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Beschneidung "Judentum und Islam hier nicht erwünscht"

Juden und Muslime fühlen sich in eines ihrer wichtigsten Rituale beraubt. Das Kölner Beschneidungs-Urteil bringt den Gesetzgeber in eine schwierige Lage. Die Betroffenen sind offenbar in Deutschland nicht erwünscht.

02.07.2012 17:13
Micha Brumlik
Chirurgische Instrumente für die jüdische Beschneidungszeremonie. Foto: dpa

Am vergangenen Dienstag wurde das Urteil veröffentlicht, in dem die Kleine Strafkammer am Landgericht in Köln die rituelle Beschneidung eines islamischen Knaben als eine strafbare Körperverletzung wertet und den beschneidenden Arzt für schuldig erklärt, ihm aber „verbotsirrtümliches“ Handeln zugebilligt.

Mit diesem Urteil (es wurde bereits am 7. Mai gesprochen) ist die rituelle Beschneidung von Knaben, die wesentlicher Teil der Identität von Juden und Muslimen ist, bei unveränderter Gesetzeslage in Deutschland künftig verboten. Verbandsvertreter von Juden und Muslimen sehen darin schon jetzt einen Ausdruck dessen, dass jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland allen Toleranzbeteuerungen zum Trotz nicht erwünscht ist.

Die Wissenschaft schweigt

Wer bei der Frage nach der Zulässigkeit der Beschneidung von Knaben auf die medizinische Wissenschaft hofft, wird bitter enttäuscht – Befürworter wie Gegner. 1999 publizierte die „American Academy of Pediatrics“ einen Bericht, nach dem aus der Forschung keine Beweise dafür vorliegen, dass die Entfernung der Penisvorhaut männlicher Babys krankheitsverhindernd wirkt. Die „Academy“ sprach sich daher dagegen aus, die Beschneidung als Routineeingriff zu praktizieren. Die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO, den Eingriff in Regionen mit hoher Ansteckungsgefahr bei sexuell übertragbaren Krankheiten vorzunehmen, ändert am grundsätzlichen Befund nichts.

Umgekehrt wurde bisher allen psychoanalytischen Spekulationen von Freud bis Lacan zum Trotz nicht der geringste Nachweis für eine langfristige traumatische Wirkung des Eingriffs bei achttägigen Knaben erbracht. Wollte man diese Vermutung ernsthaft prüfen, müsste man zwei nach Zufallskriterien ausgewählte, repräsentative Stichproben von beschnittenen und unbeschnittenen Babys bei Kontrolle aller anderer Faktoren wie soziale Schicht, Bindungsqualität, Einkommen und Bildungsstand etc. – im Rahmen einer mindestens zwanzig Jahre laufenden Längsschnittstudie psychologisch testen. Derlei Studien liegen nicht vor, unabhängig davon, ob sie forschungsethisch überhaupt zulässig wären.

Geschichte der Beschneidung

Wenn aber die Krücke des wissenschaftlichen Arguments entfällt, wird deutlich, dass es bei der Frage nach der Zulässigkeit der Beschneidung einzig um eine Entscheidung über gesellschaftliche Werte, juristisch gesprochen um „Rechtsgüter“ geht. Tatsächlich geht es auch darum, ob Juden in Deutschland ihr Judentum so, wie sie es verstehen und nicht, wie andere meinen, leben dürfen. Elizabeth Wyner Mark, Herausgeberin eines 2003 publizierten Bandes mit dem Titel „The Covenant of Circumcision“ schreibt mit Blick darauf, dass die meisten säkular, keineswegs religiös lebenden Juden ihre Knaben beschneiden lassen, dass die Beschneidung ein Ausdruck jüdischen Überlebenswillens nach der Shoah und damit für viele Eltern zu einer moralischen Verpflichtung geworden sei.

Zeichen jüdischer Selbstbehauptung jedenfalls ist die Beschneidung seit Jahrtausenden. Dabei muss man nicht über Zeiträume von viertausend Jahren spekulieren, die man zwar behaupten, historisch aber nicht belegen kann. Niemand weiß, ob der Abraham der Bibel im Sinne einer historischen Gestalt überhaupt gelebt hat. Historisch nachweisbar ist die von Juden kategorisch erfahrene Weisung, ihre Söhne am achten Tage zu beschneiden, immerhin zweieinhalbtausend Jahre alt. So beklagte der Prophet Jeremias vor etwa 2500 Jahren, dass Israel wie die Völker unbeschnittenen Herzens sei; eine Klage, die nur sinnvoll ist, wenn vorausgesetzt wird, dass die Penisbeschneidung damals üblich war.

Indes hat es seit der Antike immer wieder Versuche gegeben, die Beschneidung zu unterbinden. Die hellenistische Kultur mit ihrer Verehrung des schönen Körpers brachte viele jüdische Männer dazu, ihre Vorhaut wieder zu verlängern, um beim nackt auszuführenden Sport nicht verspottet zu werden. Das rabbinische Judentum hat später, um diese Möglichkeit auszuschließen, Operationspraktiken entwickelt, die eine einfache Vorhautverlängerung unmöglich machen. Der hellenistische König Antiochus IV. versuchte sogar – aller angeblich paganen Toleranz zum Trotz – die Beschneidung jüdischer Knaben im zweiten Jahrhundert vor Chr. gewaltsam zu verbieten.

Keine neuen Argumente

Diese Maßnahme trug wesentlich zur Ausbildung des jüdischen Märtyrertums bei: Die Schergen des Königs, berichtet das erste Buch der Makkabäer, 1,60/61, „töteten die Frauen, die ihre Kinder hatten beschneiden lassen. Und sie hängten ihnen die Säuglinge an ihre Hälse, und sie töteten auch ihre Familien und die, die sie beschnitten hatten.“

In der später von den Römern beherrschten Provinz Judäa war die Beschneidung jüdischer Knaben zulässig und üblich. Jesus von Nazareth, nach christlichem Glauben wahrer Gott, wurde durch Beschneidung zum Juden, zum wahren Menschen. „Als das Kind“, so der Evangelist Lukas 2,21, „acht Tage nach seiner Geburt beschnitten wurde, erhielt es den Namen Jesus, wie der Engel Maria vor der Empfängnis befohlen hatte.“ In der späteren römischen Kaiserzeit schließlich wurde es jüdischen Familien zwar verboten, ihre nichtjüdischen, männlichen Sklaven zur Beschneidung zu drängen, die Beschneidung ihrer Söhne hingegen wurde ihnen etwa von Kaiser Antoninus Pius, er regierte Mitte des zweiten Jahrhunderts, ausdrücklich gestattet. Die katholische Kirche beging den Tag der Beschneidung Jesu als kirchlichen Feiertag übrigens bis 1962.

Nachzutragen ist noch, dass alle, wirklich alle Argumente für oder gegen die Beschneidung schon Mitte des neunzehnten Jahrhunderts von Juden selbst, im Zuge der Begründung des Reformjudentums, vorgebracht wurden. Es gibt in der aktuellen Debatte kein einziges Argument – vom Kindeswohl über die Polemik gegen Archaismen und allerlei Hygienevermutungen –, die nicht schon vor einhundertundfünfzig Jahren bemüht wurden.

Ein advokatorisches Problem

Bei alledem ist die Frage, ob und in welchem Ausmaß Eltern stellvertretend und vorgreifend die Zukunft ihrer Kinder vorbestimmen dürfen, noch gar nicht gestellt. Dass der Eingriff ohne Betäubung auch einem Baby heftige Schmerzen bereitet, ist unstrittig, dass er unter lokaler Betäubung keine Schmerzen verursacht, ebenso. Das deutsche Elternrecht jedenfalls räumt den Erziehungsberechtigten bis zum Eintreten der Religionsmündigkeit der Kinder weitgehende Vollmachten ein, Vollmachten, die das Leben eines Kindes auch ohne jeden körperlichen Eingriff unwiderruflich prägen können.

Als Königsweg in der gegenwärtigen Debatte wird ein vermutlich zumutbarer Aufschub der Beschneidung bis zum vierzehnten Lebensjahr erörtert, jenem Jahr, in dem nach deutschem Recht die Religionsmündigkeit eintritt. Dabei muss man sich klar machen, dass demnach auch die katholische und lutherische Praxis der Säuglingstaufe inakzeptabel wäre – auch sie nimmt die Eingliederung einer Person in eine religiöse Gemeinschaft ohne ihre Zustimmung vor.

Manche reformierten und alle baptistischen Kirchen akzeptieren daher nur die Taufe von Erwachsenen. Diese strafrechtlich zu belangen, kommt deshalb nicht infrage, weil sie eben „nur“ geistiger Art ist und anders als die Beschneidung kein unwiderrufliches körperliches Zeichen hinterlässt. Derartige, advokatorische Vorgriffe können dann moralisch als legitimiert gelten, wenn mit guten Gründen anzunehmen ist, dass die erwachsen gewordene Person den getroffenen Maßnahmen nachträglich aus freien Stücken zustimmt.

Wer will das wie garantieren? Tatsächlich werden Menschen – ein anthropologisches Faktum – notwendig in Bedingungen hineingeboren, die sie sich selbst nicht wählen konnten. Ein Kind zu zeugen und zu gebären, so Kant in der „Metaphysik der Sitten“, sei so, als ob man eine Person ohne ihre Einwilligung in diese Welt gesetzt habe. Für Kant folgt daraus, dass Eltern verpflichtet sind, alles in ihren Kräften Stehende zu tun, die Kinder „mit ihrem Zustande zufrieden zu machen.“ Aber wer bestimmt in einer liberalen Gesellschaft die ethischen Maßstäbe der Zufriedenheit, die Parameter eines guten Lebens?

Vor der Entscheidung

Angesichts des Umstandes, dass die medizinische Wissenschaft nichts Wesentliches mitzuteilen hat, die Beschneidung jedoch für die allermeisten Juden, seien sie nun religiös oder säkular, eine der stärksten Beglaubigungsformen ihrer Identität darstellt, wird sich der deutsche Gesetzgeber entscheiden müssen. Dabei ist durchaus einzuräumen, dass der religiös neutrale Staat durch Bildung Einfluss auf traditionale Einstellungen nehmen darf; die Änderung traditionaler Haltungen strafrechtlich erzwingen darf er jedoch nicht.

Bisher hat sich das deutsche Staatskirchenrecht, neuerdings gerne als „Religionsverfassungsrecht“ bezeichnet, den laizistischen Verfassungen der USA oder Frankreichs bei der Wahrung des Rechtsfriedens als überlegen erwiesen. Nach dem Kölner Urteil droht freilich auch hierzulande ein Kulturkampf von äußerster Härte. An der im Beschneidungsurteil deutlich gewordenen Spannung von Elternrecht hier und Schutz der körperlichen Unversehrtheit dort wird deutlich, dass die deutsche Rechtsordnung konkurrierende Werte, unterschiedliche Überzeugungen von einem guten Leben kennt, die nun in Konflikt geraten.

Sollte sich das liberale individualistische Prinzip als höherwertig erweisen, wird freilich aus Gründen der Rechtsgleichheit aller betroffenen Bürger nichts anderes übrig bleiben, als das religionsbezogene Elternrecht insgesamt zu streichen. Das aber hieße nichts anderes, als dass auch Deutschland – wie die USA und Frankreich – zu einem rein säkularen, laizistischen Staat, auch im Bereich von Bildung und Steuern wird. Will man dies aber nicht, so wird ein Weg zu suchen sein, die Beschneidung von männlichen Babys und Kindern auch vor ihrer Religionsmündigkeit rechtlich zu garantieren.

Islam gehört zu Deutschland?

Die mit dem Kölner Urteil aufgerissene Kluft wird sich nur durch eine breite öffentliche Debatte, gefolgt von einer klugen Gesetzgebung wieder schließen lassen. Dabei muss auf alle Tricks verzichtet werden: Weder ist es beschneidenden Ärzten zumutbar, nach dem öffentlich bekannten Urteil so zu tun, als würden sie verbotsirrtümlich handeln, noch ist der von Georg Paul Hefty vorgeschlagene Weg, die Beschneidung – analog der Abtreibung – als zwar rechtswidrig, aber nicht strafbar zu behandeln, gangbar. Würde doch mit dieser Formel trotz der ausbleibenden Strafe ein klares Unwerturteil über die Handlung selbst gefällt.

Mit Blick auf die jüdische Minderheit hieße das im Klartext, dass wesentliche Züge der jüdischen Religion als verächtlich gelten, man die Gruppe aber der deutschen Vergangenheit wegen gnädig in Ruhe lässt. Dass eine derartige „Lösung“ die in Sonntagsreden bemühte Floskel von der „jüdisch-christlichen“ Tradition Lügen strafen würde, versteht sich von selbst.

Nicht minder dramatisch stellt sich die Lage angesichts der viel größeren Gruppe in Deutschland lebender Muslime dar. Hier zwingt das Kölner Urteil Öffentlichkeit und Gesetzgeber, sich zu entscheiden, ob sie es mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Wulff oder dem jetzigen Amtsinhaber halten, der ja nicht den Islam, sondern nur die hier lebenden Muslime als zugehörig ansehen will. Der Gesetzgeber, der deutsche Bundestag und die in ihm vertretenen Parteien, sollten nicht zögern, sich dieser, ihnen aufgezwungenen Thematik zügig, aber verantwortungsvoll anzunehmen. Die Entscheidung auch dieser Frage dem Bundesverfassungsgericht zu überlassen, wäre ein Armutszeugnis, ein weiterer Beweis für das Erodieren der repräsentativen, parlamentarischen Demokratie.

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