Lade Inhalte...

BND und NSA „Einen transparenten Geheimdienst können Sie in die Tonne treten“

Der Historiker Jost Dülffer spricht im Interview mit der FR über die „Organisation Gehlen“, die Rolle des BND in der „Spiegel-Affäre“ und über Nazis beim Geheimdienst.

Reinhard Gehlen
Der Geheimdienstchef a.D. Reinhard Gehlen zusammen mit seiner Ehefrau Hertha in seinem Wohnzimmer in Berg. Foto: Imago

Professor Dülffer, für die Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte deutscher Ämter, Behörden oder Firmen war und ist stets die Frage struktureller und personeller Kontinuitäten zur NS-Zeit leitend. Was haben Sie darüber beim Bundesnachrichtendienst (BND) herausgefunden?
Dass Mitarbeiter des BND in großer Zahl Biografien mit NS-Belastung hatten, ist für den Historiker nicht so erstaunlich. Wo hätten die Leute denn sonst herkommen sollen? Da gab es in den bundesdeutschen Behörden insgesamt nur graduelle Unterschiede, und wie der BND sich auch aus dem NS-Verfolgungsapparat rekrutierte, wird von anderen Studien unseres Projektes näher erforscht. Spannend finde ich darüber hinaus die Frage, wie sich der nach seinem Gründungspräsidenten Reinhard Gehlen als „Organisation Gehlen“ bezeichnete Dienst bis zum Ende der 1960er Jahre in einer sich erst findenden demokratischen Gesellschaft als Institution am Rand, ja auch jenseits der Legalität behaupten konnte.

Wie gelang dem BND das?
Im Mantel des Geheimnisumwitterten und der vorgeblichen Notwendigkeit einer Gefahrenabwehr für den Staat verstand es Gehlen, einen Prozess der Demokratisierung seines Dienstes über Jahre aktiv zu behindern. Bis Anfang der 60er Jahre hatte der BND zudem Rückendeckung durch das Kanzleramt. Konrad Adenauer sah in der Organisation Gehlen ein Instrument zu seiner Herrschaftssicherung.

Inwiefern?
Gehlen zog die Daseinsberechtigung seines Dienstes aus dem strikten Antikommunismus, der auch für Adenauers Weltbild und Politikverständnis konstitutiv war. Für Gehlen selbst galt das erst recht. Damit legitimierte er auch sein politisches Mitspracherecht: „Ich weiß, wie die Kommunisten ticken. Darüber müssen wir aufklären.“ Dass die Organisation Gehlen als Auslandsgeheimdienst relevante Informationen liefern sollte, ist das eine. Dabei kam allerdings – muss man ehrlich sagen – wenig heraus. Die anderen Ministerien haben Statistiken zur Qualität des vom BND gelieferten Materials erstellt, die positiv waren und als Fleißkärtchen im Behördenapparat dienten. Bei näherem Hinsehen jedoch: Das meiste davon war öffentlich zugänglich oder ohnehin schon bekannt. Zugespitzt formuliert: ein prall gefüllter Ballon mit heißer Luft. Etwas anderes war der Aufbau eines gewaltigen Apparats, der sich gegen den Kommunismus richtete. Hierfür hatte Gehlen lange Zeit freie Hand. Doch dieses Gebilde wurde zunehmend zum Fossil in einer demokratischer werdenden Republik. 

Was änderte sich im Lauf der Jahre?
Bis 1961/62 war der BND dem Kanzleramt nicht formell unterstellt, sondern nur lose „angegliedert“. Das bedeutete: Gehlen konnte nach Belieben schalten und walten, solange er Adenauers Kanzleramtschef Hans Globke nur immer brav unterrichtete. Das sollte sich dann nach einem der letzten Kabinettsbeschlüsse unter Adenauers 1963 ändern, der den BND als eine anständige Behörde dem Kanzleramt unterstellte. Gehlen aber hat es dann bis zu seiner Ablösung 1968 geschafft, dieses Ansinnen zu unterlaufen und zu torpedieren. 

Wie kam es zu Adenauers Stimmungsumschwung gegenüber dem BND?
Auch der Kanzler hatte mitbekommen, dass im BND sehr viele Schaumschläger und Wichtigtuer unterwegs waren. Auch war er persönlich skeptisch wegen der NS-Belastungen von BND-Leuten. Es gibt die Geschichte, dass Gehlen einmal 16 ehemalige Gestapo-Männer einstellen wollte mit der Begründung, sie würden halt dringend gebraucht. Im Kontrollgremium des Bundestags bekam er dafür ein Plazet, nur Adenauer selber brachte „schwere moralische Bedenken“ vor. Ich glaube ja, der alte Fuchs wollte auf diese Weise alle Parteien – auch die Opposition – einfangen und für das Vorgehen mitverhaften. Zum eigentlichen Bruch aber kam es 1961/62. Da verlor Adenauer völlig das Vertrauen in den Dienst. Zunächst wurde der Leiter der Gegenspionage, Heinz Felfe, ein alter Nazi, als sowjetischer Spion enttarnt. 

Ausgerechnet!
Es war nicht einmal der BND selbst, der Felfe auf die Schliche kam. Die entscheidenden Informationen gelangten über polnische Überläufer an die Amerikaner und dann erst an die Deutschen. Der BND spielte die Sache bis zum bitteren Ende herunter und wollte Felfe als kleines Licht hinstellen, das nichts gewusst und nichts zu sagen gehabt habe. Abenteuerlich! Der ganze sträfliche Leichtsinn, die Wurstigkeit des BND hatten zur Folge, dass künftig sowohl die politische Führung als auch andere Auslandsgeheimdienste vom BND so leicht kein Stück Brot mehr nehmen wollten. 1962 spitzte sich die Krise des BND dann durch die „Spiegel-Affäre“ weiter zu.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen