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Berlin vor und nach der Wende Ruppige Verhältnisse

Die schwedische Fotografin Ann-Christine Jansson hat Berlin vor und nach der Wende dokumentiert.

Picnick an der Mauer
Ann-Christine Jansson: "Picknick an der Mauer", 1986 (mit Blick auf den Norden von Ostberlin). Foto: Ann-Christine Jansson

Die 80er und 90er Jahre haben Konjunktur, darin unterscheiden sich die Jahrzehnte vor und nach der deutschen Wiedervereinigung nicht von den Dekaden, die zuvor einer umfassenden medialen Auswertung zugeführt wurden. Nach den „besten Hits der 60er und 70er“ nun als auch die Nachfolgejahre in Ton, Wort und Bild. Dass dies in aller Ausführlichkeit geschehen kann, hat gewiss auch damit zu tun, dass Künstler und Fotografen, die um 1980 herum jung waren, ihre noch hinreichend mit nicht-digitalen Aufbewahrungssystemen gefüllten Archive öffnen und darin auf etwas stoßen, das ihnen wie ein fernes Zeitalter anmutet.

Der Suhrkamp Verlag hat in diesem Sinne unlängst „Berlin Heartbeats“ aufgeboten und Künstler, Musiker und Schriftsteller nach den Wendejahren befragt, als Berlin als Stadt der Brachen nicht nur in räumlicher Hinsicht jede Menge Freiräume zu bieten hatte. Die Wendejahre waren zugleich eine Zeit der Neuorientierung und des Fremdelns. Die Sängerin Christiane Rösinger etwa schilderte in „Berlin Heartbeats“, wie sie sich nach 1989 eher zögerlich an die neuen Szene-Reviere in Prenzlauer Berg und Friedrichshain herantastete.

Der Fotograf Christian Schulz hat in seinem Archiv die „wilden Achtziger“ (Lehmstedt Verlag) entdeckt, die vor allem die Durchdringung des Alltags mit der Punkästhetik hervorbrachten. „Gefühl und Härte“ war nicht nur eine gängige Losung, in Christian Schulz’ Bildern zeigt sich auch ein unbedingter Wille zur minimalistischen Form, in der alles Liebliche aus den Gesichtszügen den klar gezogenen Linien des Kajalstifts wich.

Die schwedische Fotografin Ann-Christin Jansson interessiert sin in ihrer neuen Ausstellung (Fotogalerie Friedrichshain) und dem dazugehörigen Bildband unter dem Titel „Turns/Umbrüche“ eher für die Übergänge. Auf einer Doppelseite bildet sie Heinrich Böll bei einer Demonstration gegen die Aufstellung von Pershing-Raketen in Deutschland im Jahr 1983 ab und stellt ihm Blixa Bargeld gegenüber, den Begründer der Avantgarde-Band Einstürzende Neubauten. Böll und Bargeld sehen den Betrachter aus ähnlichen Körperhaltungen heraus an. Bei Böll stützt die linke Hand das Kinn, die Fingerspitzen graben sich tief in die Wange ein – der Dichter mit der Baskenmütze, nachdenklich. Heinrich Böll war ein charismatischer Repräsentant der alten Bundesrepublik, der auch von der jüngeren Generation angenommen wurde. Dessen Gesichtszüge strahlen auf Janssons Bild skeptische Milde aus. Bei Blixa Bargeld dominiert die demonstrative Pose, das Kinn wird gehalten von seiner geballten Faust.

Ann-Christine Jansson hat einen besonderen Blick für die Momente, in den die harte Pose einen Spalt offenlässt für das Weiche und Unentschiedene. Bilder aus der Berliner Hausbesetzerszene verweisen auf die ruppigen Verhältnisse jener Jahre, bilden aber auch die Hoffnung auf Gemeinschaftsbildung in neuen Wohnverhältnissen ab. Und wenn sich hier Nacktheit zeigt, dann geht es nicht nur um Ausdrucksformen körperlicher Selbstbehauptung. Sichtbar wird vielmehr auch jene Phase, in der der Körper ein wichtiges Medium zur gesellschaftlichen Selbstbefreiung war. Bei aller gesellschaftlichen Anspannung – häufig werden Polizeieinsätze abgebildet – kommte auch eine gewisse Unbeschwertheit zum Vorschein.

Jansson belässt es in den Jahren nach 1989 nicht bei ihrer Chronistenpflicht, und schon gar nicht beschränkt sie sich auf die Umbrüche in Berlin, wo die Schwedin seit 1980 lebt. Ein eindrucksvoller Teil des Bandes beschäftigt sich mit der politischen Wende in Ungarn und der Tschechoslowakei. Jansson bewahrt dabei den distanzierten Blick der Skandinavierin, die zur richtigen Zeit an den richtigen Orten ist. Als Fotografin hat sie viele Jahre für ein Kreuzberger Journalisten-Büro gearbeitet, das noch aus den Idealen des Arbeitskollektivs der westdeutschen 70er Jahre hervorgegangen war. Danach war sie für einige Jahre Bildredakteurin bei der „taz“ sowie für das „Svenska Dagbladet“.

Im Gespräch mit dem Fotografen Harald Hauswald von der legendären Agentur Ostkreuz tauscht sie sich rückblickend über die unterschiedlichen fotografischen Schulen aus, aus denen sie kamen. „Eines der ersten Fotos“, sagt Jansson, „die ich in Berlin gemacht habe, waren die Leute in einer Kreuzberger Kneipe. So etwas kannte man in Schweden nicht. Die Berliner Kneipe war so eine Art Wohnzimmer.“ Schon bald ging es von dort nach draußen.

Ann-Christine Jansson: Turns / Umbrüche. Those Years / Jene Jahre 1980–1995. Verlag seltmann + söhne, Berlin 2018. 208 Seiten, 39 Euro.

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