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Bachmann & Celan Schuld und Zauber

Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan ist vorzeitig freigegeben worden. Er offenbart eine oft große, manchmal ekstatische und immer heikle Beziehung.

19.08.2008 00:08
INA HARTWIG
WIRECENTER
Kuvert vom 9.11.1957: Paul Celan adressiert seine Liebespost an "Mademoiselle" Ingeborg Bachmann, die damals beim Bayerischen Fernsehen arbeitet. Foto: ÖNB

Erst einmal möchte man kräftig durchatmen, möchte einen Handfeger nehmen und ein paar jargonverdächtige Wörter zusammenkehren - "eingedenk sein" und "sich einschreiben" etwa -, möchte sich freimachen von dem hohen Ton, der die Beschäftigung mit Ingeborg Bachmann und Paul Celan seit je bestimmt und beschwert. Hinfort mit der Sehnsucht nach Dichternähe, und noch einmal von vorn anfangen!

Die Gelegenheit ist günstig, ja einzigartig: Der sagenumwobene, ursprünglich bis ins Jahr 2023 gesperrte Briefwechsel Ingeborg Bachmanns mit Paul Celan ist nun vor der Zeit von den Erben freigegeben worden, der Suhrkamp Verlag hat ihn in gebotener Gründlichkeit ediert. Und da liegen die knapp 200 Dokumente also vor uns, Briefe, Widmungen, Telegramme, Postkarten, und geben Einblick in eine große, schwierige Beziehung zweier Menschen, die Neigung, dichterische Berufung, erotische Anziehung und Trauer um das Gewesene geradezu zwingend in die Arme getrieben haben, und zwar bevor ihr beider Ruhm derart über sie hinauswachsen sollte, dass er sie eher zu beschädigen als zu schützen schien. So wie Schutzbedürfnis und Verletztsein überhaupt leitmotivisch diesen Briefwechsel durchziehen.

"Herrlicherweise" habe sich der "surrealistische Dichter" Paul Celan in sie verliebt, schreibt die 21-jährige Ingeborg Bachmann an ihre Eltern. Es ist das Jahr 1948, Wien im Mai. Der 27-jährige Celan, dessen Eltern Leo und Friederike Antschel in einem deutschen Konzentrationslager in der Ukraine ums Leben gekommen waren, ist wenige Monate zuvor aus Bukarest über Budapest nach Wien geflohen. Bachmann, Tochter eines Lehrers und ehemaligen NSDAP-Mitglieds, arbeitet an ihrer Doktorarbeit über Heidegger; und ausgerechnet Celan wird viele Jahre später in einem Brief an Bachmann schreiben, Heideggers Würgen an seinen eigenen Verfehlungen zöge er dem guten bundesdeutschen Gewissen eines Heinrich Böll vor.

Bereits das erste, den Briefwechsel eröffnende Gedicht mit dem Titel "In Ägypten", das Celan seiner Geliebten schickt und widmet - der "peinlich Genauen" zum 22. Geburtstag -, enthält ein so betörendes wie heikles Motiv, das die späteren Konflikte schon erahnen lässt: "Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken./Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemie", heißt es in dem Gedicht. Sowohl psychologisch als auch moralisch und poetisch ist das Motiv des "schmückenden Schmerzes" - der Schmerz der Jüdinnen schmückt die Nichtjüdin - harter Tobak und vermutlich dennoch beziehungsweise gerade deshalb so etwas wie das Grundgesetz der Liebe zwischen der österreichischen Philosophiestudentin, der eine steile Karriere als Lyrikerin bevorsteht, und dem staatenlosen Juden aus dem galizischen Czernowitz, dessen berühmtestes Gedicht "Die Todesfuge" sich in literarischen Kreisen schon herumgesprochen hat.

Was macht eine junge Frau mit einem solchen Sprach-Lasso, das Zauber und Schuld zugleich einfangen will? Sie lässt sich verführen, einwickeln, ist hingerissen, liest und bewundert seine Gedichte - und beantwortet in ihren Briefen seine sprachliche Dominanz, immerhin ist er sechs Jahre älter, mit einem mystifizierenden Ton, der schon mal wie ein süßliches Celan-Pastiche klingt; "Den Mohn hab ich wieder gespürt, tief, ganz tief, Du hast so wunderbar gezaubert, ich kann es nie vergessen." Aber es ist ganz offensichtlich auch eine Möglichkeit , über die geteilte Sexualität zu sprechen.

Einen Monat verbringt das frisch gebackene Liebespaar gemeinsam in Wien, dann zieht Celan, wie geplant, nach Paris weiter, wo er sich niederlässt (er hat bereits als Student kurzzeitig in Frankreich gelebt), wo er Arbeit finden wird als Hochschullehrer, wo er drei Jahre später eine Französin heiraten und wo er Vater werden wird, wo die entsetzliche "Goll-Affäre" über ihn hereinbricht - und wo er sich 1970, nach etlichen schweren psychotischen Krisen und mehreren langen Klinikaufenthalten, in die Seine stürzen wird, noch keine 50 Jahre alt.

Der Briefwechsel mit der Geliebten - die bald zur intellektuellen Freundin wird, bis Ingeborg Bachmann, selber krisengeschüttelt, das Briefeschreiben 1961 aufgibt - zeigt recht deutlich, warum diese zwei Menschen, die einander zeitweise so unendlich viel zu sagen hatten, die sich je nach Lebens- und Werkphase so enorm auch poetisch inspiriert und befruchtet haben, kein Paar auf Dauer haben sein können. Wie erleichternd wäre es, könnte man die schiere Promiskuität dafür verantwortlich machen. Im August 1949 schreibt Bachmann selbstbewusst: "Du wirst Dir ja denken können, dass die Zeit seit Dir für mich nicht ohne Beziehungen zu Männern vergangen ist. ... Aber nichts ist zur Bindung geworden, ich bleibe nirgends lang, ich bin unruhiger als je und will und kann niemandem etwas versprechen."

Diese vitale, zupackend "männliche" Seite bei Bachmann darf man nicht unterschlagen, und doch ist es eben nur die eine Seite eines Menschen, dem spezifisch weibliche Selbstzerstörung alles andere fremd ist.

Im September 1950 wird sie ihren ersten "Nervenkollaps" erwähnen und Celan mitteilen, sie sei "verloren, verzweifelt und verbittert"; sie schreibt: "ich habe so große Sehnsucht nach ein wenig Geborgenheit" und fleht ihn an, "Versuche bitte, gut zu mir zu sein und mich festzuhalten!". Er wittert offenbar ein Gutteil Stilisierung, jedenfalls ermahnt er seine mittlerweile höchst gefragte Freundin bald, "ein wenig sparsamer mit Deinen Ansprüchen" zu sein. Sie habe "bisher mehr vom Leben gehabt" als die meisten ihrer Altersgenossen. Eifersucht?

Es ist dies die erstaunlich nüchterne Antwort auf einen Brief, in dem sie - im Juni 1951 - bekennt: "Ich liebe Dich und ich will Dich nicht lieben, es ist zuviel und zu schwer...".

Und doch: Einmal noch wird die Liebesbeziehung wieder aufflackern, im Jahr 1957 - Celan ist längst verheiratet und vergisst nicht, im Brief an Bachmann seine Frau Gisèle de Lestrange für ihre Tapferkeit zu loben, derweil deren Tagebücher offenbaren, wie schockiert die Betrogene war. (Um das zu erfahren, muss man allerdings andere Quellen als den vorliegenden Band konsultieren.) Aber nicht nur wegen des offenen Ehebruchs, auch sonst ist diesmal etwas anders. Neun Jahre sind seit der ersten Begegnung vergangen, und plötzlich erkennt Celan die Dichterin, die Kollegin, die große Autorin: "Ingeborg, Ingeborg", beschwört er die Gereifte: "Ich bin so erfüllt von Dir. Und weiß auch, endlich, wie Deine Gedichte sind."

In dieser ekstatischen Phase des erneuten Glücks fällt in Celans Gedicht "Köln, Am Hof" (wo sie sich in einem Hotel getroffen haben) das Wort "Herzzeit", daher der Titel dieses Briefwechsels. Mit der ganzen ihm zur Verfügung stehenden Energie gibt Celan sich hin, geistig und sinnlich, das ist einerseits unwiderstehlich und andererseits vielleicht erstmals wirklich ernst und gefährlich für ihn - im Sinne der Übereinstimmung. Als er im Regal eines Freundes ihrer beider Bücher nebeneinander stehen sieht, zeigt er sich ganz ergriffen: die Imagination als Dichter-Paar, hier gilt sie buchstäblich. Die "Herzzeit" kann fraglos als emotionaler Höhepunkt des Konvoluts bezeichnet werden.

Doch überraschender, spannender sind doch jene Briefe aus der Phase des Bruchs, der Bitterkeit und der Enttäuschung. Das gilt für beide: Ganz ohne den hohen Ton kommen sie aus, wenn sie einander zur Räson rufen. So wie Celan die aufstrebende, lebenshungrige, erfolgsverwöhnte junge Frau einst zu warnen versuchte, so distanziert sich jetzt Ingeborg Bachmann gegenüber Celan.

Nicht, dass sie ihm in seinem Unglück - akut ausgelöst durch die von ihm als antisemitisch empfundene Kritik Günter Blöckers an Celans Gedichtband "Sprachgitter" 1959 - nicht folgen könnte. Aber sie meint, dass er sich in seiner Verzweiflung verliere, anstatt sich gegen Kritik grundsätzlich zu wappnen. Sie zeigt sich in diesem Brief - entgegen der sonstigen Selbstdarstellung als Beschädigte - entschieden und pragmatisch und fordert, Celan möge ein Bewusstsein seines eigenen Ruhms entwickeln. Sie argumentiert, so muss man das sehen, gegen seine Psychose an, gegen seinen Verfolgungswahn.

Celan aber ist den Angriffen der Kritiker vollkommen schutzlos ausgeliefert und zugleich maßlos in seinen Ansprüchen an seine Freunde - kumulierend in der Goll-Affäre, an deren Höhepunkt Celan von Bachmann, Marie Luise Kaschnitz und anderen sehr wohl unterstützt wird. Sie veröffentlichen in der "Neuen Rundschau" eine Entgegnung auf die unhaltbaren Plagiatsvorwürfe, die Claire Goll, selber jüdischer Herkunft, bösartigerweise in die Welt gesetzt hat; Celan habe sich bei ihrem verstorbenen Mann Ivan Goll poetisch bedient. Für Celan eine traumatische Fortsetzung des Verfolgtseins.

In einem mutigen Brief - den sie aber nicht den Mut fand abzuschicken! - schreibt Bachmann am 27. September 1961 an Celan; und das Traurige ist, dass es ihr letzter wichtiger Brief an ihn ist, bevor ihre Briefschreiblähmung sie überfällt; auch spürt man ihre Erschöpfung und dass sie selber längst in anderen Problemen gefangen ist; ihre Lebensgemeinschaft mit Max Frisch - seit 1958 -, auch das zeigt der Briefwechsel klar, ist von Celans Ansprüchen offenbar erheblich strapaziert worden. Sie schreibt: "Ich glaube wirklich, dass das grössere Unglück in Dir selbst ist. Das Erbärmliche, das von aussen kommt - und Du brauchst mir nicht zu versichern, dass es wahr ist, denn ich weiss es ja zu einem grossen Teil - ist zwar vergiftend, aber es ist zu überstehen, es muss zu überstehen sein. Es kann jetzt nur von Dir abhängen, ihm richtig zu begegnen, Du siehst ja, dass alle Erklärungen, jedes Eintreten, so richtig es auch gewesen sein mag, in Dir das Unglück nicht verringert hat, wenn ich Dich sprechen höre, kommt es mir vor, als ... gelte es Dir nichts, dass viele Menschen sich bemüht haben, als gelte nur das andere, der Schmutz, das Hämische, die Torheit. ... Du willst das Opfer sein, aber es liegt an Dir, es nicht zu sein..."

Hier artikuliert sich nicht mehr die junge Frau, die sich von Celans schmerzerfüllter Sprache verzaubern lässt - hier spricht die lebenserfahrene Dichterin, die ihm die Grenzen weist: ihre Grenzen. All das sagt nichts über eine mögliche Schuld ihrerseits oder eine Nachlässigkeit. Es sagt auch nichts darüber aus, in welchen Abgründen Paul Celan tatsächlich gefangen war. Es belegt aber, dass die ihm nahen Menschen seinen Zuständen nicht standhalten konnten. Ingeborg Bachmann konnte es nicht, und der robuste Max Frisch erst recht nicht; dessen kurzer Briefwechsel mit Celan in diesem Band auch abgedruckt ist.

Am meisten gegeben, am meisten gelitten und am meisten verloren aber hat Gisèle de Lestrange, Celans außergewöhnliche Frau, deren verzweifelten Briefwechsel mit Bachmann die Herausgeber ebenfalls dokumentieren. Zweimal hat Celan versucht, seine Frau in seinem Wahn umzubringen; und doch blieb sie ihm mit ihrem ganzen Sein verpflichtet, über seinen Tod hinaus. Ihre Briefe an Bachmann komplettieren den erschütternden Eindruck, den die Lektüre dieses Bandes hinterlässt.

Überzeugend, allerdings ohne es näher auszuführen, womöglich aus Scheu , sprechen die Herausgeber von einem "symptomatischen Briefwechsel". In der Tat, es geht nicht nur um Liebe, Freundschaft und poetische Korrespondenzen (etwa mit den Todes-Chiffren "Sand" und "Haar") eines längst mythisierten Dichtergespanns; es geht immer auch um deren Krankheiten. Die Krankheit Bachmanns allerdings, ihre massiven Angstzustände, ihre schwere Tabletten- und Alkoholsucht, die ebenfalls zu längeren Klinikaufenthalten führten, sind in dem Briefwechsel mit Celan noch nicht allzu präsent - sie waren vermutlich auch eine Folge der Entzweiung mit Max Frisch, 1962.

Um so erstaunlicher und bewegender, dass Bachmann nach Celans Tod, ein knappes Jahrzehnt nach dem Abbruch ihres Brief-Gesprächs, noch einmal eine intensive - rein poetische - Korrespondenz mit dem einstigen Geliebten führt: In das schon in Reinschrift vorliegende Manuskript ihres Romans "Malina", der 1971, zwei Jahre vor ihrem eigenen Unfalltod, erscheinen wird, fügt sie das Märchenkapitel "Die Geheimnisse der Prinzessin von Kagran" ein - eine Hommage an Celan, den sie am meisten von allen geliebt habe. Formuliert wird aber auch die Unmöglichkeit, gerettet zu werden von einem, der selber nicht gerettet werden konnte (und wollte).

Von Celans erstem, Bachmann gewidmeten Gedicht "In Ägypten" führt zwar eine direkte Linie hin zu Bachmanns "Malina", dieser überfrachteten Beschwörung des Verletztseins. Der Schmerz schmückt, das wusste schon der große Wiener Seelenarzt Freud, aber: die poetische Überhöhung des Schmerzes lässt die Grenzen zum Pathologischen fließend werden. Bei Celan ist das geschehen, bei Bachmann wohl eher nicht. Denn auch das zeigt dieser oft quälend zu lesende und zugleich elektrisierende Briefwechsel: Ingeborg war kräftiger.

Ingeborg Bachmann/Paul Celan:

Herzzeit.

Briefwechsel. Hrsg. v. Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann.

Suhrkamp Verlag,

Frankfurt/M. 2008,

399 S., 24,80 Euro.

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