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Begegnung mit Liao Yiwu "Ich war ein Propaganda-Autor"

Ein Protest-Gedicht brachte Liao Yiwu nach dem Tienamen-Massaker ins Gefängnis. Dort aber lernte er das Zuhören. Die Geschichten einfacher Menschen wandelten den Lyriker in einen Reportage-Autoren. Von Bernhard Bartsch

Der chinesische Autor Liao Yiwu bei seiner Begegnung mit FR-Korrespondent Bernhard Bartsch in Wenjiang. Foto: Bernhard Bartsch/FR

Er steht allein am Rand der sechsspurigen Straße und erkennt das Auto schon von weitem. "Hier kommen nicht viele Taxis her", sagt Liao Yiwu, setzt sich neben den Fahrer und lotst ihn durch die Baustellenlandschaft von Wenjiang, einen Vorort von Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu. "Gehen wir lieber in ein Teehaus, zuhause stehen noch immer Polizisten vor meiner Tür." Am Vortag haben sie den Schriftsteller am Flughafen in Chengdu festgenommen, weil er zum Kölner Literaturfest lit.Cologne reisen wollte.

"Die Beamten haben mich mehrere Stunden verhört und dann auf dem Weg nach Hause gefragt, ob ich ihnen nicht einmal etwas von mir zu lesen geben könne, weil sie gar nicht genau wissen, warum ihre Vorgesetzten sie auf mich angesetzt haben", erzählt Liao lachend. Er überließ ihnen die Bücher, die er eigentlich mit nach Deutschland nehmen wollte.

Vielleicht drückten seine Bewacher deswegen ein Auge zu, als er an diesem regnerischen Morgen in Allwetterkleidung und unrasiert aus dem Haus trat und darum bat, einen kleinen Spaziergang machen zu dürfen. Der 51-jährige Autor gehört zum innersten Zirkel jener kritischen Intellektuellenszene, die Chinas Kommunistische Partei für ihren gefährlichsten Feind hält.

13 Mal durfte Liao Yiwu schon nicht ausreisen

Schon vor Jahren hat die Zentralregierung alle chinesischen Verlage schriftlich angewiesen, von Liao keine Zeile mehr zu drucken. 13 Mal haben die Behörden ihn daran gehindert, Einladungen zu ausländischen Literaturveranstaltungen anzunehmen. Selbst bei Reisen in die Hauptstadt Peking schickt die Provinzregierung Polizisten, um Liao zurückzuholen.

Es heißt, Zhou Yongkang, Chef der chinesischen Sicherheitsdienste und die Nummer neun in der Parteihierarchie, habe Liao auf seiner persönlichen schwarzen Liste, weil er einiges Negative über Zhous Zeit als Parteichef von Sichuan recherchiert habe. Und für das populäre Gedicht "Massaker", mit dem Liao sich 1989 nach dem Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens das Entsetzen von der Seele zu schreiben versuchte, ist er aus Pekings Sicht selbst mit vier Jahren Haft und Folter noch nicht hart genug bestraft worden.

"Immerhin liest so auch Chinas höchste Führung meine Texte", gibt Liao sich geschmeichelt. "Aber gerade deshalb müsste sie doch eigentlich wissen, dass ich überhaupt nicht gefährlich bin." Liao hat Tee und Nudelsuppe bestellt. Während er erzählt, rupft er die Papierhülle seiner Essstäbchen in winzige Stückchen. "Ich habe es nie darauf angelegt, das Regime herauszufordern", sagt er. "Ich gehöre nicht zu den Schriftstellern, die bewusst die Rolle des Dissidenten suchen, weil sie es für ihre Pflicht halten, den Staat zu kritisieren." Zwar habe auch er das Demokratiemanifest "Charta 08" unterschrieben, allerdings vor allem aus Verbundenheit mit deren Verfasser Liu Xiaobo, einem seiner engsten Freunde, der im vergangenen Dezember zu elf Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

"Ich habe die Charta 08 nicht mal gelesen"

"Um ehrlich zu sein habe ich die Charta 08 nicht einmal genau gelesen", gesteht Liao. "Ich interessiere mich nicht besonders für Politik, sondern vor für meine Geschichten." Doch wie könnte es unpolitisch sein, in China diejenigen zu Wort kommen zu lassen, deren Stimmen das staatliche Propagandagetöse eigentlich übertönen soll?

Liao hat sich vor allem als Reportageschriftsteller einen Namen gemacht. Einen großen Teil des Jahres wandert er zu Fuß durch die chinesischen Provinzen und dokumentiert das Leben des einfachen Volkes und vor allem der Fortschrittsverlierer. "Meine Texte entstehen nicht am Schreibtisch, sondern in der Realität", sagt Liao, der sich ungeniert mit dem russischen Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn vergleicht. "Wenn wir nicht festhalten, was in China heute passiert, dann ist es für immer verloren."

In seinem vergangenes Jahr auf Deutsch erschienenen Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser" beschreibt er das Schicksal von Wanderarbeitern und Bauern, Kloputzern und Prostituierten, Kriminellen und politisch Verfolgten. Ein weiterer Reportageband, in dem er seine Zeit im Gefängnis beschreibt, soll Ende des Jahres auf Deutsch erscheinen - Liao lebt ausschließlich von seinen ausländischen Tantiemen.

"Ich war ein Propaganda-Autor"

Die subversive Freude am Zuhören entdeckte Liao, als er wegen seines Tiananmen-Gedichts "Massaker" zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. "Davor war ich ein Propaganda-Autor wie alle anderen auch, die im staatlichen Schriftstellersystem arbeiten", meint Liao mit einem Seitenhieb auf chinesische Literaturstars wie Mo Yan oder Yu Hua, die einst seine Kollegen waren und sich heute nicht mehr trauen, mit ihm Kontakt zu haben oder öffentlich über seine Werke zu sprechen.

Liao, Sohn einer Lehrerfamilie, verbrachte seine Kindheit während der Kulturrevolution und bekam an Bildung nur das mit, was ihm seine Eltern in den Revolutionspausen heimlich beibringen konnten. Nach Maos Tod versuchte er vier Jahre lang vergeblich, die Universitätsaufnahmeprüfung zu bestehen und begann dann bei einer Zeitschrift zu arbeiten, wo er bald als wortgewandter Dichter auffiel und vom Kulturministerium in die Riege der Staatsschriftsteller aufgenommen wurde.

Obwohl er mit Lobliedern auf die Partei seinen Lebensunterhalt verdiente, engagierte er sich auch in der literarischen Untergrundszene, in der nicht Deng Xiaoping den Ton angab, sondern Bob Dylan. Doch am 4. Juni 1989 endete der kulturelle Frühling. "Wir erleben ein Massaker in diesem Land der Utopien. Der Regierungschef braucht sich nur zu erkälten, und schon müssen die Massen mit ihm niesen", schrieb Liao damals in einem Gedicht, das er mit vor Wut bebender Stimme seinen Freunden vortrug, die es auf Kassetten weiterverbreiteten, wodurch es bei den traumatisierten Studenten bald Kultstatus gewann.

"Als ich in die Gefängniszelle gestoßen wurde, sah ich als erstes einen kahlköpfigen Hünen, der "Töten, töten, töten", schrie", erinnert sich Liao. "Dutzende Häftlinge mussten sich einen Raum teilen, und der Platz reichte nicht einmal, um beim Schlafen auf dem Rücken zu liegen. Alle hatten fürchterliche Ausschläge, und ich gewann die Zellenmeisterschaft im Läuseknacken."

Sie nannten ihn "der große Irre"

In Endlosschlaufen erzählten die Insassen einander ihre Geschichten: Einer hatte Mädchen gekidnappt und in die Prostitution verkauft. Ein anderer hatte seine Frau getötet und schon fast vollständig an seine nichtsahnende Familie verfüttert, als seine Mutter einen Fingernagel in ihrer Suppe fand. Liao, der nur ein paar Verse geschrieben hatte, erlitt mehrere Nervenzusammenbrüche und versuchte zweimal, sich umzubringen, was ihm den Namen "der große Irre" einbrachte.

Nach seiner Entlassung begann er, unter einer Brücke Kleidung zu verkaufen und in seiner freien Zeit die Geschichten seiner Zellengenossen aufzuschreiben. Aus dem seelischen Verarbeitungsprozess wurde ein literarischer Neuanfang: Aus Liao, dem Dichter, wurde Liao, der Reportageschriftsteller. "Im Nachhinein sehe ich meine Gefängniserfahrungen als ungeheuren Schatz", sagt Liao. Außerdem haben die traumatischen Erfahrungen ihn weitgehend immun gemacht gegen die Angst vor Bestrafung oder materielle Verlockungen. Die Partei kann ihn behindern, aber nicht brechen.

Als nächstes kommt die abgeschnittene Hand

Auf dem Rückweg durch die leeren Straßen von Wenjiang, an denen neue Hochhausburgen mit Namen wie "Perlfluss-Stadt" oder "Küstenvilla" entstehen, zeigt Liao in die Richtung des Marktes, wo er sein Gemüse kauft. Kürzlich hat er dort einen Verkäufer kennengelernt, der im Streit mit einem Standnachbar die rechte Hand abgeschnitten bekommen habe.

"Sobald die Polizei mich wieder in Ruhe lässt, wird das mein nächstes Interview", sagt Liao. Auf dem Markt habe er auch eine Raubkopie des Stasi-Films "Das Leben der anderen" gekauft, die er über das deutsche Konsulat an Bundeskanzlerin Angela Merkel geschickt hat, zum Dank für ihre Unterstützung bei seinem Versuch, nach Deutschland zu reisen. "Sie hat selbst in einer Diktatur gelebt und wird verstehen, was ich damit meine", erklärt er mit einem Zwinkern.

Dann geht er alleine weiter, um sich bei der Polizei von seinem Spaziergang zurückzumelden.

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