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Berliner Schloss Kontrapunkt Aufklärung

Ein Vorschlag zur Ergänzung des Kuppelkreuzes auf dem Berliner Schloss.

Berlin
Unter den Augen des preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel macht Berlins Stadtschlosskuppel Fortschritte. Foto: rtr

Großprojekte in Deutschland nehmen sich Zeit und pflegen auch nach legitimen Entscheidungen, denen schon lange Debatten vorangehen, umstritten zu bleiben. Nach der politischen Entscheidung, das barocke Berliner Schloss wieder zu errichten, sind 15 Jahre, nach der einstimmigen Jury-Entscheidung für Franco Stellas Entwurf immerhin fast zehn Jahre vergangen. Dass zum Entwurf die Wiedererrichtung der Kuppel mit Kreuz gehört, stößt mittlerweile erneut von zwei Seiten auf Kritik. Zum einen falle die Ausführung der Kuppel in die Zeit, in der ein Gottesgnaden-König einen liberalen Aufstand, den Barrikadenaufstand von 1848, blutig niederschlage, zum anderen lasse sich das Hauptinsignium einer hinsichtlich Anhängerschaft partikularen Religion, das Kreuz des Christentums, nicht mit einem Forum für Weltkultur zusammenbringen.

Um die architektonische Meisterleistung der Kuppel zu retten, trotzdem der Kritik entgegenzukommen, schlagen die drei Gründungsintendanten des Humboldt Forums, Horst Bredekamp, Neil MacGregor und Hermann Parzinger, zu Kuppel und Kreuz einen architektonischen Kontrapunkt vor. Sie wollen in riesigen neonfarbenen Lettern den Schriftzug ZWEIFEL platzieren. Da der „reflektierte Umgang Deutschlands mit der eigenen Geschichte großen Respekt“ im Ausland genießt, wie die Autoren schreiben, darf man sich überlegen, ob die Reflexion stets architektonisch sichtbar sein muss oder ob sie als Reflexion nicht einmal eine andere Präsenz erlaubt. Wenn man aber zur genialen Schlüterkuppel einen sichtbaren Kontrapunkt setzen zu müssen glaubt, gibt es zum „Zweifel“ eine sachgerechtere Alternative: AUFKLÄRUNG.

Mindestens acht Argumente sprechen dafür: Erstens kommt die Alternative der Weltkultur-Intention des Humboldt Forums entgegen. Denn Epochen der Aufklärung gibt es keineswegs nur im langen 18. Jahrhundert Europas, sondern in vielen anderen Epochen und Kulturen. Das europäische Zeitalter der Aufklärung zeichnet sich „nur“ durch eine umfassende und höchst radikale Form aus: Die Aufklärung wird hier zu einer Bewegung, die in den Niederlanden beginnt (Grotius, Spinoza), sich in Großbritannien fortsetzt (Locke, Hume, Deismus, Newton) und sich von dort nach Frankreich (Voltaire, die Enzyklopädisten) und Deutschland (Wolff, Lessing, Kant) ausbreitet. Dabei gelingt es ihr, nach und nach alle Bereiche der Kultur zu durchdringen und schließlich ganz Europa einschließlich Russland zu beherrschen.

Ob im antiken Athen oder im Israel der Propheten, ob in Rom, im klassischen oder neueren China, Indien und Japan sowie Europa der Neuzeit – gemeinsam, zweiter Grund für den alternativen Kontrapunkt, ist allen Aufklärungen genau das, worauf das Humboldt Forum Wert legen wird: die Kritik an Vorurteilen, an Ideologien und an ihre Macht missbrauchenden Institutionen. Damit verbindet sich, was der Name sagt, der Versuch, Licht ins Dunkel zu bringen. Und die Grundlage bildet, was die seither berühmteste Definition herausarbeitet, nämlich der Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Denn „Aufklärung“ ist vor allem anderen „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“.

Ein publizistisches Hauptorgan der deutschen (Spät)Aufklärung ist die „Berlinische Monatsschrift“. In ihr veröffentlicht der bedeutendste deutsche Kosmopolit, Immanuel Kant, den wirkungsmächtigen Essay „Beantwortung der Frage: was ist Aufklärung?“ und viele weitere Aufsätze, unter anderen die „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher (!) Absicht“, „Was heißt. sich im Denken orientieren?“, „Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte“ und „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“.

Getragen wird die europäische Aufklärung von einer Gelehrtenrepublik, die - dritter Grund - mit ihrer Herrschaftsfreiheit, mit ihrer Kooperation und Konkurrenz, mit Wortführern aus Philosophie, Naturwissenschaft, Medizin und Jurisprudenz sowie den Künsten und mit Voltaire als einem wortgewaltigstreitbaren Intellektuellen vom politischen Gewicht einer europäischen Großmacht dem Humboldt Forum das überragende Muster und Vorbild bietet.

Für die Aufklärung als Kontrapunkt spricht, viertens, dass sie ein Bannerträger der für ein Bürgerforum erforderlichen Toleranz und Weltoffenheit ist. Zudem bringt sie, fünftens, das für unsere globalisierte Welt immer wichtigere Völkerrecht auf den Weg und dient in weiteren Hinsichten jenem Fortschritt, der trotz der beliebten Fortschrittskritik Zustimmung verdient: dem Rechtsfortschritt. Die Aufklärung sammelt, sechstens, das Wissen der Zeit (man erinnere sich des philosophisch-wissenschaftlichen Großunternehmens, der „Enzyklopädie“. Auch öffnet sich die Aufklärung, siebentens, fremden Kulturen. Gegen eine europäische Selbstüberschätzung stellt Montesquieu in den satirischen „Perserbriefen“ die Mitglieder einer anderen, der persischen Kultur als tolerant und weltoffen dar.

Man wirft der Aufklärung gern Geschichtsvergessenheit vor. Wahr ist, achtens, dass sich Kant in zahlreichen Schriften der Geschichte zuwendet und dass große Figuren wie Leibniz, Voltaire und Hume bedeutende Geschichtsschreiber sind. Nach einem weiteren Vorwurf herrsche in der Aufklärung eine Selbstüberschätzung der menschlichen Vernunft und ein sachfremder Fortschrittsoptimismus. Tatsächlich zeigen beispielsweise Rousseau in seinen beiden Diskursen und Kant in seinen drei Hauptwerken, der Kritik der reinen, der der praktischen Vernungt und der der Urteilskraft, dass die Kritik am Vernunft-und Fortschrittsoptimismus und dass generell die Selbstkritik zur Aufklärung wesentlich hinzugehören. Überblickt man diese Argumente, so ist die AUFKLÄRUNG der zu Kuppel mit Kreuz sowohl weltoffenere als auch welthaltigere, daher aussagekräftigere Kontrapunkt. Nicht zuletzt zeichnet er sich durch eine spezifische Verbindung zu Berlin aus.

Der Autor ist emeritierter Professor und Leiter der Tübinger Forschungsstelle Politische Philosophie. Er veröffentlichte zuletzt im C.H. Beck Verlag die „Geschichte des politischen Denkens. Zwölf Porträts und acht Miniaturen“.

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