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Ausstellung im Filmmuseum Frankfurt ehrt Charlie Chaplin

Filme und Figuren, Bilder und Büchsen umfasst die wohl größte deutsche Chaplin-Sammlung, zusammengetragen vom Frankfurter Wilhelm Staudinger. Sie ist jetzt ins Filmmuseum eingezogen - in der Ausstellung "Charlie, the Bestseller".

Chaplin auf einem Kindergrammophon, um 1925. Foto: Deutsches Filmmuseum

Im Jahre 1929, man hatte gerade den Stummfilm zu Grabe getragen, plagte Charlie Chaplin ein Alptraum. Was man wohl davon hielte, fragte er sein Publikum in der Fan-Zeitschrift Mein Film, wenn ein Gemälde plötzlich Geräusche machte? „Die sogenannte Sprechfilmkunst will die unerhörte Schönheit des Schweigens zerstören! Und Schweigen ist das Wesen des Films.“

Chaplin dachte gar nicht daran, seinem komödiantischen Alter Ego eine Stimme zu geben. Und wie hätte der kleine Tramp wohl klingen sollen?

Gerade hat die Zeit dem Pionier der Filmkomödie erneut Recht gegeben. Mit „The Artist“ bricht ein moderner Stummfilm Kassenrekorde und geht als Favorit ins Oscar-Rennen. Und im Deutschen Filmmuseum kann man Chaplins Tonfilm-Pamphlet jetzt sogar im Erstdruck lesen.

Sammlung umfasst 6000 Stücke

Als Teil der wohl größten deutschen Chaplin-Sammlung, zusammengetragen von dem Frankfurter Wilhelm Staudinger, ist es in die Museumsbestände eingegangen.

„Charlie, the Bestseller“ ist die Präsentation der Sammlung überschrieben – in Anlehnung an die vielen Attribute, die man dem Tramp in immer neuen Filmtiteln auf der Welt gegeben hat. Und ein Ende der Verwertungskette ist nicht abzusehen. Rund 6000 Einzelstücke umfasst die Sammlung, vom unbezahlbaren originalen Plakat der ersten Wiederaufführung des Meisterwerks „Easy Street“, einer Steinlithographie aus den frühen zwanziger Jahren, bis zum sprichwörtlichen Eierbecher.

Manchmal war Staudinger selbst entsetzt, zu welchen Mutationen seines Idols die Andenken-Industrie fähig war. Und kaufte doch: „Da gab es ein Püppchen aus China, das aussah wie eine Kreuzung von Chaplin und Miss Piggy. So etwas Scheußliches, dachte ich. Und dennoch schien es mir wichtig als Dokument einer bestimmten Alltagskultur.“

Erste Ikone der Popkultur

Tatsächlich kann man der Adolf und Luisa Haeuser-Stiftung für Kunst und Kulturpflege für den Ankauf der Sammlung nur dankbar sein, die nun dem Filmmuseum als Dauerleihgabe zur Verfügung steht. Denn obwohl sie – anders als etwa ein Künstlernachlass – nur wenige Produktionsdokumente aus erster Hand enthält, ist sie doch von unschätzbarem Wert. Sie bietet die einzigartige Möglichkeit, nachzuerleben, was die Welt in diesem genialen Künstler gesehen hat. Wofür sie ihn geliebt und – im Fall der deutschen Nazis – auch gehasst hat. Und zu welchen kunsthandwerklichen Preziosen die Verehrung fähig ist, um dem Idol als Fetisch habhaft zu werden.

Bald nach seinem ersten Film von 1914 war Chaplin Gegenstand des Merchandising. Konkurrierende Comics nutzten den Tramp – die bekannteste stammt vom „Popeye“-Erfinder Elzie Crisler Segar. Doch auch wenn die Nachahmer den feinen Humor des Leinwand-Perfektionisten nie wirklich trafen, trugen sie doch dazu bei, ihn zur ersten Ikone der Popkultur zu stilisieren. Wie später nur noch Mickey Mouse (Disney hatte sie nach Chaplins Charakter geformt) funktionierte Chaplin selbst als Piktogramm. Noch 1981 gelang der Firma IBM ein Werbecoup, als ein Chaplin-Double ihre PCs als freundliche Bürogenossen präsentierte.

Wie viele Filmliebhaber in der Mitte des 20. Jahrhunderts sammelte Staudinger primär aus Wissbegier. Filmwissenschaft war ja noch kein anerkanntes Studienfach. So entstand eine immense Bibliothek und Ausschnittsammlung, die erst gerade wieder als Quelle für eine wichtige Publikation dienen konnte, die nun gemeinsam mit der Schau präsentiert wird: Norbert Apings faszinierende Studie „Liberty Shtunk! Die Freiheit wird abgeschafft“ beleuchtet zum ersten Mal umfassend Chaplins Verfemung durch die Nationalsozialisten.

Erst 1921 liefen Chaplins Filme in Deutschland. Nicht jedoch, wie oft zu lesen ist, aus Ärger über dessen Militärgroteske „Shoulder Arms“, sondern aufgrund eines generellen Einfuhrverbots. Dann aber liebten die Deutschen den Tramp – abgesehen von jenen, die einen ganz anderen Schurrbartträger verehrten. Man wusste, dass die Nazis Chaplin hassten, lange bevor er Hitler mit „Der große Diktator“ den treffendsten aller Spiegel vorhielt – den der Lächerlichkeit. Doch wie beharrlich und ausdauernd gegen Chaplin gehetzt wurde, war völlig unbekannt.

Bis 1923 verfolgt Aping die publizistischen Attacken gegen den philanthropischen Filmschöpfer zurück, den sie fälschlich für einen Juden hielten. Typisch ist eine Tirade Julius Streichers in seinem Hetzblatt Der Stürmer: „Ein Mensch, der abnorm gestaltet, sich immer zigeunernd und stehlend durch das Leben schwindelt, ist für den Deutschen etwas unendlich Abstoßendes, etwas Scheußliches.“

Jüdischer Friseur in "Der Große Diktator"

Chaplin selbst hatte das Gerücht über seine Religionszugehörigkeit 1922 in seinem autobiografischen Buch „My Trip Abroad“ respektvoll korrigiert, als er die Begegnung mit einem jüdischen Mädchen schilderte, das ihn fragte, ob er Jude sei. „Nein, ich bin kein Jude, aber ich habe bestimmt einen Tropfen davon in meinem Blut. Ich hoffe es wenigstens.“

Später dementierte Chaplin allerdings öffentlich nie, Jude zu sein, um nicht den Nationalsozialisten in die Hände zu spielen. Stattdessen spielte er im „Großen Diktator“ die Doppelrolle des jüdischen Friseurs und deutschen Führers.

Auch in der Frankfurter Ausstellung begegnet uns dieser Film auf Plakaten wieder. Staudingers Neugier aber war grenzenlos. Vor Erfindung des Videorekorders konnte man Filmen nur habhaft werden, indem man Zelluloid sammelte. Oder sie in Staudingers Privatmuseum ansah. „Einmal fand ich in einem argentinischen Trödelladen einen Stapel Filmrollen“, erinnert er sich stolz, „wunderschön eingefärbte Chaplinfilme, original aus der Zeit.“

Staudinger verpackte das hoch entflammbare Nitromaterial in seinem Reisegepäck. „Heute dürfte man wohl überhaupt keine Filme mehr in einem Flugzeug transportieren“, sagt er mit chaplineskem Schmunzeln. „Ich könnte ja jemanden damit erwürgen.“

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