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Berlin Biennale Heldensturz in Tarnfarben

Die X. Berlin Biennale der Südafrikanerin Gabi Ngcobo entwaffnet den Zorn auf Kapitalismus und Globalisierung mit lakonischer Poesie.

Untitled
Dineo Sheshee Bopape, „Untitled (Of Occult Instability) [Feelings]“. Dineo Seshee Bopape, Jabu Arnell, Lachell Workman, Mo Laudi, Robert Rhee Foto: Timo Ohler

Sanft locken Trommelschläge, überlagert von einem melodischen Sound. Dazwischen Gesangsfetzen. Eine junge schwarze Frau schreitet auf nackten Sohlen übers Parkett, tanzt, langsam, entrückt. Eine einsame Gestalt wie auf einer Bühne. Aber sie will nicht einsam sein. Die Zuschauer sollen zu ihr kommen. Mittanzen. Mitatmen. Ihr schöner ranker Körper will sich entkoppeln von allen Einschränkungen und das sollten auch die anderen Körper tun, schwarze oder weiße. Keine Trennung. Keine Ausgrenzung für alle.

Okwui Okpokwasili entwarf ihre gleichnishafte Performance für die Berlin Biennale als Akt der Erinnerung, gegen das Vergessen – und als Zeichen der Selbsterhaltung: Sie erinnert an den nigerianischen Frauenprotest gegen die Kolonialherrschaft im Jahr 1929.

Noch herrscht in dem mit durchsichtiger Folie abgetrennten Meditationsraum im Haus der Kunst-Werke Auguststraße in Berlin-Mitte kein Gedränge. Aber die Folie dreht sich im Wind. Das Publikum zögert noch, trotz der sachten Aufforderung, bloß die Schuhe auszuziehen und vorher auf Wandzetteln zu lesen, wie man richtig atmet. Das ist notwendig beim gewaltlosen Protesttanz. Das Radikale der Aussage liegt ja gerade in der Behutsamkeit der Form. Dieses ist eines der ersten bleibenden Erlebnisse auf der X. Berlin Biennale. Und die Jubiläums-Ausstellung hat es verdient, ein Aufreger zu sein. Trotz der ritualhaften Wiederholung seit 20 Jahren – und in Konkurrenz zu all den Massen von Festivals, Festspielen, Events, Gallery- und Art Weeks in der Stadt mit Zehntausenden Künstlern.

Eine Konkurrenz zu sein, ist nicht das Wesen der Berlin Biennale. Eher ist es nun gerade wieder der interessierte, differenzierte, untrügliche, liebevolle, skeptische und analysierende Blick auf das Leben in unserer globalisierten Welt. Diese Biennale 2018 ist - bis auf wenige etwas schülerworkshop-hafte Konzeptkunst-Arbeiten, lässlich sie zu nennen -, überraschend leicht fassbar, dabei ernsthaft und zugleich auf wundersame Weise entspannt und auch humorvoll.

Gerade das hätten wir vorab nicht gedacht beim Lesen der diskurstheoretischen Ankündigungen über das „Verhandeln hierarchischer und postkolonialer Strukturen in politischen Räumen“, von hochkomplexen Gender-Themen und „kollektiver Psychose in Zeiten geopolitischer Verschiebungen“, der Ängste, den Verwerfungen durch Kriege, Konflikte, Flucht und Vertreibung, der humanen Katastrophen und drohendem ökologischem Kollaps.

Die Kunst zu diesem mit großer Anschaulichkeit bedachten Diskurs besteht aus teils ganz klassisch gemachter, farbenfroher, furioser figürlicher, abstrakter, surrealer Malerei, wie etwa bei Herman Mbamba, dem das Malen Nahkampf ist, der die Leinwand pollockartig-gewalttätig traktiert, aber dabei wunderschöne, fast lyrisch biomorphe Formen hervorbringt.

Das Körperliche dominiert, bei Malern, Bildhauern, Fotografen und Filmemachern. Sie zeigen das Lebensfroh-Bunte, auch Dekorative, wie auch das Verletzliche, wofür sie sich oft eines expressiven Stils und harter Konturen bedienen. So sehr, dass man beinahe an die auch damals gegen starre Traditionen ankämpfende Bildsprache der Brücke-Maler oder an Edvard Munch erinnert wird. Und manche Stilistik lässt an die weich überzogenen verstümmelten Gesichter und malträtierten Körper der großen südafrikanischen Malerin Marlene Dumas denken.  Aber all das hat kaum die im postkolonialen Diskurs erwartete anklagende, dramatische, schockierende Gestik, vielmehr eine subtile und lakonisch-poetische Ausstrahlung. Es ist, könnte man auch sagen, ein betont feminines Arrangement mit allein 30 Arbeiten, die direkt für den Ort entstanden sind. Die 47 Künstlerinnen und Künstler dieser Biennale kommen aus Havanna, Warschau, Kairo, London, Johannesburg, Kapstadt, Lahore, Teheran, Harare, Nairobi und Paris. Gabi Ngcobo, die künstlerische Leiterin, stammt aus Johannesburg. Ihr Kuratorenteam hat zumeist afrikanische und afroamerikanische Wurzeln.

Dennoch ist es keine Afrika-Ausstellung, weil Afrika und die Frage nach der Zukunft des Kontinents, zugleich aber auch die der gesamten Menschheit ansteht. Und tatsächlich zitiert der Biennale-Titel nicht etwa einen südafrikanischen Dichter, sondern Tina Turners „We Don’t Need Another Hero“. Die Erzählung von einer Revolutionärin, die aber zur Tyrannin wird, während sie eine bessere Zukunft schaffen will. Es ist die Verkörperung jener Macht, die entartet, die schädlich wird, weil ihr der Zweck die Mittel heiligt in dem Glauben, durch Druck und Gewalt Gutes zu tun.

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