Lade Inhalte...

Bayreuther Festspiele Jungfrau vor Lungenflügeln

Den Auftakt der hundertsten Bayreuther Wagner-Festspiele machte Sebastian Baumgartens umstrittene „Tannhäuser“-Inszenierung. Die Regie sorgte für Verwirrung, während das Orchester brillierte. So gab es Buhrufe und Applaus zur Premiere.

Camilla Nylund heimste sich in ihrer Rolle als Elisabeth viel Applaus ein. Foto: dpa

Ein Krieg ist das nicht hier oben auf der Wartburg. Es ist einfach eine Art Sekte, die sich da ausgebreitet hat. Für ihre Mitglieder gibt es Dormitorium und Refektorium, Ernährung und Energieversorgung sind autark und in einem geschlossenen Kreislauf organisiert, verlockend steht ein siebenteiliger roter Tank mit der Aufschrift „Alkoholator“ etwas nach hinten gerückt im Zentrum des Versorgungssystems, rechts sieht man den blauen Kessel einer Biogasanlage, links einen grünen Nahrungsmittel-Druckkessel, geheimnisvolle Schläuche, eigentümliche Gerätschaften.

Beherrscht und mit Normen ausgestattet wird die Gesellschaft von einem kleinen Oligarchenkreis. Klare Normen sind für geschlossene Gesellschaft unverzichtbar. Ohne klare Normen wäre nicht zu definieren, wer dazugehört und wer nicht, wann jemand ausgeschlossen wird und wie, welche Opfer gebracht werden müssen. Da der Autor der Geschichte Richard Wagner ist, wird das Opfer in aller Regel eine Frau sein.

Aber zunächst geht es bacchantisch zu. Wilde Fabelwesen machen unanständige biologische Sachen, Tannhäuser und Venus mittendrin, im Hintergrund läuft ein Video mit nicht ganz entschlüsselbaren Filmen von organischen Vorgängen. Später erscheint dort ein nicht wirklich jungfräulich wirkendes lebendes Marienbildnis vor pulsierenden Lungenflügeln. Das also ist der Venusberg.

Es zeigt sich, dass der Venusberg ein Käfig ist, der im Boden der Wartburg versenkt werden kann. Der Käfig ist der Ort der verdrängten Grundlage der geschlossenen Gesellschaft oben. So einfach ist das. Einfach?

Monty-Python-Elemente auf Bayreuther Grünem Hügel

Sebastian Baumgarten (Regie), Joep van Lieshout (Bühnenbild) und Nina von Mechow (Kostüme) haben einen vielfältig gebrochenen Zugang zum Tannhäuser-Stoff inszeniert. Ausgangspunkt ist ein systemtheoretisches Modell des sozialen Ritter-Sänger-Systems und seiner Untertanen, einer alles andere als offenen Gesellschaft mit fahrigen Ritualen und festen Tabus. Aber nicht alle Komponenten aus Wagners komplex gestrickter Tannhäuser-Mythologie lassen sich den magnetischen Polen dieses Plots zwanglos zuordnen.

Es bleibt viel Unordnung in der Geschichte, und manchmal bricht sich auch einfach der Impuls Bahn, sich lustig zu machen. Über die klerikalen Elemente, über Pilger und Rom etwa: Da waltet eine fröhlich-satirische Absurdität, die man eher im Leben des Brian von Monty Python verorten würde als auf dem Bayreuther Grünen Hügel. Der dramatische Kulminationspunkt des Wettsingens ist bei Baumgarten eine Demonstration fehlgeleiteter Lächerlichkeit, wo die Sänger Luft-Harfe spielen und Lügenlieder singen und die Verdrängungspotenziale der Ritter-Sänger angeprangert werden.

Nein, das Regie-Team macht es dem Publikum wirklich nicht leicht, das Konstrukt ihrer Inszenierung zu dechiffrieren. Dazu kommt: Das Publikum will auch in Bayreuth nicht unbedingt dechiffrieren, sondern mit einem sich selbst erklärenden Menü gefüttert werden. Das bestätigt zwar die konstitutiven Denkansätze über geschlossene Gesellschaften, die der Inszenierung zugrunde liegen, aber umgekehrt bekam die Regie bei der Premiere keine Bestätigung, sondern Ablehnung in Form von Buh-Rufen. Die Werkstatt Bayreuth wird wohl an dieser Inszenierung noch einige Reparaturarbeiten vornehmen.

Keine landläufig gekonnte Operngraben-Rhetorik

Andererseits war die Ablehnung gezielt: Sie richtete sich gegen das Regie-Team und gegen Stephanie Friede, die als Venus eine stimmlich eigentümlich gepresste und in den tieferen Lagen intonationsunsichere Vorstellung sang. Der Rest des Ensembles bekam seinen angemessenen, zum Teil enthusiastischen Beifall. Der Chor vor allem, der unter der Leitung von Eberhard Friedrich die eindrucksvolle Volk-Kulisse der Wartburg-Gesellschaft darstellt und mit eindrucksvoller Präzision und perfekter Dynamik agierte. Günther Groissböck gab den Hermann von Thüringen mit ritterlich-konservativer Statur und markiger Präsenz und teilte sich den Löwenanteil des Beifalls mit Camilla Nylund, deren Elisabeth keine ätherische Heilige oder demütig Leidende ist, sondern eine zielbewusste, rollenkonforme Frauengestalt, die gerade dadurch zum Opfer wird. Katja Stuber machte aus dem jungen Hirten eine clowneske Figur mit angenehmer stimmlicher Markanz, die man stets gern sah, ohne ihren Ort im Geschehen genauer bestimmen zu können. Lars Clevemann als Tannhäuser verfügt über ein in allen Registern kompetentes tenorales Ausdrucksspektrum, das allerdings mit der Zeit etwas monochrom wirkte.

Weit unter ihrem Wert wurde die Orchesterarbeit Thomas Hengelbrocks gewürdigt, und das hat einen guten Grund: Weil Wagners Tannhäuser-Musik eminent dramatisch konzipiert und oft so eingesetzt ist wie ein halbes Jahrhundert später Filmmusik, ist sie vor allem dann gut, wenn man sie als angemessene Begleitung dessen wahrnimmt, was gespielt, gefühlt und gezeigt wird. So geht die musikalische Gestaltung mit all ihrer klanglichen Feinarbeit, ihren elastischen Tempi, ihrer dramatischen Genauigkeit gerade aufgrund ihrer beträchtlichen Qualität in der Wahrnehmung unter.

Nur in den Vorspielen zeigte das Orchester, was es mit Hengelbrock gelernt hat: eine weich strahlende Wucht bei den Blechbläsern, eine noble und schwungvolle Artikulationskultur bei Holzbläsern und Streichern, insgesamt ein breitwandiges, dabei zartes, hoch differenziertes und penibel ausbalanciertes Klangbild mit Konturen, die nie scharf, aber stets präzise sind. Also keine landläufig gekonnte Operngraben-Rhetorik, sondern eine orchestrale Qualität, wie sie möglicherweise hundert Wagner-Festspiele lang im Bayreuther Festspielhaus nicht üblich, aber vermutlich gewünscht war.

Was man, bei allen Vorbehalten, der Inszenierung nicht vorwerfen kann, ist, dass sie die musikalische Ausdruckskraft des Ensembles behindert. Hengelbrocks Orchesterarbeit und die unterschiedlichen Qualitätsebenen der Ensemble-Leistungen stehen ungeschmälert auf der Bühne, die De- und Rekonstruktionsarbeit des Regieteams lässt das Werk in wesentlichen Teilen intakt. Elisabeth wird übrigens im letzten Akt von Wolfram ins Bio-Gas geschickt, durchaus gegen ihren Willen, und kann dann zum Himmel auffahren: eine klare Stellungnahme zur gefährlichen Ambivalenz geschlossener Gesellschaften.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen