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Blockupy-Kessel und andere Kollisionen Staat vs. Bürger

Demonstranten und Polizisten, Gewaltmonopol und Ohnmacht: Angesichts des Polizei-Kessels in Frankfurt und der Proteste in der Türkei zeigt der Frankfurter Kunstverein die Ausstellung zur Stunde.

Gewalt als Sport. Foto: Wolfgang Günzel / Frankfurter Kunstverein

Ein Mann steht aufrecht da. Könnte sein, dass er die Luft anhält. Irgendwie scheint er sich am Riemen zu reißen. Er trägt einen Helm, das dunkel getönte Visier ist hochgeklappt. So sieht man seine Augen und seinen schwarzen Mundschutz, der ihn vermummt. Der Mann ist schwarz gekleidet, gepanzert und gepolstert. Vor sich trägt er ein großes massives Plastikschild, darauf steht ein Wort: „Policia“.

Es handelt sich um einen spanischen Polizisten bei einer Demonstration in Madrid am 24. April 2013. Es zeigt den Polizist aber nicht im Einsatz, sondern als monumentales, massives Modell. Es sieht aus, als hätte er sich wirklich für das Foto und nicht für Demonstranten aufgestellt. So wird er zum auratischen Anschauungsobjekt, zum Denkbild.

Das Foto stammt von der spanischen Künstlergruppe „Democracia“ und gehört zur Reihe „Order“, Teil einer größeren Arbeit. Auf dem Foto des Polizisten steht auf Englisch ein Satz: „Die Bürger werden geboren und sterben, ohne sich das Recht zu leben erobert zu haben.“ Ein Polizisten-Foto weiter lesen wir: „We protect you from yourselves.“ Es sind Sätze, die die Abgebildeten gerade denken könnten. Der Einzelne steckt in etwas drin, das man das Polizeidilemma nennen könnte.

"Die" Polizei - gibt es die?

„Ohnmacht als Situation: Democracia, Revolutie & Polizey“, die neue Ausstellung des Frankfurter Kunstvereins zeigt Polizisten und Demonstranten, sie thematisiert das Gewaltmonopol und, als dazugehöriges Gefühl des Bürgers, die Ohnmacht. Angesichts der Ereignisse in der Türkei und in Frankfurt ist es die Ausstellung zur Stunde. Trotzdem will der Kunstverein in der zugehörigen Diskussionsreihe nicht direkt auf die Blockupy-Demonstration und das Agieren der Polizei eingehen. Man will das Phänomen eher historisch und lebensweltlich aufdröseln: Wie hat sich die Polizei gebildet? Wie sieht der Alltag des Polizisten aus? Wie wirkt sich das Polizeidilemma auf ihn selbst aus?

Dabei ergeben sich fast wie von selbst die Fragen. Ist es überhaupt richtig, von „der Polizei“ zu sprechen? Sollte man nicht besser von „den Polizisten“, „dem Einsatzleiter“ und „den übergeordneten staatlichen Stellen“ sprechen? Muss das staatliche Gewaltmonopol in Figuren wie den abgebildeten Polizisten münden?

Die Ausstellung wird von zwei kleinen Künstlergruppen bestritten: Democracia aus Spanien und Revolutie aus Rumänien. Democracia, die Gruppe existiert im Kern seit über 20 Jahren, liebt die soziale Intervention. Sie haben mit Fans und Verein beim Fußballclub Girondins Bordeaux gearbeitet und dort auf Schals und Transparenten Botschaften wie „Les idoles n’existent pas“ untergebracht, das gefilmt und daraus einen emotionalen Film gemacht, der in Frankfurt zu sehen ist.

Genauso wie das hochdynamische Video „Ser e durar“, Sein und Ausharren, das junge Männer beim „Parkours“ auf einem Friedhof von getöteten antifaschistischen Kämpfern zeigt: Das Parcourlaufen, wo man sich auf einer Linie artistisch und elegant durch den urbanen Raum bewegt, ist selbst eine subkulturelle Form sozialer Intervention.

Keine Erlaubnis für Auftritt in Frankfurter Polizeikantine

In Frankfurt wollte Democracia in der Kantine der Polizei Opernsänger ohne Ankündigung auftreten und singen lassen. Sie bekamen keine Erlaubnis: Die Situation wird zur Zeit wohl von Amts wegen als zu angespannt empfunden. Man kann auch sagen: Die Polizei spielt nicht – und sie spielt nicht mit. Vielleicht gehört das zu ihrem Dilemma.

Zu sehen ist auch das monumentale Denkmal eines Selbstmordattentäters, ebenfalls mit einem Satz: „Alle sind schuldig außer mir“. Daneben, so klein, dass man es fast übersieht: ein Flugblatt, wie es vor dem einschneidenden Anschlag in Madrid von 2004 gefunden wurde: halb kopiert, halb gezeichnet zeigt es Selbstmordattentäter-Botschaften: „Chico bombt für dich“.

Democracia verhält sich gegenüber gesellschaftlichen Konstellationen, auch Machtkonstellationen, deutlich. Man schaut intensiv hin. Zugleich sind die Arbeiten dezent, sie enthalten keine vorformulierte Botschaft, keinen Moralismus, keinen Appell. Die Intervention wird zum Beobachtungsmedium – und bringt die Dinge auf den Punkt.

Ähnlich ungerührt blickt Revolutie aus Rumänien in Installationen, Gemälden und Videos auf Demonstrationen und soziale Gefüge und Konstruktionen seit 1989. Was in Umbruchszeiten wie denen von 1989 geschieht, wird mit leiser und freundlicher Ironie einer Revision unterworfen: Viel weniger als man meint.

Frankfurter Kunstverein: bis 4. August.

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