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Ausstellung im Architekturzentrum Wien Hitlers Pläne für Wien

Zur "Perle des Reiches" sollte Wien nach dem Anschluss Österreich ans Deutsche Reich werden. Beinahe acht Jahrzehnte später beleuchtet nun zum ersten Mal eine Ausstellung die bisher weitgehend unbekannten Planungen des NS-Regimes für die "Gauhauptstadt Wien".

07.05.2015 12:06
Daniel Kortschak
Die Ausstellung "Wien. Die Perle des Reiches. Planen für Hitler" im Architekturzentrum Wien (Az W) wirft einen kritischen Blick auf die Pläne des NS-Regimes für Wien. Foto: Az W/Pez Hejduk

"Die Perle des Reiches" sollte Wien nach den Vorstellungen von Adolf Hitler werden. Das verkündete er am 9. April 1938, weniger als einen Monat nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, bei der Begrüßung durch Bürgermeister Hermann Neubacher im Wiener Rathaus. Eine Ausstellung im Architekturzentrum Wien stellt die Pläne des NS-Regimes zur Umgestaltung der Stadt nun zum ersten Mal umfassend vor und räumt mit dem Mythos auf, Wien habe in den umfassenden Stadtplanungsprojekten der Nationalsozialisten nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Vielmehr, so zeigt die Schau, hatte Hitlers Ausspruch in Wien eine regelrechte Planungseuphorie ausgelöst.

Noch im Jahr 1938 beschlossen die NS-Machthaber, der Stadt Wien 97 Umlandgemeinden einzuverleiben, das so entstandene Groß-Wien war damit nach Berlin nach Einwohnern die zweitgrößte und nach der Fläche sogar die größte Stadt des Deutschen Reiches. Diese Erweiterung nutzten die Nationalsozialisten dazu, die Auflockerung der dicht besiedelten Kernstadt zu planen. In den neu hinzu gekommenen Stadtteilen sollten dazu Reihenhaussiedlungen im Heimatschutzstil entstehen, eine bewusste Abgrenzung zur kommunalen Wohnbaupolitik des Roten Wien, das seit den Zwanzigerjahren auf die Errichtung von großen Gemeindebauten gesetzt hatte.

Den freiwerdenden Platz wollten die NS-Stadtplaner unter anderem zum Bau einer parallel zur Donau, quer durch den 2. und 20. Bezirk verlaufenden Monumentalachse nutzen, die den uneingeschränkten Machtanspruch der Nationalsozialisten untermauern sollte. Auch der Rathausplatz sowie der Heldenplatz, wo Hitler am 15. März 1938 vor Hunderttausenden jubelnden Menschen den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich verkündet hatte, sollten als Aufmarschplätze zur Bühne des NS-Regimes umgestaltet werden.

Als Gauhauptstadt sollte Wien eine besondere Rolle im Dritten Reich spielen, Hitler wollte die Stadt zur Kunst-, Theater- und Musikmetropole erheben und als Vermittler "deutscher" Kultur zwischen Ost und West etablieren. Auch wirtschaftlich sollte Wien eine Schlüsselrolle als Drehscheibe zu Ost- und Südeuropa spielen. Geplant waren der Ausbau des Bahnnetzes mit der Errichtung von zwei Hauptbahnhöfen im Norden und Süden der Stadt, die Erweiterung des Flughafens sowie der Ausbau der Donauhäfen. Auch Pläne für ein ausgedehntes U-Bahn-Netz ließen die Nationalsozialisten anfertigen.

Bis auf den teilweisen Bau des Alberner Hafens und des Ölhafens Lobau wurde von den hochtrabenden Plänen so gut wie nichts umgesetzt. Je heftiger die Gefechte im Verlauf des Zweiten Weltkrieges wurden, desto mehr rückte die Verteidigung Wiens gegen Luftangriffe in den Fokus der Stadtplaner. Bunker wurden gebaut, Flaktürme entstanden. Viele dieser nahezu unzerstörbaren Bauten prägen bis heute das Wiener Stadtbild, die meisten haben auch eine neue Nutzung gefunden: Die Flaktürme dienen etwa als Aquarium, Regierungsbunker und Kunstdepot. Der Rathausbunker wurde nach Kriegsende zur Tiefgarage umfunktioniert. Diese Nachnutzung war bereits beim Bau berücksichtigt worden.

Andere Pläne wurden nach Kriegsende wieder aus den Schubladen geholt und in mehr oder weniger veränderter Form umgesetzt: Von den Nationalsozialisten nicht mehr realisierte Siedlungsprojekte bildeten die Grundlage für Wohnbauvorhaben nach dem Zweiten Weltkrieg, Teile der ab den Sechzigerjahren gebauten Wiener U-Bahn finden sich bereits in den Plänen des NS-Regimes.

Nicht wenige Architekten, die bereits in der Zwischenkriegszeit öffentliche Bauten realisiert und anschließend die nationalsozialistische Stadt- und Raumplanung mitgetragen hatten, beteiligten sich nach dem Krieg an den Wiederaufbauplänen des wieder selbstständigen und demokratisch regierten Österreich.

Die Ausstellung im Architekturzentrum Wien ist die erste umfassende Aufarbeitung eines bisher weitgehend im Verborgenen gebliebenen Kapitels der österreichischen Zeit- und Architekturgeschichte. Maßgeblichen Anteil daran hat Klaus Steiner: Der inzwischen pensionierte Mitarbeiter des Wiener Stadtplanungsamtes hat 30 Jahre lang Pläne und amtliche Unterlagen über die NS-Raumplanung gesammelt.

Bereits während seines Studiums interessierte er sich für die NS-Stadtplanung in Wien. In offiziellen Quellen wurde er allerdings selten fündig: "Ich habe festgestellt, dass es keine vollständige, durchgehende Planungsgeschichte der Stadt Wien zwischen dem Roten Wien und dem Wiederaufbau gibt. Das fehlt. Das ist eine Lücke. Bis heute. Es gibt Einzeldarstellungen, aber das ist ein großes, braunes Loch", so Steiner im Film zur Ausstellung.

Viele Dokumente waren durch die Säuberungen nach Kriegsende aus den Archiven verschwunden. Steiner spürte nicht nur Pläne in Antiquariaten auf, sondern suchte auch gezielt den Kontakt zu früheren Beamten und Architekten oder deren Nachfahren, um weitere Originaldokumente zu organisieren und persönliche Erinnerungen aufzuzeichnen.

2011 übergab Steiner seine umfangreiche Sammlung dem Architekturzentrum Wien, das die Materialien eingehend analysierte. Am Ende dieser Forschungstätigkeit steht nun die Ausstellung "Wien. Die Perle des Reiches. Planen für Hitler". In neun Themenbereichen präsentieren die Kuratorinnen Ingrid Holzschuh und Monika Platzer die Pläne des NS-Regimes für die Umgestaltung Wiens zur Gauhauptstadt und thematisieren dabei die gezielte Aussparung der nationalsozialistischen Ära in der bisherigen Wiener Stadt- und Architekturgeschichte.

Außerdem werfen sie einen Blick nach Prag, Bratislava und Krakau, wo von den Nationalsozialisten angestoßene Bauprojekte auch Wiener Architekten ein reiches Betätigungsfeld boten. In der Ausstellung gezeigte Amateur- und Propagandafilme unterstreichen, wie sehr die Nationalsozialisten Architektur und Stadtplanung zur Verwirklichung ihrer rassistischen und antisemitischen Politik benutzt haben.

In scharfem Kontrast zu den monumentalistischen Projekten der NS-Stadtplanung steht die vom Büro GABU Heindl Architektur verantwortete Ausstellungsarchitektur: Die zahlreichen Filmausschnitte, Pläne und Originaldokumente werden in den historischen Räumen des Wiener Museumsquartiers auf leichten Holzmöbeln präsentiert, einfache Stühle laden zum Verweilen und Blättern in den Nachdrucken historischer Unterlagen ein. Die dominierende Farbe rosa lockert das Ambiente zusätzlich auf und trägt dazu bei, jede Glorifizierung der nationalsozialistischen Planungsphantasien zu vermeiden.

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