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Auschwitz-Gedenken Der Mensch als Rohmaterial

Vergegenwärtigungen aus Anlass des Auschwitz-Gedenkens: Unser Essayist Artur Becker will nicht in einem Land leben, in dem Auschwitz und all die anderen Schrecken des Zweiten Weltkriegs zum Nichts werden sollen.

Auschwitz-Austellung
„Nicht lange her, nicht weit entfernt“, lautet der Titel einer Ausstellung in Madrid, die seit November 2017 etwa 600 Objekte aus Auschwitz zeigt. Foto: afp

Als ich vor Kurzem für das Jahrbuch der Oldenburger Karl-Jaspers-Gesellschaft einige Fragmente aus dem „Tagebuch bei Nacht geschrieben“ von Gustaw Herling übersetzte, stieß ich bei dem polnischen Emigranten aus Neapel und Autor von „Welt ohne Erbarmen“, dem berühmten Gulag-Bericht von 1951, auf folgende Sätze: „Hitler gibt es nicht mehr, doch seit seinem Verschwinden wissen wir ein paar Dinge mehr. Erstens: dass das Gift, das mit Hitlerismus ansteckte, nicht beseitigt ist; es steckt noch in jedem von uns. Wer auch immer heute über die menschliche Existenz in Begriffen der Macht, des Nutzens und der historischen Aufgaben spricht, verbreitet dieses Gift; er ist ein Verbrecher, ein wirklicher oder ein möglicher. Wenn nämlich das Problem des Menschen auf irgendeine Art von historischer Aufgabe reduziert wird, egal, welche, ist er nichts als das Rohmaterial der Geschichte, und man kann mit ihm machen, was man will.“

Der zitierte Tagebucheintrag vom 18. Januar 1976 rekapituliert die Eindrücke des Essayisten und Antifaschisten Nicola Chiaromonte, eines Freundes von Herling, die nach einem Vortrag von Albert Camus entstanden waren. Chiaromonte war mit Camus befreundet und hatte ihn kurz nach dem Ende des Krieges an die Columbia University in New York eingeladen. 

„Dialektische Tricks“ und „Schattenspiele“

Der Autor des „Tagebuchs bei Nacht geschrieben“, verheiratet mit der Tochter von Benedetto Croce, kämpfte als polnischer Emigrant 45 Jahre in Neapel gegen den sowjetischen Kommunismus. Er tat es mit seiner Feder, publizierte er doch regelmäßig in der polnischen Emigrantenzeitschrift „Kultura“ aus Paris. Herling pflegte aber in Italien viele intellektuelle Freundschaften, so nicht nur mit Nicola Chiaromonte, sondern auch mit dem sozialistischen Schriftsteller Ignazio Silone, der sich bereits 1927 bei den Sitzungen der Kommunistischen Internationalen gegen die Verurteilung Leo Trotzkis und damit gegen Stalin aussprach, was seinen Austritt aus der Partei und vor allem seine Abstempelung zum Renegaten zur Folge hatte.

Silone erkannte schnell, welche Gefahren der Stalinismus mit sich brachte und dass der Mensch in dieser Ideologie lediglich als Werkzeug der Geschichte und ihrer ideologisch-messianischen Aufgabe gesehen wird. Mit solch einer Reduzierung des Menschen auf „das historische Rohmaterial“ wollte Silone, Autor von „Fontamara“ (1927), einem Kindheitsroman zur Zeit des Aufstiegs des Faschismus aus den Abruzzen, nichts zu tun haben, ähnlich wie Chiaromonte. 

Ignazio Silone und Nicola Chiaromonte waren im Übrigen Herausgeber der Monatszeitschrift „Tempo Presente“, in der Herling regelmäßig publizierte – einer der wichtigsten Zeitschriften Italiens, wie er in seinem Tagebuch oft betont. 

Zu Chiaromontes Tod am 18. Januar 1972 schreibt Herling in seinem Tagebuch: „Er ließ sich nie in Netze großer Systeme und allgemeiner Interpretationen verstricken, mit Misstrauen betrachtete er dialektische Tricks, die das Leben verletzen, und ideologische Schattenspiele, welche die Realität verzerren; er verabscheute den Psychologismus und den Historizismus; was ihn interessierte, war der wirkliche Mensch angesichts wirklicher Ereignisse, der Mensch, der nach Tolstoi’scher Art ethisch urteilen konnte und zugleich sich des Rätselhaften außerhalb von ihm bewusst war. Wie sollte ein so maßvoller Humanismus ein breites Echo in einer Welt finden, die von der Rhetorik der falschen universellen Ideologien verzaubert war, in einer Atmosphäre, erfüllt von Hypokrisie und vermischt mit Fanatismus, in einer Welt des Konsums der ausgezehrten Herzen und unfruchtbaren Geister? Nicola wurde sich seiner Vereinsamung immer deutlicher bewusst.“

Herling hatte den Gulag überlebt und konnte so aus dem „Herzen der Finsternis“ des sowjetischen Regimes seinen beiden italienischen Freunden berichten – ganz anders als sein Schriftstellerkollege Czeslaw Milosz, der im französischen Exil als ehemaliger Diplomat im Dienste der Volksrepublik Polen eine gnadenlose Vivisektion der Verhaltens- und Denkweisen der polnischen Intellektuellen im Stalinismus in seinem 1953 veröffentlichen Essay „Verführtes Denken“ durchgeführt hatte. Herling, der ein großer Bewunderer der Dichtung von Milosz war und zwar bereits vor dem Zweiten Weltkrieg, warf dem Dichterkollegen und späteren Exilanten aus Berkeley vor, sein Essay, obwohl glänzend geschrieben, sei nichts weiter als ein am Schreibtisch ausgegrübeltes Buch – eine Kopfgeburt. 

Beide hatten sie den Stachel des Hegelianismus nach sowjetischer Art am eigenen Leibe und Intellekt erfahren – zwar ganz anders als die Russen, wie zum Beispiel Nadeschda und Ossip Mandelstam, doch ausreichend brutal, um jeglichen ideologischen Ismen zu misstrauen: dem Kommunismus, Marxismus oder Historizismus. Auch Nicola Chiaromontes Botschaft ist ganz klar formuliert, er warnt uns vor Geschichtsmanipulanten, die die Geschichte für ihre politischen und ideologischen Ziele instrumentalisieren.

Dass „dialektische Tricks“, „Schattenspiele“, Verallgemeinerungen und Reduzierungen altbewährte Methoden der Populisten sind, wurde mir noch einmal bewusst, als ich im „Tagesspiegel“ vom 26. November 2017 ein Interview mit Alexander Gauland las. Ich fragte mich, was das wohl für ein Land – mit welchen geistigen und historischen Grenzen – sein würde, das in diesem Interview beschrieben wird? Es fielen Sätze wie zum Beispiel: „Das heißt aber nicht, dass der einzelne deutsche Wehrmachtssoldat nicht tapfer und pflichtbewusst war. Er ist von der Führung missbraucht worden.“ Oder: „Auschwitz geht natürlich genauso in unsere Geschichte ein wie der Magdeburger Dom oder die Befreiungskriege. Es ist aber nicht unsere heutige demokratische Identität. Es ist nichts, was uns täglich berührt.“ 

Ich wusste jedenfalls sofort, dass ich in einem Land, in dem Auschwitz und all die anderen Schrecken des Zweiten Weltkriegs zum Nichts werden sollen, das nicht mehr „täglich“ berühren soll, weil wir ja „demokratisch“ seien, nicht leben möchte. Dieses Land würde gefährlich werden und eine Wüste. Dem stellen wir uns entgegen. Wie es einst Gustaw Herling und seine Freunde getan haben. 

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