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Barbara Morgenstern Schöne Berliner Dissonanzen

Die Elektro-Musikerin und Sängerin Barbara Morgenstern entdeckt auf ihrem Album "bm" Konzertflügel und bürgerlichen Selbstzweifel.

01.11.2008 00:11
TOBI MÜLLER

Im Kreis von 20 Metern um Barbara Morgensterns Wohnung gibt es zwei Galerien und ein schönes Restaurant mit frisiertem Namen. Wir sind in Berlin-Mitte. In jenem Stadtteil also, der zusammen mit Prenzlauer Berg die bundesweite Metapher für die kreative Mittelklasse darstellt. Oder bloß deren Tapete. Es gibt aber sozial monochromere Ecken als gerade diese. Neben der einen Galerie steht ein nicht so schönes öffentliches Bad, dazwischen liegt ein Seniorentreff und ein Design-unverdächtiger Trödler. Und die Grenze zum Wedding, Bezirk vieler Ausländer und Ärmeren, ist nicht mehr weit. "Es geht um die Sicht auf uns selbst / Wir sind Thirtysomething Middle Class", singt Morgenstern im Song "Monokultur".

Der kleine Rundgang führt nicht nur zur Musikerin selbst im vierten Stock, sondern auch mitten in ihr fünftes Album. Mindestens vier Songs auf "bm" handeln von der Stadt, in der Morgenstern seit 1994 wohnt. Die Single trägt sie gleich im Titel: "Come to Berlin" besingt auf Deutsch den Hauptstadthype, dem die Musikerin auf Konzertreisen begegnet, und die Stadt zu Hause mit den Baulücken und "Freiräumen", die im Zentrum stetig verschwinden.

"Ich bin Teil des Ganzen", sagt Morgenstern. Teil einer "unaufhaltsamen Entwicklung", die den Palast der Republik schleift und ein altes Schloss rekonstruiert. Einer Entwicklung, die Wohnraum verteuert und die Kaputtheit, welche Klaus Wowereit mit "arm, aber sexy" pries, an den Rand der Stadt drängt. Bloß, wer ist dieses "Wir", Frau Morgenstern? "Wir, das sind Kulturschaffende, die viel herumreisen und elektronische Geräte um sich scharen. Ich profitiere als Mitglied der bekannten Berliner Elektronikszene, ohne deren Ruf ich ja nicht im Ausland mit deutschen Texte auftreten könnte. Und mein Freund ist Webdesigner."

Wird das von der Musikerin beanspruchte "Wir" bald vierzig und hört auf den Geheimnamen Bürgertum? Sie lacht. "Ja, wir sind das moderne elektronische Bürgertum." Was ist daran verwerflich? Jetzt lacht sie auch, aber wartet etwas länger. "Verwerflich daran ist natürlich nichts." Wir, nur Frau Morgenstern und ich jetzt, befinden uns in einer Diskussion über bürgerlichen Selbsthass. Oder sagen wir: Selbstzweifel.

Fast alle Lieder auf dem Album verraten aber auch musikalisch eine Mobilität, die man sozial nennen möchte. Denn die Elektro-Chanteuse und Orgelspielerin, die Beatbastlerin und Vertreterin der einstigen Wohnzimmer-Bewegung, die Ende der Neunziger noch kuschelige Konzerte in Privaträumen zelebriert hatte, diese Barbara Morgenstern entdeckt nun das bürgerlichste aller Instrumente: den Flügel. Alles klingt jetzt gut, nichts arm. "bm" kennt den Dancefloor-Feel allenfalls in ein paar zerdehnten Strophen und seltenen Krachbeats. Das meiste tendiert aber zum akustischen Song.

Man hört die frische Begeisterung, dieses große Instrument so richtig in Anspruch zu nehmen. Zweitonakkorde stehen dissonant zueinander und reiten oft eher rhythmisch als harmonisch durch die Songs. Immer wieder zupft und schlägt sie auch die Saiten des Flügels. In den Clubs, in denen Morgenstern spielt, mag das ungewohnt sein. Das gilt auch für das Schlagzeug und die leise verzerrten Gitarren. "Ja, vielleicht verlasse ich allmählich meine Räume." Vom edlen Konzerthallen-Pop ist "bm" aber weit entfernt.

In "Morbus Basedow" wird ihre eigene Geschichte am deutlichsten. Der elektronische Krach zu Beginn wirkt wie ein Bannstrahl vor zu viel Dunkelheit, den Refrain in Moll spielt sie beim ersten Durchgang ohne Text, nur die Pianolinie tänzelt. Erst dann hört man: "Unser Ende ist eine Sicherheit / Die vor uns versteckt hinter Mauern wächst." Es geht um den Tod. Um das Älterwerden. Um die Unsichtbarkeit der Alten in ihrem Bezirk. Jetzt, Ende dreißig, sterben die Eltern. Und im Titel steht die Drüsen-Krankheit, die Morgensterns Augen etwas nach außen kehren. Morbus Basedow, das ist vielleicht die Umkehrung ihrer Initialen: mb, bm.

Wo in "Morbus Basedow" die harsche Elektronik vor Melancholie schützt, gibt sich ein anderes Stück verletzlicher: "Camouflage", von und mit dem Briten Robert Wyatt, dem Gründer von Soft Machine in den Siebzigern.

Der alte Mann sitzt zu Hause im Rollstuhl, beantwortet höflich Briefe und hat den Song per regulärem Postverkehr mit Morgenstern eingespielt. Glaube sei nur eine Tarnung für Angst, singen die beiden. Dann säuselt Wyatt ein Scatsolo, so melodiegewandt wie der späte Chet Baker. Damit lockt man keine Clubber aus der Ecke. Aber die Initiative Musik auf den Plan, die staatliche Fördereinrichtung, die auch mit Morgensterns Bild wirbt und von der geschrieben wird, sie unterstütze die Künstler mit durchschnittlich 20 000 Euro.

Morgenstern erhält 40 Prozent der Inlandflüge ihrer letzten USA-Tournee. Das werden dann so um die 180 Euro sein. Vorher muss sie aber noch die Formulare fertig ausfüllen. Und den Flügel für die Plattentaufe mieten, kommt ihr gerade in den Sinn.

Live: 14.11., Berlin, Festsaal Kreuzberg (danach Großbritannien-Tour)

Barbara

Morgenstern: "bm" (Monika).

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