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Ausstellung Wo sich die Bäume lieben

Historische Schau und sentimentaler Kramladen: Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum über die Beziehung der Deutschen zum Wald.

„O schöner, grüner Wald, Du meiner Lust und Wehen“, dichtete Eichendorff. 1859 entstand das Gemälde „Eichwald“ von Robert Zünd (Ausschnitt) - in fast fotorealistischer Genauigkeit. Foto: DHM/Robert Zünd

Ein Fall fürs Museum“ titelte das SZ-Magazin am 25. September vor 20 Jahren und meinte den Wald. Nun ist er tatsächlich im Museum, aber nicht wegen seines baldigen Aussterbens in der Wirklichkeit, wie damals die SZ-Redakteure annahmen, sondern weil das „Internationale Jahr der Wälder 2011“ zu Ende geht.

Dem Anlass entsprechend ist die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zu Beginn ziemlich didaktisch geraten. Man sieht anhand ausgewählter Holzprodukte, was es alles nicht gäbe ohne den Wald. Kein Schaukelpferd, kein Thonet-Stuhl, kein Sarg. Und natürlich auch keine Waldausstellungen; 1987 hat es schon einmal eine gegeben. Damals zeigte die Akademie der Künste Berlin am Hanseatenweg „Waldungen – Die Deutschen und ihr Wald“. Heute im DHM heißt es: „Unter Bäumen – Die Deutschen und der Wald“.

Die Urszene der innigen Liebe zum Wald

Vor 24 Jahren ging es etwas intellektueller zu, man bemühte viel moderne Kunst und mehr Mythologie. Die Ausstellung heute ist ökonomischer und ökologischer konzipiert; sie fängt nicht beim germanischen Wald an, sondern konzentriert sich auf die letzten 200 Jahre, als mit dem Beginn der modernen Forstwirtschaft auch die deutschen Waldmythen neuen Wachstumsschub erhielten. So kommen natürlich immer noch genügend Germanen vor, ist doch deren Sieg über die Römer aus dem Teutoburger Wald heraus die wieder und wieder erzählte Urszene für die innige Liebe der Deutschen zum Wald.

Dass der Deutsche aus dem Wald komme, ihn als geistige Heimat hege und pflege und deshalb über mehr Seelentiefe verfüge als der Franzose, der am liebsten alles abholze, deshalb kaum Schatten kenne und ein Luftikus sei, zwar mit mehr Esprit gesegnet, aber mit weniger Gemüt, das ist eine Selbstzuschreibung, an der die Deutschen über Generationen hinweg gefeilt haben. Zu den vielen Belegen dafür gehört in der Ausstellung ein Bild aus den Freiheitskriegen von Georg Friedrich Kersting, gemalt 1815: Drei Freunde als Vorposten im Eichenwald, lässig Flinten tragend, Pfeife schmauchend der eine, der andere im Profil lagernd wie Goethe in der Campagna in dem berühmten Bild von Tischbein, nun aber dessen Dichterpose heimholend in den deutschen Wald. Das ist typische Bilderpolitik des Vormärz.

Historie und Sentimentalität

Falsch wäre es allerdings, anzunehmen, die deutsche Waldverehrung feiere nur das Kollektiv. „Waldeinsamkeit“ heißt ein berühmtes Bild von Eduard Leonhard und „Waldeinsamkeit“ war eine beliebte Losung der Künste des 19. Jahrhunderts. Allein mit Gehölz und Getier, mit schäumendem Bach und himmelhoch ragenden Bäumen, schwankend zwischen Angst und Übermut, so sah sich der Deutsche im Wald eben auch. „Es ist schon spät, es wird schon kalt, kommst nimmermehr aus diesem Wald“, sagt bei Eichendorf die Hexe Lorelei und wie sie warnt und raunt, lockt und ängstigt es in unzähligen Märchen, Sagen und Balladen, die den Wald zum Ort von Grusellust machen.

Zur einen Hälfte historische Kunstausstellung ist die Schau zur anderen ein sentimentaler Kramladen der Alltagsgeschichte mit waldigen Erinnerungstücken vielerlei Herkunft: Unter den 550 Exponaten findet sich ein Jagdrock Kaiser Wilhelms, Heimatfilme der Fünfziger, Ansichtskarten, ein Farbspray zum Bäume-Markieren, aber auch ein von Granatsplittern traktierter Eichenstamm und die verzweifelten Einritzungen, die ein unbekannter Häftling des KZ Sachsenhausen in Stämmen des Belower Waldes hinterließ. Es geht um den Wald als Jagdbühne für die politische Prominenz von Ebert bis Honecker und um den Wald als Ort der Lust und des Verbrechens; letzteres ist mittels Ausschnitten aus der Fernsehserie-Serie Polizeiruf 110 vertreten.

Echoraum für Besucherinteresse

Die Kuratoren begnügten sich etwas zu sehr mit dem Spaß am Jagen und Sammeln; sie geizen dafür mit Haltung und These. Besonders ratlos hinterlässt einen das Kabinett zum großen Waldthema der Achtziger Jahre, zum Waldsterben. Die Sorge um den Wald wird mit Zeitschriftentiteln präsent gemacht, ob sie übertrieben war bis zur Hysterie, wie die europäischen Nachbarn meinten (die Franzosen hielten das Waldsterben zunächst für eine deutsche Gemütskrankheit), oder ob der Wald überlebte wegen der tatsächlich ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Schwefelemissionen, das lassen die Kuratoren völlig offen. Immerhin zeigen sie einen Katalysator, wie er aufgrund der öffentlichen Unruhe glücklicherweise Vorschrift bei Automobilen wurde.

Die Deutschen und der Wald – dieses Begriffspaar brutalisierte der Nationalsozialismus, indem er die Bäume zu Vorbildern des Volkes machte und den „Wald als Erzieher“ pries: als ein System der Auslese, das sich permanent selbst ertüchtigt. In dieser etwas enzyklopädischen, aber durchaus verspielten Ausstellung bleibt auch diese Vision vom strammen Wald, obgleich zentral platziert, nur eine Groteske neben vielen anderen. Das Konzept der Ausstellung entspricht dem Sprichwort: „Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es heraus“, wie Kurator Bernd Ulrich bekannte. Die Ausstellung als bloßer Echoraum für das, was der Besucher an Interesse mitbringt – das ist dann doch zu wenig Vorgabe und Provokation.

Vielleicht hätte es geholfen, das Deutsche am deutschen Waldverständnis auch anhand anderer Waldauffassungen zu verdeutlichen. Für den französischen Schriftsteller und Germanisten Michel Tournier, einem ebenso großen Deutschen- wie Baumkenner, ist der Wald eben kein einträchtiges Kollektiv. Tournier sagt, der Baum sei ein Einzelgänger, ein Individualist, der nach Wind und Sonne giere. Pflanze man zwei Bäume nebeneinander, und schaue genau hin, wie sie wachsen, könne man sehen, wie sie mit den Kronen auseinanderzustreben versuchten. Tournier kommt deshalb zu dem Schluss: „Der Baum kann den Wald nicht ausstehen“. Die Bäume hassten sich und die Waldluft sei gesättigt mit der negativen Energie aufeinander wütender Pflanzen, die in die Lungen des Spaziergängers eindringe und sein Herz beschwere.

Unter Bäumen. Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden. Bis 4. März, täglich 10 - 18 Uhr. Eintritt 6 Euro

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