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Berliner Kuss-Quartett Sternstunden des Quartettspiels

Seltsamerweise erscheinen Konzerte des Berliner Kuss Quartetts in seiner Heimatstadt immer noch wie ein Geheimtipp. Im Kammermusiksaal der Philharmonie blieben beim Konzert des Streichquartetts am Montag viele Plätze unbesetzt.

08.05.2013 16:00
Martin Wilkening
Im Kammermusiksaal in der Berliner Philharmonie blieben beim Kuss-Konzert viele Plätze leer. Foto: dpa

Seit einem Jahrzehnt, seit dem Gewinn wichtiger Wettbewerbe, mischt das Berliner Kuss Quartett ganz oben in der Weltklasse der Streichquartette mit. In seiner Heimatstadt erscheint ein Konzert aber seltsamer Weise immer noch wie ein Geheimtipp. Im Kammermusiksaal jedenfalls bleiben Montagabend viele Plätze leer.

Die, die gekommen sind, erleben zwei Sternstunden des Quartettspiels, Haydn, Janacek und Schubert jenseits aller effekthascherischen Aufbürstung, sondern in einer Souveränität, deren Individualität ganz auf das tiefe Eindringen in die Eigenart der einzelnen Werke gründet. Die Interpretationen von Schubert spätem G-Dur-Quartett und Janaceks 1.Streichquartett besaßen geradezu Offenbarungscharakter, auch für den, der diese Stücke gut kennt.

Die Stärke dieses Abends wuchs wie aus der dringlichen Mitteilung einer Erkenntnis heraus, deren langen Reifeprozess man staunend ahnen kann. Offensichtlich sind die Musiker um die Geigerin Jana Kuss in der Lage, sich bei aller Konzertroutine die Zeit zu nehmen, die sie brauchen, um sich ein Werk zu eigen zu machen.

Solch ein Gefühl erfüllter Zeit, in dem Spielen und Hören aufeinander bezogen sind, strahlt schon die grundsätzliche Tempo-Auffasung des Kuss Quartetts aus. Nie wirken die schnellen Sätze im Tempo überzogen, wie es aus Angst zu langweilen oder nicht genug zu glänzen so leicht geschieht.

Schon in Haydns fis-Moll-Quartett aus op. 50, wo in den eingestreuten virtuosen Passagen des ersten Satzes nicht alles perfekt gelingt, überrascht die feine Differenziertheit der Artikulation. Die pochenden Auftakte, deren Impuls den ersten Satz durchzieht, haben nichts mechanisch Abschnurrendes, sondern sind dramatisch aufeinander bezogen, so dass ihre legato-Variante im Dur-Schlussteil nicht als Überraschung erscheint, sondern als glücklicher Abschluss eines unentwegten sich Aneinander-Abarbeitens.

Ständig geschürte Glut

Besonders aufschlussreich war das zeitentrückte und sublim tänzerische Menuett, das mit raffinierten Verzögerungen eine gestisch-körperliche Präsenz gewann, die schon etwas von jenem Wechsel zwischen ekstatischer Hingabe an die Bewegung und innerlicher Versunkenheit ausstrahlte, die dann in Janaceks Quartett als bestimmend erfahrbar wurde. Janaceks 1. Streichquartett lebt davon, dass die Glut des Ausdrucks beständig geschürt wird, um die Fieberkurven dann in hemmender Starre zu zerreißen.

Diese Gegensätze einfach auszuspielen, gelingt vielen Quartetten, meistens bleibt es auch dabei. Sie aber im Zeitgefühl, der Dynamik, der Artikulation wieder zu einer höheren Einheit zu fügen, die einzelnen Sätze und das ganze Stück mit einem Blick zu erfassen, ist in dieser Ästhetik beständiger Brüche und plötzlich hervorschießender Wärmestrahlungen eine Herausforderung. In diese wirft sich das Kuss-Quartett mit einer ebenso beeindruckenden wie hinreißenden interpretatorischen Intelligenz hinein – und heraus kommt ein Janacek wie zum ersten Mal richtig gehört.

Im wogenden Hin und Her dieser vier Stimmen gewinnt sowohl die Folge der Sätze, mit ihrer im Prinzip jedesmal gleich angelegten Dramaturgie, eine überraschende Stringenz, als auch das expressive Detail im Verhältnis zum Ganzen. Und das ist nicht zuletzt das Ergebnis einer Partiturtreue, die, etwa in dem wie abgeschnitten erschreckenden Schluss, alle naheliegenden aber falschen Drücker und Dehnungen vermeidet.

Für Janacek prädestiniert ist das Kuss Quartett auch wegen der Wandlungsfähigkeit. Sein Klang zielt grundsätzlich auf Wärme, Dichte und Homogenität, kennt aber auch die Trennschärfe vier verschiedener Stimmen.

Von dieser Vielfalt leben auch Schuberts wild-schöne Klanglandschaften, durchpulst von rhythmischer Energie, die erfindungsreiche Phrasierungskunst als stetigen Wechsel im Gleichen lebendig hält.

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