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Ballhaus Ost in Berlin Ingenieure bei der Tierwerdung

„Warteraum Zukunft“ von Oliver Kluck wird im Ballhaus Ost gezeigt. Das Stück erzählt die typische Erfolgsgeschichte eines Karrieristen, die sich als erbärmliche Verödungsgeschichte entpuppt.

07.02.2012 16:37
Doris Meierhenrich
Katharina Behrens und Matthias Lier. Foto: Julia Sinkowicz

Warum dieses Stück „Warteraum Zukunft“ heißt, beantwortet auch dieser Abend nicht. Dafür tut er etwas anderes, interessanteres ? doch dazu später. Mit Warten also beschäftigt sich eigentlich niemand in in diesem Stück. Und hat es Zukunft je gegeben, dann liegt sie längst hinter Daniel, Klaus oder Heiner – die Namen sind austauschbar, genau wie die Leben und Ingenieurskarrieren, die der Autor Oliver Kluck dafür zu einem Redeflickenteppich aneinander genietet hat. Aus Wut-, Routine- und Angstgedanken sampelt sich also ein trüber Karrieretag im Leben dieses DanielKlausHeiner und seiner Kollegen zusammen, die alles, was sie tun, hassen, ebenso wie alle, mit denen sie zu tun haben. Müde stehen sie morgens auf, fahren den trostlosen Weg in die Firma, pflegen Lustträume von der Praktikantin, würgen das Essen ein, winseln sich durch ein Chefgespräch, unterdrücken die Wut gegen die Arbeitsbedingungen, landen am Abend auf einer Party, beschimpfen, betatschen und besaufen sich hemmungslos und hoffen dann, dass niemand merkt, wie sie auf dem Nachhauseweg einen Radfahrer umgerast und im Graben einfach tot haben liegen lassen.

Karriere versus Menschlichkeit

„Warteraum Zukunft“ also erzählt die typische Erfolgsgeschichte eines mittelmäßigen Karrieristen aus der Mitte der Mittelschicht, die sich als erbärmliche Verödungsgeschichte entpuppt: Wer auf der Ingenieurskarriereleiter nach oben steigt, der wird auf der Menschlichkeitsleiter geradewegs absteigen, das ist die zynische Gegenwartsanalyse darin ? eine Tierwerdungsgeschichte also. Dass die Inszenierung im Ballhaus Ost sehr viel subtiler ausfällt, liegt daran, dass Regisseurin Marie Bues diesen etwas simplen Erfolgssackgassenhauer geschickt zu einem Rückspiegel auf die eigene Theaterarbeit umbiegt und die Fragen nach Spiel und Nichtspiel, nach gelingendem oder misslingendem Theater und damit nach allem Tun überhaupt reflektiert. Das ist die andere Seite dieses Abends.

Ein technisches Problem sei noch zu lösen, hört man am Premierentag plötzlich ins Foyer rufen, wo das fröstelnde Publikum längst auf Einlass wartet. Um 20 Minuten verzögere sich der Beginn, aber Freibier für alle solle die Wartezeit verkürzen. Und so wenig auch rückblickend zu entscheiden ist, ob dieser Prolog wirklich ungeplant oder doch längst Teil der Inszenierung war, so sehr passte er in das Konzept. Denn als das Zwei-Personen-Spiel schließlich doch beginnt und zwischen einer Armee aus Wasserspendern rasant in Fahrt kommt, schlagen die Sprechblasen der beiden Karriere(ver)planer viele Brücken zurück zu dem scheinbar ungeplanten Theaterbeginn. Immer wieder bringen sich die beiden intensiven Spieler Katharina Behrens und Matthias Lier selbst ins Stocken, als wäre plötzlich Sand im Getriebe, als wüssten sie nicht weiter.

Und auch wenn dieser Abend (wie so viele Off-Produktionen) allzu sehr die Volksbühnen-Ästhetik aus Hysterie und Live-Film kopiert, steuert Marie Bues ihn doch geschickt dorthin, wo es am interessantesten wird im Theater: wo das sichere „als ob“ nämlich unsicher in den Seilen hängt.

Wieder am 7., 8. Februar und im März im Ballhaus Ost, Tel: 44?03?91?68

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