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Ausstellung Friedrich der Große in Potsdam Konnte Friedrich lieben?

Potsdam zeigt im Neuen Palais den Kosmos Friedrichs des Großen zwischen Freundschaften, Spott, Theaterdekoration und Machtpolitik.

28.04.2012 17:27
Nikolaus Bernau
Nach mehr als 180 Jahren wieder in Potsdam vereint: die von Friedrich II. erworbenen antiken Statuen der Lykomedes-Gruppe. Foto: dapd/Klaus-Dietmar Gabbert (2)

Was war das doch für ein faszinierend gemeiner Mensch. Friedrich II. von Preußen, schon von den Zeitgenossen „der Große“ genannt. Ein Spötter von Gnaden und ohne Gnade, der brillierte in der geistvollen und doch kontrollierten Gesprächskultur, auf die das 18. Jahrhundert großen Wert legte, der als Manager einer großen Familie, als Staatslenker, Reformer des Rechtsapparats, als Feldherr – auch wenn ihm hier oft das Glück des Tüchtigen helfen musste – und als Propagandist seiner selbst Erfolge feierte. Aber ging es dabei auch um mehr als den eigenen Glanz, um den eigenen Ruhm, vor allem den in der Nachwelt?

Eine von vielen Fragen zum Charakter, zum Leben und zum Wirken des Königs, die sich beim Durchwandern der 1,5 Kilometer langen Führungslinien durch das Potsdamer Neue Palais aufdrängen, wo derzeit die Ausstellung „Friederisiko“ fast schon überreiches Material zu ihrer Beantwortung zur Verfügung stellt. Es strahlt und funkelt in jeder Hinsicht: 480 kostbare Urkunden und Bücher, Porzellane, Silbergeschirre und Juwelen, kostbaren Steinen, Gemälde, Statuen und edle Waffen sowie schimmernde Stoffe wurden eigens ins Neue Palais gebracht, ergänzen dessen Pracht: Sorgsam haben die Kuratoren diese Schätze mit den vorhandenen Räumen abgeglichen und mit den Gestaltern vom Berliner Büro gewerk design zu einer Gesamterzählung in zwölf Kapiteln gefügt. Die meisten Geschichten, die in dieser Ausstellung gezeigt werden, haben eine glanzvolle Schauseite, jedoch auch Doppeldeutigkeit, die sich erst beim genaueren Blick enthüllt und so den Ruhm Friedrichs, nun ja, wenigstens relativiert.

Kaum Freunde am Lebensende

Da ist etwa das Gemälde eines Grabes in Aix en Provence, das nun im einst für den Marquis d’ Argens geplanten Appartement des Neuen Palais zu sehen ist. Friedrich II. hatte das Grabmal bezahlt, als Andenken an seinen langjährigen Gesprächsgenossen und intellektuellen Gefährten. Der war noch vor der Fertigstellung seiner Räume aus Preußen geflohen, wollte sich nicht weiter den bösen Spott, die Gemeinheiten seines Herrn gefallen lassen. Der sprach und schrieb zwar viel von der Bedeutung der Freundschaft, suchte aber gezielt Tapetenmotive aus, die dem Marquis widerwärtig waren. Alfred Hagemann, einer der Kuratoren der Ausstellung, spottete bei der Vorstellung des Projektes durchaus fritzisch: „Friedrich II. hat sich bei vielen Leuten erst entschuldigt, wenn sie tot waren.“ Zuletzt waren wohl nur noch die Hunde und das Pferd Condé ihm wirklich Freund – Abgüsse der Hunde-Grabsteine von Schloss Sanssouci sind zu sehen und das Skelett des Pferdes, das 18 Jahre nach seinem Herrn starb.

Der nun wirklich große Voltaire immerhin durfte die Entschuldigung seines monarchischen Philosophen-Kollegen noch erleben: Friedrich beteiligte sich mit einer erheblichen Summe an der Statue, die ihn rühmen sollte. Aber auch dieses Werk von Jean Baptiste Pigalle war dann ein Skandal: Es zeigt den alten, körperlich zerfallenden nackten Mann. Übrigens: Hier ist fast nebenbei ein kleines Panorama der französischen Bildhauerkunst des mittleren 18. Jahrhunderts zu bewundern, unter anderem mit einem hinreißenden Porträt von Madame Pompadour, der Geliebten Ludwig XV. Zart lugt die Brust aus dem knappen Kleid, der zierliche Kopf steigt frisch und frei auf. Eine Frau, die um die Macht der Schönheit weiß.

Das Hauptausstellungsstück aber ist das Neue Palais selbst, sind seine kostbaren Ausstattungen und Räume, die herrlichen Parkettböden. Bisher wurde es vor allem als eine gigantische Geste nach dem Siebenjährigen Krieg interpretiert: Seht her ihr Feinde und Kritiker allerorten, Preußen steht trotz aller Angriffe noch, kann sich solche Bauten leisten. Erst jetzt, und das dürfte das nachhaltigste Ergebnis dieses Ausstellungsprojekts sein, wird klar, wie sehr es eine persönliche Schöpfung Friedrichs war, eine Botschaft über den eigenen Ruhm. Da hängen etwa Gemälde mit vielen nackten Göttern, die Friedrich aus dem Besitz der verachteten Maria Theresia kaufte – und so demonstrierte, dass die „Königin von Ungarn“ ein engherzig-puritanisches Weib sei.

Seine Leidenschaft fürs Theater und Ballett wird deutlich, die mit vielen Porträts dargestellten Versuche, durch intensive Heiratspolitik den Hohenzollern eine wichtige Position in der internationalen Adelswelt zu erobern, die (selbstverständlich mit Spott verborgene) Begeisterung für den ersten Botschafter des Osmanischen Reichs, der 1763 nach Berlin mit huldigenden Briefen des Großwesirs entsandt wurde, seine Lust an der Kunst, an der Architektur, an Fassadenkopien nach italienischen Vorbildern, und die Freude am Gekünstelten – herrlich die theatralische Inszenierung eines Gedichts von Friedrich II. mit Puppen und Kostümen. Hier hat man tief in die Kitsch-Kiste gegriffen, keine halben Sachen gemacht. Welcher Spaß.

270 Jahre Propaganda

Der reichlich kühne Anspruch des Hauptkurators Jürgen Luh ist es, Friedrichs Person aus den Schichten einer 270-jährigen Propaganda herausfiltern zu können. Und so können wir wohl zum ersten Mal in einer derart repräsentativen Ausstellung ohne jede verschwiemelte Umschreibung lesen, das der Alte Fritz homosexuell war. War er aber auch schwul, also selbstbewusst und im damals möglichen Rahmen Männer liebend, so, wie man es von seinem Bruder Heinrich durchaus sagen kann? Wohl eher nicht. Konnte Friedrich überhaupt lieben?

Vor allem aber, und auch das wird hier in wünschenswerter Klarheit gesagt: Für das 18. Jahrhundert, dessen Toleranz in vielen Dingen erst im späten 20. wieder erreicht wurde, war die Wahl der Bettgenossen viel weniger wichtig als diejenige, ob die Form eingehalten wurde. Das Skandalon des Hofes in Sanssouci war nicht die Anwesenheit der hübschen Pagen, sondern die Abwesenheit der Königin. Und schon gar, dass Friedrich nach der Thronbesteigung 1740 offenbar jeden Versuch aufgab, einen legitimen Erben zu „produzieren“.

Andererseits: Auch die Geschichte von der nach Schloss Schönhausen verbannten Elisabeth Christine stimmt nur bedingt: In einem Saal mit herrlichen alten Tressentapeten sieht man ihr Porträt – eine schöne und klug blickende Frau! – und einen kleinen Rest der Wandbespannungen aus dem Thronsaal im Berliner Schloss. Dort nämlich herrschte sie, dort regierte sie im Winter über die Festsaison, empfing die Gäste, die Friedrich lästig waren, hielt die Familie zusammen und sorgte so mit für den Erfolg des fritzischen Zeitalters.

Die Fresssucht des Königs und seine Aufrufe zur Mäßigung sieht man, seine demonstrativ bescheidene Lesestube neben der prachtvollen Bibliothek. Es wird das durchaus zwiespältige Bild Friedrich II. in Polen relativ ausführlich gezeigt, seine fast schon rassistische Verachtung Polens, der Polen und der polnischen Adelsrepublik, die Bewunderung, die ihm trotzdem zeitweise entgegen gebracht wurde, aber auch die Wut auf diesen maßgeblichen Zerstörer der polnischen Unabhängigkeit. Manchmal fällt auch diese Ausstellung der Eigenpropaganda des Königs zum Oper, etwa in der Erzählung der großen Toleranz Preußens – für Juden galt sie nicht. Und völlig fehlt die Wahrnehmung des Königs durch seine Nachfolger – besonders absurd im Neuen Palais, das doch als Residenz Kaiser Friedrich II. und Kaiser Wilhelm II. dafür steht wie sonst kein anderes Bauwerk.

Doch dann steht man im silbern glänzenden Konzertzimmer und versteht wieder, warum wir seit Jahrzehnten über IHN streiten. So viel Glanz, Schönheit und Strenge sind hier vereint. Das brachte eben nur ER zustande.

Neues Palais, Potsdam, bis 28. 10.www.friederisiko.de. Eintritt 14 / ermäßigt 10 Euro. Katalog (Hirmer-Verlag München) 29,90, Essayband 34,50.

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