Lade Inhalte...

Berlin Gedenkfeier für Liu Xiaobo

Intellektuelle und Künstler erinnern an einem geschichtsträchtigem Ort an den chinesischen Friedenspreisträger und Bürgerrechter Liu Xiaobo.

Liu Xia und Liu Xiaobo
In der Berliner Gethsemanekirche werden Liu Xia und Liu Xiaobo geehrt.. Foto: dpa

Berlin ist für manche Chinesen zur Zeit das, was Paris und London für manche Deutsche im 19. und 20. Jahrhundert waren: eine Exilheimat. Am Freitagabend konnte man einige von ihnen in der Gethsemanekirche in der Stargarder Straße sehen. Die Kirchengemeinde hatte zu einem Gottesdienst in Gedenken an Liu Xiaobo und in Solidarität mit Liu Xia eingeladen. Es sprachen neben den Pfarrern der Gemeinde der Liedersänger Wolf Biermann und die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, außerdem Pulitzer-Preisträger Ian Johnson, die Vorsitzende des chinesischen PEN in Taipeh, Tienchi Martin-Liao, und der ehemalige Vorsitzende des deutschen PEN, Herbert Wiesner. Der in Berlin lebende chinesische Schriftsteller und Friedenspreisträger Liao Yiwu spielte Flöte.

Joachim Gauck saß mit seiner Lebensgefährtin im Publikum jener neugotischen Kirche, die in den 80er Jahren zu einem der wichtigsten Versammlungsorte der friedlichen Revolutionäre der DDR wurde. Damals gab es hier Fürbittgebete nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989.

Autor Johnson, auf dessen Website man einen Videomitschnitt der Veranstaltung findet, sprach über Liu Xiaobo (1955-2017), den Schriftsteller und Menschenrechtler, der 2010 im Gefängnis erfuhr, dass er Friedensnobelpreisträger war. Er saß dort, weil er einer der Autoren der Charta 08 war, die unter anderem eine unabhängige Justiz, Vereinigungsfreiheit und ein Ende des Einparteiensystems forderte. Der Name war eine Anspielung auf die Charta 77, die die gleichen Forderungen 1977 in der Tschechoslowakei aufgestellt hatte. Liu Xiaobo war in China geblieben. Die Gelegenheiten, die ihm das Regime bot, das Land zu verlassen, schlug er mehrfach aus. Er wusste, so Johnson, dass er riskierte, dafür mit seinem Leben bezahlen zu müssen. Im vergangenen Jahr starb er an Leberkrebs. Liu Xiaobo wird in einem zukünftigen China, das sich seiner frühen Demokraten erinnern wird, eine hervorragende Rolle spielen.

Seine Witwe, die Dichterin und Fotografin Liu Xia, ist nach acht Jahren im Hausarrest in China vor wenigen Tagen in Berlin eingetroffen. Viele hatten gehofft, sie in der Kirche zu sehen. Aber sie kam nicht. Neben ihrem Gesundheitszustand war ein Grund dafür die Tatsache, dass die Pekinger Behörden ihrem jüngeren Bruder nicht die Ausreise gestattet haben. Sie behalten ihn als Geisel. In dieser Situation zieht Liu Xia es vor zu schweigen.

Der 82-jährige Wolf Biermann, der sofort nach seinem Auftritt die Kirche verließ, erinnerte an den Mut Liu Xiaobos und an den Bürgerrechtler Jürgen Fuchs. Und er merkte mit dem ihm eigenen Sinn für die Ironie der Geschichte an, dass wir die Freilassung Liu Xias womöglich nicht nur der weltweiten Solidarität, dem Engagement des Auswärtigen Amtes und der Kanzlerin zu verdanken haben, sondern auch Donald Trump, der solchen Druck auf Chinas Regierung mache, dass die jetzt größeren Wert auf ein gutes Verhältnis zu Europa lege. Dann sang er „Lass dich nicht verhärten...“ mit brüchig gewordener Stimme und ging. Veranstaltungen wie diese gehören zu den Schönheiten der Hauptstadt. Zu den von ihren Bewohnern – finde ich – nicht ausreichend gewürdigten Schönheiten.

Ich mag die Symbolik, mit der die Gethsemanegemeinde eine Brücke schlägt von den Bittgebeten von 1989 zu dem chinesischen Geschehen von heute. Und ich mochte auch, so kitschig es war, dass zuletzt Isabel Schrodka „Donna Donna“ sang, jenes 1941 entstandene jiddische Lied vom wehrlosen Kälbchen auf dem Weg zur Schlachtbank und von der Schwalbe, die ihr Schicksal selbst bestimmt. Das bettete alles noch einmal in eine viel grausigere Geschichte ein.

Schrodka sang „Donna Donna“ in der Version von Joan Baez, die es zu einem weltweiten Hit gemacht hatte – und es übrigens auch – Charta 77 und Charta 08! – im Juni 1989 in Bratislava sang. Noch unter Aufsicht der Polizei. Die hatte die Mikrofone abgestellt. Als sie „Donna, Donna“ anstimmte, sangen 4000 Menschen mit. So viel Pathos, so viel Erregung gab es jetzt in Berlin nicht. Aber es war doch gut, dass Menschen diesen Abend organisiert hatten, der an solche Zusammenhänge anknüpften. Auch wo keiner sie erwähnte, stellten sie sich ein, waren mit einem Male einfach da.

Viele waren ergriffen. Viele blickten voller Bewunderung hoch zu dem Bild, das Liu Xiaobo und Liu Xia zeigte. Und wir erschraken, als Herta Müller erklärte: „Die Gedichte von Liu Xia sind unausweichlich poetisch und unausweichlich dokumentarisch“. Über welche der derzeit hier entstandenen Gedichte lässt sich das sagen? „Ihre Sätze“, fuhr sie fort, „sind sachlich und verzweifelt in einem..., eine Mischung aus Eisen und Seide. Draußen herrscht die eiserne politische Willkür und innen drin die Intimität mit all ihren Strapazen, das Rätsel der starken Gefühle.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen