Lade Inhalte...

Berlin Der lange Schatten der Paulick-Leuchte

Die Lampen von Richard Paulick ähneln stark den Leuchten Albert Speers. Auch Paulick stellte sich in den Dienst einer Staatsarchitektur mit autoritärem Charakter - in der DDR.

Die Lampen Paul Richard Paulicks an der Ost-Berliner Stalin-Allee. Sie gehörten zur Machtarchitektur der Marschier- und Paradestraße und sollten nicht den Bürgersteig erhellen. Foto: Foto: dpa

Das helle Licht der Aufklärung kam unten nicht an. Das lag vor allem an den zu hohen Lichtpunkten. Von einem wohnlichen Charakter konnte nicht die Rede sein. Die Lampen waren vielmehr dazu da, dem neuen Menschen heimzuleuchten.

"Die Lichtanforderungen an den breiten Straßenraum", schreibt Sabine Röck, Kuratorin der Ausstellung "Berlin im Licht" im Märkischen Museum, "waren durch die Paulick-Leuchten untererfüllt. Ihre wesentliche Bestimmung bestand darin, zu repräsentieren, den als Marschier- und Paradestraße genutzten Straßenraum zu flankieren (...). Insgesamt kann festgestellt werden, dass sich die Leuchten der Stalinallee nicht überzeugend vom Vorbild der Speer-Leuchten lösten."

Ganz im Gegenteil. Die Lampen des nach dem Krieg in die DDR zurückgekehrten Poelzig-Schülers und Gropius-Assistenten Richard Paulick wiesen eindeutige Verwandtschaft zu den Leuchten Albert Speers auf, der wenige Jahre zuvor Hitlers Aufmarsch-Achse von West nach Ost in ein kühl abweisendes Licht getaucht hatte. Wie zuvor Speer stellte sich auch Paulick in den Dienst einer Staatsarchitektur mit autoritärem Charakter.

"Ihr massiger Eklektizismus" schreibt Sabine Röck über die Paulick-Leuchte, "war Ausdruck eines noch wenig differenzierten Verhältnisses zu herrschaftsstabilisierender Gestaltung in der DDR und kündete mehr von der totalitären Ideologie des diktatorischen Systems, als dass er den Gedanken an eine freie sozialistische Gesellschaft vermittelte."

Vom Architekten Richard Paulick war im Zusammenhang mit der Sanierung der Berliner Staatsoper Unter den Linden viel die Rede. Auf der Basis von eifrigen Schnelldurchgängen durch die deutsche Baugeschichte der Nachkriegsjahre wurde ihm aus gegebenem Anlass als Verdienst angerechnet, mit der Neugestaltung des Forum Fridericianum Berlins historische Mitte gerettet zu haben. In diesem Sinne versagte auch die Frankfurter Rundschau Paulick 1955 ihren Beifall nicht und setzte auf die DDR als Kulturstaat. "Während 1950 noch die alte Berliner Schlossruine mit dem weltberühmten Eosanderportal niedergerissen wurde, ... ist heute, fünf Jahre nach der Zerstörung des Schlosses, der berühmte, nicht weniger zerstörte Knobelsdorffbau Unter den Linden ohne Rücksicht auf die beispiellos hohen Kosten von rund 60 Millionen Mark wiedererrichtet worden, um die Position der DDR als Trägerin des deutschen Kulturerbes zu unterbauen (...)"

Es gehört zu den Besonderheiten des Wortes Kulturerbe, dass es beinahe ausschließlich im politischen Kontext Verwendung findet. Es amalgamiert politisch Getrenntes, quillt als bedeutungsschweres Füllhorn über und bietet sich zugleich als leichter Zierrat für Fest- und Eröffnungsreden an. Wenn das Kulturerbe aufgerufen wird, steht auch die Herausbildung einer kulturellen Identität im Protokoll, die als verbindendes Instrument aufgefasst wird. Sie soll zusammenhalten, was in einer immer unwirtlicher erscheinenden Zivilisation unter starke Zentrifugalkräfte geraten ist. Wie sonst vielleicht nur im Sport, glaubt man im kulturellen Kontext dem Versprechen, ein bisschen mehr zu sich zu kommen.

Ferner wird ein Kontakt zum Althergebrachten suggeriert, was immer das ist und wo es auch hergekommen sein mag. Im kulturellen Erbe scheint etwas aufgehoben zu sein, das man noch einmal gebrauchen kann. Das individuelle Bewusstsein greift auf solche Ressourcen ebenso zu wie das angenommene kollektive. In seinen "Studien über die Deutschen" hat der Soziologe Norbert Elias, der aus Deutschland vertrieben worden war und dessen Mutter in Auschwitz ermordet wurde, auf die im Kern apolitische und sogar antipolitische Stoßrichtung des Wortes Kultur aufmerksam gemacht, die "symptomatisch war für das wiederkehrende Gefühl deutscher Mittelklasse-Eliten, dass Politik und Staat den Bereich ihrer Unfreiheit und Demütigung, die Kultur den Bereich ihrer Freiheit und ihres Stolzes repräsentierte."

Solch analytische Kernsätze erinnern an eine Zeit, in der nahezu alles unter Ideologieverdacht geraten konnte. Das Klima ist inzwischen milder geworden. Aus den Hochämtern zu Ehren und zur Bereithaltung des Kulturerbes spricht heute nicht zuletzt ein Bedürfnis nach einer unschuldigen Wiederaneignung der Geschichte. Die wird als Ort in der Vergangenheit reklamiert, an den man sich zufrieden zurückfallen lassen kann. Das kulturelle Erbe verheißt eine Geborgenheit, die vor allem eine Entlastung sein soll vom verpflichtenden Imperativ, sich seiner Geschichte noch in den beiläufigsten Alltagsäußerungen bewusst zu sein. Es ist kein Zufall, dass das Wohlgefallen am kulturell sicher Geglaubten zu einem Zeitpunkt aufkeimt, an dem der europäische Einigungsprozess ins Stocken geraten ist.

Die ersehnte Ankunft in einem transnationalen Projekt, das nicht zuletzt der deutschen Schuldkommunikation zu einem stabilen Rahmen verholfen hat, ist aufgeschoben und hat die Langlebigkeit nationaler Repräsentation deutlich gemacht, über die Politik deswegen noch nicht stilsicher verfügt. Kanzlerin Merkels Intervention gegen einen Auftritt Barack Obamas vor dem Brandenburger Tor zeugt von einer weitreichenden Unsicherheit im Umgang mit nationalen Symbolen. Tor und Säule können noch immer zum heiklen Zeichen werden, wie fragwürdig oder lächerlich der Gebrauch auch sein mag.

Die Konjunktur des kulturellen Erbes ist denn auch eher das Produkt einer Enttäuschungserfahrung, in der erinnert, wiederholt und durchgearbeitet wird. Dass dies in einem aufgeklärtem Sinn gelingen kann, hat der australische Historiker Christopher Clark mit seiner Studie über Preußen gezeigt. Er weiß ebenso elegant wie unangestrengt damit umzugehen, dass Preußen vornationalistisch und vordemokratisch war, zugleich aber auch eine gelungene Synthese von Aufklärung und Macht. Preußen hat seinen Schrecken verloren, und es bedarf nicht mehr nur des Umwegs über die Kultur, um sich dieser Geschichte zu vergewissern. Am Ende ist aus Preußen wieder Brandenburg geworden, dessen Bedeutung in der Mark noch immer erwandert werden kann, ohne sich dabei an den Gefühlen vergangener Grandiosität zu berauschen.

Angesichts solch eines zugleich warmen wie distanzierten Blicks auf die Geschichte ist es um so erstaunlicher, was der bizarre Streit um die Berliner Lindenoper offenbart hat: Wie wenig es bei der Berufung auf das Kulturerbe um gestalterisches Maß, kunsthistorische Evidenz oder eine plausible Linie zwischen gestern, heute und morgen geht. Warum ein bauhistorisch hybrides, mehrfach umgestaltetes Gebäude wie die Lindenoper, die stets wechselnden Bedürfnissen angepasst wurde, nun zu einem gesamtdeutschen Nationaldenkmal verklärt werden soll, bleibt zumindest erklärungsbedürftig. Mit dem Paulick-Saal, so hatte es den Anschein, wurde auch ein seelisches Interieur verteidigt, dessen Kränkungserfahrungen noch nicht freigelegt sind.

Dabei sollte nicht übersehen werden, dass Eklektizismus, das Gemischte und Zusammengewürfelte, hervorstechende Merkmal eines Kulturerbes sind, nach denen das modernitätsgeschüttelte Ich greift. Einheit und Sinn sind nicht selten Ergebnis einer von mehr oder weniger starken Gefühlen geleiteten Konstruktion. In der Herkunft scheint zusammengefügt, was nur noch partikular und zerstreut wahrgenommen wird. Wenn in der Geschichte nach dem Eigenen gesucht wird, geht es fast immer auch um Einbildungskraft und Fiktionen im Dienste einer Selbststabilisierung.

"Die kollektiven Identitäten", schreibt der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann in seinem Buch "Die Erfindung des Ich" UVK Verlag), "einschließlich jener, die ihre Anregung aus der ältesten Geschichte oder den Religionen beziehen, sind keinesfalls Produkte der Vergangenheit, sondern, ganz im Gegenteil, Ergebnis einer neuen, von der Moderne angestoßenen Herstellung. (...) Eine Autobahntrasse in der Nähe eines Dorfes oder Pläne zur Umgestaltung eines Hafens, der nicht mehr in Betrieb ist, reaktivieren plötzlich lokale Identifizierungen, die bis dahin explizit nur wenig als solche erlebt wurden."

Beinahe jede Einbettung in einen Kontext ermöglicht es theoretisch, eine Sphäre zur Identifizierung zu schaffen, aus der erstaunliche Kräfte hervorgehen können. Die Geschichte der Oper zeigt, dass es in Phasen der Nationalstaatsbildung mitunter eminent wichtig war, wo gesungen wurde und was. Es ist jedoch mehr als nur eine Frage des guten Tons in demokratischen Gesellschaften, warum das oben ausgestrahlte Licht unten nicht ankommt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen