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Auschwitz-Gedenken Der Mensch als Rohmaterial

Vergegenwärtigungen aus Anlass des Auschwitz-Gedenkens: Unser Essayist Artur Becker will nicht in einem Land leben, in dem Auschwitz und all die anderen Schrecken des Zweiten Weltkriegs zum Nichts werden sollen.

Auschwitz-Austellung
„Nicht lange her, nicht weit entfernt“, lautet der Titel einer Ausstellung in Madrid, die seit November 2017 etwa 600 Objekte aus Auschwitz zeigt. Foto: afp

Herling hatte den Gulag überlebt und konnte so aus dem „Herzen der Finsternis“ des sowjetischen Regimes seinen beiden italienischen Freunden berichten – ganz anders als sein Schriftstellerkollege Czeslaw Milosz, der im französischen Exil als ehemaliger Diplomat im Dienste der Volksrepublik Polen eine gnadenlose Vivisektion der Verhaltens- und Denkweisen der polnischen Intellektuellen im Stalinismus in seinem 1953 veröffentlichen Essay „Verführtes Denken“ durchgeführt hatte. Herling, der ein großer Bewunderer der Dichtung von Milosz war und zwar bereits vor dem Zweiten Weltkrieg, warf dem Dichterkollegen und späteren Exilanten aus Berkeley vor, sein Essay, obwohl glänzend geschrieben, sei nichts weiter als ein am Schreibtisch ausgegrübeltes Buch – eine Kopfgeburt. 

Beide hatten sie den Stachel des Hegelianismus nach sowjetischer Art am eigenen Leibe und Intellekt erfahren – zwar ganz anders als die Russen, wie zum Beispiel Nadeschda und Ossip Mandelstam, doch ausreichend brutal, um jeglichen ideologischen Ismen zu misstrauen: dem Kommunismus, Marxismus oder Historizismus. Auch Nicola Chiaromontes Botschaft ist ganz klar formuliert, er warnt uns vor Geschichtsmanipulanten, die die Geschichte für ihre politischen und ideologischen Ziele instrumentalisieren.

Dass „dialektische Tricks“, „Schattenspiele“, Verallgemeinerungen und Reduzierungen altbewährte Methoden der Populisten sind, wurde mir noch einmal bewusst, als ich im „Tagesspiegel“ vom 26. November 2017 ein Interview mit Alexander Gauland las. Ich fragte mich, was das wohl für ein Land – mit welchen geistigen und historischen Grenzen – sein würde, das in diesem Interview beschrieben wird? Es fielen Sätze wie zum Beispiel: „Das heißt aber nicht, dass der einzelne deutsche Wehrmachtssoldat nicht tapfer und pflichtbewusst war. Er ist von der Führung missbraucht worden.“ Oder: „Auschwitz geht natürlich genauso in unsere Geschichte ein wie der Magdeburger Dom oder die Befreiungskriege. Es ist aber nicht unsere heutige demokratische Identität. Es ist nichts, was uns täglich berührt.“ 

Ich wusste jedenfalls sofort, dass ich in einem Land, in dem Auschwitz und all die anderen Schrecken des Zweiten Weltkriegs zum Nichts werden sollen, das nicht mehr „täglich“ berühren soll, weil wir ja „demokratisch“ seien, nicht leben möchte. Dieses Land würde gefährlich werden und eine Wüste. Dem stellen wir uns entgegen. Wie es einst Gustaw Herling und seine Freunde getan haben. 

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