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Berliner Mauer Die Mauer ist jetzt so lange weg, wie sie da war

Die Berliner Mauer hat nicht so lange gestanden, wie ihre Erbauer es sich wohl gedacht hatten. Vor allem aber ist sie nicht so zu Fall gekommen, wie sie es sich wünschten.

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Die Mauer von Bethlehem, an ihr ein Graffiti, das den leidenschaftlichen Spalter Trump zeigt. Foto: afp

Als die DDR am 13. August 1961 begann, die Mauer zu errichten, da hatten wir einen Fernseher, eine Fernsehtruhe. Sie stand mit vier Beinen auf dem Zimmerboden. Bevor man fernsehen konnte, mussten die Flügeltüren geöffnet werden. Wie bei einem Altar. Oder waren sie die Nachkommen des Theatervorhangs? Ich pflegte auf dem Boden zu liegen und von dort aus die flimmernden Schwarz-Weiß-Bilder zu verfolgen. Immer zu nahe, wie meine Eltern fanden, die gelesen hatten, dass die Strahlen, die er aussandte, gesundheitsschädlich waren. Ich kann mich nicht erinnern, die Bilder vom Mauerbau im Fernsehen gesehen zu haben. Im Gedächtnis geblieben sind die riesigen Aufnahmen aus der „Fox tönenden Wochenschau“ im Aki, dem Kino im Hauptbahnhof.

Als am 9. November 1989 die Mauer zu fallen begann, saß ich im Café Adler am Checkpoint Charlie und wurde telefonisch über Schabowskis Pressekonferenz informiert. Ich ging die paar Schritte hinüber zur Grenze, passierte den ersten Posten, der zweite und der dritte Posten kamen mir entgegen. „Die Grenze ist offen“, erklärte ich. „Nur für unsere Leute“, antwortete der Chef der DDR-Grenzer. Ich ging, begleitet von zwei Grenzbeamten, zurück, wurde von Kellnerinnen des Café Adler mit Sekt empfangen. Sie hatten sich auf die Begrüßung die Grenze überquerender DDR-Bürger eingestellt. Ein zufällig anwesender Fotograf hielt die Szene fest. Die Aufnahme ging um die Welt. Ich war für eine Weile der erste Ossi.

Die DDR - Schreckbild für die antiautoritäre Linke

Das sind meine Mauerbilder. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich, als wir 1968 im Anschluss an den Vietnamkongress stundenlang – so kommt es mir vor – durch Westberlin demonstrierten, jemals die Mauer gesehen habe. Allerdings erinnere ich mich an den Schock, als unser Bus gekommen war, dort stundenlang warten musste und dann durch die Absperranlage fuhr. Die DDR war für die antiautoritäre Linke ein Schreckbild.

Ich kannte die Mauer nur von Fotografien, aus Filmen. Es verging keine Woche, womöglich kein Tag meines Lebens als Heranwachsender, in der, an dem ich nicht etwas las über die Berliner Mauer, über die Stacheldrahtanlage, mit der sich die DDR umgeben hatte. Dennoch hatte ich lange Zeit Probleme, mir die Lage Berlins vorzustellen. Berlin war eine Insel, hieß es. Aber dass die DDR das Meer sein sollte – es dauerte lange, bis ich das verstand. Richtig begriffen habe ich es wohl erst auf jener Fahrt zum Vietnamkongress.

Als ich 1979 nach Westberlin zog, um die „tageszeitung“ aufzubauen, da bezog das Blatt seine Büroräume in der Wattstraße im Wedding. Der Eingang des Hauses stand zwischen den Überresten der Rathenau’schen AEG und der Mauer. Wenn man zur „taz“ ging, konnte man beide sehen. So deutlich die AEG links von uns am Ende war, wir kamen doch nie auf die Idee, dass das auch der rechts von uns liegenden Mauer in etwas mehr als zehn Jahren passieren könnte. Bei den nicht gar zu häufigen Besuchen auf der anderen Seite der Mauer stieß ich auf dieselbe Haltung. Nach und nach erfuhr ich, dass auch viele der damals der DDR sehr skeptisch gegenüberstehenden Intellektuellen die Mauer zunächst als etwas Gutes betrachtet hatten. „Wir glaubten“, hörte ich oft, „wir könnten jetzt gewissermaßen unter uns den Sozialismus aufbauen.“ 

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