die durch und durch wunderbare Schöpfung des Bernardo Paz.
Denn der Unternehmer – sein wichtigstes Firmenkonglomerat hat er 2010 für 1,2 Milliarden Dollar an die Chinesen verkauft – gibt sein Geld für Inhotim aus, eines der spektakulärsten Projekte der Gegenwartskunst: Paz hat in den vergangenen Jahren seinen früheren Landsitz in einen riesigen tropischen Landschaftspark verwandelt, in dem er seine exquisite, zurzeit aus 600 Werken bestehende Sammlung moderner Kunst ausstellt.

Nach Inhotim, 60 Kilometer südlich der Millionenstadt Belo Horizonte in hügelig-ländlicher Umgebung gelegen, pilgert längst die Internationale der Kunstinteressierten. Und Inhotim wächst und wächst. 2007, als der Park der Öffentlichkeit gerade zugänglich gemacht worden war, standen sieben Pavillons in den 35 Hektar großen Garten-Anlagen, und heute kutschieren kleine Elektrowagen die Besucher – 330 000 im vergangenen Jahr – zwischen den 21 Galerien und 23 Einzelwerken herum. Es gibt längst Mehrtages-Tickets; auf einen Rutsch ist Inhotim nicht mehr zu schaffen.

Das Kunstwerk „Beam Drop Inhotim“, das an der höchsten Stelle des hügeligen, 110 Hektar großen Areals die Augen der Besucher auf sich zieht, mag man als ein Schlüsselwerk für das ganze Projekt interpretieren. Abgeblätterte Farbschichten, runde Schraublöcher, Nieten, ein paar Firmennamen – den 71 Stahlträgern sieht man ihre industrielle Vernutzung an. Der Amerikaner Chris Burden hat sie von einem 45 Meter hohen Kran in ein anderthalb Meter tiefes Becken aus halbfestem Beton fallen lassen, wo sie, vier, fünf, acht Meter hoch, wie die Totempfähle der Industriekultur steckenblieben. Nachhaltigkeit kommt im übertragenen, vielleicht im Paz’schen Sinne zum Ausdruck: Als strenge, schöne Skulptur dem Boden von Minas Gerais zurückgegeben, aus dem das Eisenerz geholt wurde, ohne das die Stahlträger ebenso wenig existieren würden wie das Vermögen des Mäzens Paz.

Oder soll man lieber Olafur Eliassons „Viewing Machine“ zum Schlüsselwerk von Inhotim erklären? Der berühmte Däne hat ein großes Kaleidoskop, ganz aus blankgeputztem Stahl, aufgestellt. Man kann es schwenken, nach Belieben in die Landschaft richten, und was da, hundertfach gebrochen und vervielfältigt, in den Spiegeln der Schau-Maschine erscheint, ist die Natur rund um Inhotim – schön zwar, sicherlich, aber eben auch von den tiefen Wunden gezeichnet, die Landwirtschaft und Bergbau ihr geschlagen haben.

Das Konzept von Inhotim geht weit über einen Skulpturenpark oder ein Freilicht-Museum hinaus. Natur ist hier nicht Staffage, nicht schöner Hintergrund, sondern Partner und Komplement der Kunst. Beide sind Gegenspieler und bilden dabei eine Einheit. Die Kunst setzt sich der Natur aus, sie setzt sie voraus, und umgekehrt gilt das in Inhotim genauso. Der Arte-Povera-Künstler Giuseppe Penone hat eine vier Tonnen schwere Bronze-Replik eines Guaritá-Baumstammes auf Stelzen gestellt. Thailänder Rirkrit Tiravanija geht in seinem „Palmen-Pavillon“, eine Art von modernem Kuriositäten-Kabinett, der reichen Kultur- und Wirtschaftsgeschichte dieses Baumes nach, der in den Gärten drum herum mit 1400 Arten vertreten ist. Inhotim hat eine der größten Palmen-Sammlungen der Welt, neben 3600 Arten anderer Pflanzen.

Vor dem neueren der beiden Pavillons, die dem Brasilianer Tunga gewidmet sind, steht der Tropenwald direkt an den bis unter die Decke reichenden Glaswänden. Materie und Bewegung, Material und Bearbeitung, Entstehen und Vergehen thematisiert Tunga in großen, kraftvollen Skulpturen unten; durch einen schier endlosen, holzgetäfelten Gang steigt man hinauf in das „Laboratório Nosferatu“, eine hinter weißen, feierlich wehenden Gardinen errichtete Fest-Tafel aus Industrie-Glas und Spiegeln, zerbrechlich wie die Zivilisation.

Seine Landsmännin Adriana Varejão greift mit ihren 100 Gemälden überdimensionaler portugiesischer Kacheln das Brasilien des Kolonialismus auf – bloß dass die Kacheln durcheinandergeraten sind und sich zu einem verstörenden Barock-Horror zusammenfügen. Und in der unteren Etage ihres Pavillons steht „Linda do Rosário“, eine halb abgerissene Kachelwand, hinter der sich eine Mauer aus rotem, rohem Plastik-Fleisch auftut. Bernardo Paz, Jahrgang 1949, sieht aus wie ein in die Jahre gekommener Hippie, und oft genug redet er auch so, wenn er im turnhallengroßen, mit Kunst und Design vollgestopften Wohnzimmer seiner Privatvilla in Inhotim seine Sicht der Welt erläutert. Kaum vorstellbar, dass dieser Kettenraucher mit den langen, weißen Haaren ein Geschäftsmann ist, der einst mit Deng Xiao Ping einen Vertrag über ein Stahl-Joint-Venture abschloss, als noch kaum jemand Geschäfte in China machte.

Seine Mutter dichtete, und sein Großvater väterlicherseits, ein Offizier, zog mit Marschall Cândido Rondon, dem brasilianischen Pionier des Telegrafenwesens, durch das westliche Amazonasbecken. Träumerei und Realismus seien also gleichermaßen in seinem Erbgut zu finden, sagt er, und beiläufig fügt er hinzu: „Aber die Last des Träumens wiegt schwerer als die Bürde des Machens“. Intuitiv und ungeplant hat er mit Inhotim angefangen, nach einem Herzinfarkt Mitte der Neunziger, der seinem Leben die Wende gab: Da ging ihm auf, dass Schönheit zu den wichtigsten Dingen des Lebens gehört. Und dabei, sagt er, habe er stets der Mittelmäßigkeit entfliehen wollen. Was ihm ja auch gelungen ist.

Wenn er von der Bürde des Machens – und vor allem: des Gemachten – redet, dann wirkt er zufrieden: Dass die bisher anderthalb Millionen Besucher fasziniert und friedlich und versöhnt den „magischen Spaziergang“ durch Inhotim unternehmen. Dass die Sozialprojekte, die Inhotim im Städtchen Brumadinho, zu dem es gehört, und in der Umgebung unterhält, breite Bevölkerungsschichten und vor allem die Kinder und Jugendlichen erreicht. Dass Orchester und Chöre, Workshops und Lehrerfortbildungen „die Würde und das Selbstvertrauen der Menschen wiederherstellen“.

„Mit Training und Erziehung die Welt verändern“ – dieser Bildungs- und Erziehungsauftrag, den sich Paz als Bürde des Machens selbst erteilt hat, stellt ihn in die Tradition europäischer Barockfürsten. Die gestalteten im 18. Jahrhundert ihre Parks gemäß den geistigen Prinzipien der Aufklärung um und öffneten sie dem Volk zur Erbauung und Belehrung, wobei sich Kunst, Geschichte, Wissenschaft und moderne Anbautechniken miteinander verbanden. Natürlich sind heute die Akzente anders gesetzt: „Unsere Herausforderung ist es, die Pflanzen zu retten, die auszusterben drohen“, sagt zum Beispiel Inhotims Chefgärtner Pedro Nehring, „und danach siedeln wir sie zurück in ihre natürliche Umgebung“.

Bloß wenn’s ans Träumen geht, wirkt Paz verbittert. „Natürlich bin ich verbittert“, wettert er, und er schimpft sich einmal kreuz und quer durch alle Ärgernisse der Zeit: Die „Krise der Repräsentation, durch die die Demokratie Pleite geht“. Die Religionen, „die durch die Unterdrückung überall auf der Welt in Fanatismus umschlagen“. Die heutigen Gettos des sozialen Wohnungsbaus, „in denen morgen geschossen wird“. Die „Finanz-Raubtiere, die Milliarden geklaut haben und von denen kein einziger hinter Gittern sitzt“. Und das Streben nach immer mehr Materiellem – „oder glauben Sie etwa, dass die USA glücklicher sind als Länder mit einem weniger hohen Bruttoinlandsprodukt?“

Die großen Städte sind ihm ein Gräuel. „Die Architektur der Metropolen mit ihren Wolkenkratzern und ihren Beton-Exzessen ersticken alle“, schimpft er, „dieses Lebensmodell erschöpft sich doch“. Statt kreativ zu sein, kämpften sich die Menschen von morgens bis abends durch das Dickicht der Städte. Dass die Künstler, deren Werke er für sein Landparadies einkauft, in Rio, New York, Berlin leben und arbeiten, lässt er ebenso beiseite wie seinen Reichtum, wenn er die Erkenntnis, die Welt sei für die Menschen gemacht, gegen die Herrschaft des Geldes in Position bringt.

Sein Gegenmodell: Alle Welt arbeitet vernetzt am Computer, um den Stress des Verkehrs zu vermeiden, und dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Die Menschen leben in kleinen Städten, „alle sind befreundet, alle haben Zugang zu Erziehung, Bullying gibt es nicht mehr, und die Menschen fahren kleine Elektroautos – wozu brauchen wir Petroleum?“ Dass Paz einen Mercedes 600 in der Garage stehen hat, ist noch der kleinste der Widersprüche einer Vision, die an Henry Ford erinnert. Der Erzkapitalist, der die Fließband-Produktion des Model T in 7882 Handgriffe zerlegt hatte, schwärmte auch vom Dorfleben.

Am frühen Morgen, wenn sich die Teiche des Parks langsam aus dem Nebelgrau lösen, hört man schon Schnarren und Gurren und Klopfen und Flattern, noch bevor man die Vögel sieht. Der riesige Tamboril-Baum streckt seine Krone in den Morgendunst, dann löst warmes Gelb das kühle Grau ab, aus dem Himmel löst sich zartes Blau, wie Kulissen treten die fernen Gehölze hervor, und davor liegen, in immer stärker strahlendem Weiß, die Pavillons.
Die Natur tritt ein Stückchen zurück, die Kunst erhält den Vortritt. Und um 9.30 Uhr ist Einlass.

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