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"Berberian Sound Studio" Der gute Ton des Terrors

Peter Stricklands "Berberian Sound Studio" spielt in einem italienischen Filmtonstudio der Siebziger Jahre, als dort Meister wie Dario Argento den „Giallo“-Horror prägten. Wer wäre dort nicht gerne einmal Mäuschen gewesen?

Ohne eine Diva wäre auch diese Hommage an das italienische Kino der siebziger Jahre arm. Foto: Rapid Eye Movies

Peter Stricklands "Berberian Sound Studio" spielt in einem italienischen Filmtonstudio der Siebziger Jahre, als dort Meister wie Dario Argento den „Giallo“-Horror prägten. Wer wäre dort nicht gerne einmal Mäuschen gewesen?

Dem Genrekino neue Seiten abzugewinnen, versuchen viele. Oft reicht es schon, etwas genauer hinzusehen auf die Konventionen, die zum Beispiel hinter dem schönen Schrecken stehen. Aber wie wäre es zur Abwechslung einmal damit, etwas besser hinzuhören?
Peter Stricklands „Berberian Sound Studio“ spielt in einem italienischen Filmtonstudio der Siebziger Jahre, als dort Meister wie Dario Argento den „Giallo“-Horror prägten. Wer wäre dort nicht gerne einmal Mäuschen gewesen? Nur die Hauptfigur dieses liebenswerten Films über das Filmemachen, ein angesehener englischer Tonmeister namens Gilderoy, fühlt sich denkbar unwohl: Er hat noch nie einen Horrorfilm gesehen. Aber wieso denn überhaupt Horror? Der italienische Genre-Maestro will von diesem Wort nichts wissen. Seine Werke seien schlicht so grausam wie das Leben selbst.

Gilderoy ist entsetzt von dem Material, das er – aber nicht der Zuschauer! – zu sehen bekommt. Tapfer macht sich der introvertierte kleine Mann dennoch an sein Tagewerk, abgeschlagene Köpfe mit dem Zerhacken von Kohlköpfen zu untermalen. Schließlich weigert er sich jedoch, die dargestellten Frauenmorde zu begleiten, weil er offenbar glaubt, den Figuren so das Leben zu retten.
Es ist eine hinreißende Ausgangsidee, die Peter Strickland hier im wahrsten Sinne orchestriert: Was für herrlich-ironische Klangräume werden da gebaut, wie wunderbar imitiert die Band Broadcast den gruseligen Art-rock-Sound von Goblin, der Argento-Band.

Auf eine so stilvoll-gruselige Art hat man im Kino noch niemals nichts gesehen. Der Einfall, die Filmszenen nie zu zeigen, sondern durch die Dialoge der Synchronsprecher und die Geräusche zu evozieren, nutzt sich nicht ab – und ist doch eigentlich eine Frechheit: Wird nicht gerade die Argento-Schule mit ihrer visuellen Opulenz assoziiert?

Das Phantom in dieser Horror-Oper ist natürlich eine Diva. Als eine Schauspielerin, deren Fähigkeit zu schreien dem Regisseur nicht reicht, die Tonbänder verwüstet, soll Gilderoy für Ordnung sorgen. Dabei bekommt er nicht einmal sein Geld und fühlt sich als Gefangener des charismatischen Regisseurs und seiner dominanten Produzenten. In seinen Träumen wird er selbst zum Akteur der Horrorfilme, eine Rückkehr ins idyllische englische Landleben scheint unmöglich.

Ehrlicherweise muss man einräumen, dass die Ausgangsidee so hinreißend ist, dass der Plot dabei nicht ganz mitkommt. Doch als akustische Hommage an das „Giallo“-Kino trifft es wirklich dessen Ton.

Wer einmal in Dario Argentos römischer Produktionsfirma zu Gast war, fühlt sich in diesem Film sofort zu Hause: Eine gewisse Muffigkeit aus betagtem Büromöbelflair über Marmorböden ist wohl die Voraussetzung für blutrote Leinwandphantasien.
Auch der sensible Tonmann scheint ein guter Bekannter: Sein Los erinnert an das eines gewissen Jonathan Harker, den Graf Dracula unter einem Vorwand in sein Schloss bestellte. Herrlich auch, wie Strickland das heimische Großbritannien aus der Ferne grüßen lässt: in Gilderoys Briefen, die altmodisch-lange auf der Leinwand stehen. Und in seien früheren Werken, betulichen Wald- und Wiesenfilmen im Stil des Naturfilmers David Attenborough.

Berberian Sound Studio. GB 2012. Regie: Peter Strickland. Mit Toby Jones, Tonia Sotiropoulou, Cosimo Fusco. 92 Minuten

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