Lade Inhalte...

Augustinermuseum in Freiburg Eine schöne Maschine

Christoph Mäcklers Neukonzeption des Augustinermuseums in Freiburg: keine Pseudo-Kirche, sondern Schauraum. Nach 90 Jahren Provisorium ist die erste Phase der Umgestaltung des Augustinerklosters abgeschlossen.

24.03.2010 00:03
Volker Bauermeister
Blick in die Skulpturenhalle im renovierten Augustinermuseum in Freiburg. Foto: dpa

Frei ist was anderes. Einem historischen Gemäuer in der Freiburger Altstadt musste der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler seinen Museumsbau einpassen. Man hat den Eindruck, dass er die zwangsläufigen Einschränkungen eher als Anregung sah. Mäckler, der engagierte Städtebauer, baut mit Überzeugung im historischen Kontext.

1923 war das Museum in das ehemalige Augustinerkloster eingezogen. Der Stadtbaumeister Gruber hatte damals den stark geschädigten, vielfach umgenutzten Bau wieder in ein Kloster zurückverwandelt. Der eigentlich geplante Neubau kam nicht zustande, das Augustinermuseum blieb über bald neun Jahrzehnte ein Provisorium. Mit Mäcklers Umgestaltung des Kirchensaals ist erst die erste Phase der Neukonzeption bewältigt (bis zum Jahre 2017 soll auch das Konventgebäude museal neu erschlossen sein): Ein neues Museum ist aber jetzt schon zu sehen.

Mäckler gibt dem Bau, den Gruber wieder klösterlich versiegelte, einen Portikus zurück, den er in seiner Zeit als Freiburger Stadttheater schon einmal hatte. Erst damit gewinnt das Museum eine sichtbare Stellung in der Stadt. Der Architekt vermittelt mit dem Kopfbau Aufmerksamkeit im Stadtraum, ohne das Haus aus der umgebenden Häuserwelt herauszubrechen. Die Geste, mit der er es öffnet, ist nachdrücklich unaufgeregt. Mittig leicht gefaltet, schiebt es sich ein Stück weit in den Platz vor.

Die Faltung übernimmt Mäckler als dynamisierendes Motiv für die Wände des zentralen Innenraums. Abgeleitet ist sie - bezeichnenderweise - aus der Reflexion des musealen Inhalts. In die Fassade über dem neuen Eingang sind die beiden großen Kaiserfenster aus dem Freiburger Münsterchor eingelassen, die dort in einem ebensolchen stumpfen Winkel zueinander standen. So geht Mäckler bei seinem Museumsbau grundsätzlich von der Sammlung aus. Er ist nicht mit einem Entwurf nach Freiburg gekommen, er hat ihn aus der Anschauung der Bestände hier gewonnen. Im Zentrum schafft er den gotischen Steinskulpturen vom Münster einen Raum - den obdachlos gewordenen, am Bau durch Kopien ersetzten Propheten, den Wasserspeiern und den steinernen Marien der Marienkirche. Dem ganzen Ensemble ist eine neue architektonische Bindung gegeben.

Dem Kirchensaal stellt Mäckler eine Struktur ein, gewinnt mit Emporen neuen Raum nach innen, stützt das Dachgeschoss und macht auch dies damit nutzbar - teilt den Saal in drei Raumzüge: Galerieartig geöffnete Kabinette flankieren das "Mittelschiff" für die Münsterplastik. Vor Mäcklers Pfeilern finden die Propheten einen Halt. Hoch an der Stirnwand hat die Szene der Marienkrönung vom Münsterturm ihren angemessenen Platz. Mit der Idee eines Sakralraums spielt Mäckler - und doch ist klar: Dies ist keine Pseudo-Kirche, sondern Schauraum. Die Architektur aus hellem Steinguss vereinnahmt die Bildwerke nicht, sie stärkt sie vielmehr, kehrt sie als Exponate hervor.

Optische Folie für den zentralen Raum sind die dunkelblau getönten Seitenkabinette für die Bildtafeln von Grünewald, Cranach d. Ä., Baldung oder dem Hausbuchmeister, für die reich vertretene Holzplastik der hochmittelalterlichen Empfindsamkeit und der frühen Neuzeit. Von den in Balkonen geöffneten Emporen aus ist der Münstersaal immer wieder Blickfang und sind die grotesken Personifikationen der Lüste, die Wasserspeier, und die Marienkrönung nun direkt aus der Nähe zu sehen. Von da bieten sich in den Übergängen unerwartete Raum- und Sammlungseinblicke: in den Saal mit den Kaiserfenstern und in den lichten Chor mit der Barockkunst andererseits, mit dem Orgelprospekt aus dem Kloster Gengenbach als mächtiger, nach innen gewendeter Fassade.

Im Barockraum schafft Mäckler mit einem wandhohen "Setzkasten" Platz für Skulpturen. Bis ins Detail der Vitrinen ist das Ausstellungsdesign von ihm. Nichts ist nachträglich hingebogen für die museale Nutzung, das Ganze Maßarbeit - "Passform", wie Detlef Zinke sagt, der von Museumsseite mit dem Architekten kooperierte. Integriert in den Schauraum ist selbst die Treppe - die als plastische Form auch ein optisch tragendes Element ist in dem verdichteten Raumgefüge.

Bis in den kleinsten Winkel ist der Raum auf den Schauzweck hin gedacht. Man könnte sagen, dass er Blicke selbst schafft: Einblicke, Ausblicke, Perspektiven aufs Ensemble und auf die Einzelheit. Blickgestaltung bietet auch das Dachgeschoss, wo über den Malern des 19. Jahrhunderts sich der historische Dachstuhl öffnet - der alte Bau überm neuen. Und von hier aus, aus dem giebelnahen Fensterpaar, streift der Blick in die Landschaft und fixiert auf der Gegenseite den Münsterturm.

Von da also kommt die tiefernste gotische Herrenriege unten im Skulpturensaal. Man erkennt die Stellvertreter im Fernglas. So also sieht man von da oben in der Fassade das städtische Museum plausibel in der Stadt verortet.

Der Barockarchitekt Baldassare Longhena sprach mit dem Blick auf seine venezianische Kirche Santa Maria della Salute von einer "runden Maschine". Wer in Freiburg jetzt durch Christoph Mäcklers Museum geht, der ahnt, was einen Baumeister dazu bringen kann, solches zu sagen. Was hier gebaut ist, hat diese Art von Schlüssigkeit.

Ein Haus für diese Stadt ist da entstanden. Und ein präzis auf den Schauzweck hin entwickeltes Konstrukt. Schöne Maschine. Und selbst auch Atmosphäre produziert die.

Augustinermuseum Freiburg: Di. bis So., 10-17 Uhr. www.freiburg.de

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Architektur

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen