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Aufklärung Unser Kosmopolis

Die Aufklärung muss, trotz aller Rückschläge und Widersprüche, in die Pflicht genommen werden. Ein Plädoyer von Artur Becker.

03.05.2017 13:52
Artur Becker
Marc Chagall
Mobile Welten: Marc Chagalls Bild „Commedia del Arte“ ist ein Inbegriff der Vitalität. In den Städtischen Bühnen Frankfurt zu Hause, wurde es 2004 ausgeliehen. Foto: Georg Kumpfmüller

Wenn wir hier und jetzt von Aufklärung sprechen, so sprechen wir immer von einer nicht aufhören wollenden Transformation des kritischen Geistes, der sich selbst betrachtend auf die Impulse und Widerstände seiner Zeit reagiert. So ähnlich argumentiert auch Michel Foucault in seiner Antwort auf Immanuel Kant: „Auf jeden Fall ist Aufklärung durch eine Veränderung der bestehenden Beziehungen zwischen Wille, Autorität und dem Gebrauch der Vernunft definiert.“ Und den Bezug zur Gegenwart stellt er so her, dass er die Moderne eher als „eine Haltung“ ansieht und nicht als „einen Abschnitt der Geschichte“. Nur so kann er die Idee der Aufklärung überhaupt weiter am Leben erhalten.

Foucault bringt den Begriff des verschlafenen Flaneurs von Charles Baudelaire ins Spiel, um zu zeigen, wie wichtig es in der Moderne geworden sei, sich nicht von „vergänglichen Augenblicken“ abhängig zu machen, diese nicht ständig zu suchen und damit zu „sakralisieren“. Das flüchtige Erleben von auf den ersten Blick erhebenden und berauschenden Momenten und Ereignissen sei verräterisch, unpoetisch und nicht produktiv für unseren Geist, von dem doch die Gegenwart „die höchste Aufmerksamkeit“ verlange – vor allem in Bezug auf Freiheit.

Man fühlt sich ein wenig an Zygmunt Baumans Definition der Moderne erinnert, aber Foucault zieht an der Stelle, wo es seiner Meinung nach um „einfache Verwechslungen zwischen Humanismus und Aufklärung“ gehe, die Handbremse und spricht dann „vom philosophischen Ethos“, um der „politischen, ökonomischen, sozialen, institutionellen und kulturellen“ Vielschichtigkeit der Aufklärung gerecht zu werden. Er benennt klar und deutlich das Negative und das Positive an der Aufklärung und spricht in dem Zusammenhang von „dialektischen Nuancen“, die ihr anhaften würden.

Er schreibt über das Negative: „Ich denke schließlich, wie ich mit Bezug auf Kants Text zu zeigen versucht habe, dass sie (die Aufklärung, Anm. des Autors) eine gewisse Weise des Philosophierens definiert hat. Aber das heißt nicht, dass man ‚für‘ oder ‚gegen‘ die Aufklärung sein muss. Es heißt sogar, dass wir alles zurückweisen müssen, was sich in Form einer vereinfachten und autoritären Alternative darstellt: entweder man akzeptiert die Aufklärung und bleibt in der Tradition ihres Rationalismus (was von einigen als positiv betrachtet und von anderen als Vorwurf benutzt wird); oder man kritisiert die Aufklärung und versucht, diesen Prinzipien der Rationalität zu entkommen (auch dies kann wiederum als gut oder schlecht angesehen werden).“

Foucault stellt etwas enttäuscht fest, dass man hier durchaus von einer „Erpressung“ sprechen müsse, da man mehr oder weniger eine Geisel der Aufklärung werden könne, unabhängig davon, ob man ihrem Hang zur Rationalität folge oder sie wegen der Überbetonung des Rationalen kritisiere.

Er findet jedoch, dass die schönste und wichtigste Seite der Aufklärung, die er als „philosophisches Ethos“ versteht, ihre „Grenzhaltung“ sei, was er als positiv wertet. Dabei dürfe man wieder nicht den Humanismus, der z. B. das Christentum kritisiert habe, mit ihr verwechseln.

Er schreibt über das Positive an ihr: „Es geht nicht um ein Verhalten der Ablehnung. Wir müssen die Alternative des Außen und Innen umgehen; wir müssen an den Grenzen sein. Kritik besteht gerade in der Analyse der Grenzen und ihrer Reflexion. Aber wenn es die Kantische Frage war zu wissen, welche Grenzen die Erkenntnis nicht überschreiten darf, scheint es mir, dass die kritische Frage heute in eine positive gekehrt werden muss: Welchen Ort nimmt in dem, was uns als universal, notwendig und verpflichtend gegeben ist, das ein, was einzig, kontingent und das Produkt willkürlicher Beschränkungen ist?“ Diese Grenzen kennt ein Individuum und auch eine Nation – mit demselben Effekt: Man muss die Freiheit seines Gegenübers respektieren, solange er niemandem schadet, niemandem Böses antut

Zygmunt Bauman hat in seinem Buch „Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust“ von 1989 die pseudognostische Ideologie der Nazis, die im Judentum und im Bolschewismus die Ursache allen Übels auf der Welt glaubten gefunden zu haben, mit den kühlen Augen eines Vertreters der „flüchtigen Moderne“ angeschaut und das Konstrukt dieser Pseudolehre total entblößt: „Der Holocaust ist nicht einfach ein jüdisches Problem und nicht ausschließlich ein Element jüdischer Geschichte. Der Holocaust wurde inmitten der modernen, rationalen Gesellschaft konzipiert und durchgeführt, in einer hochentwickelten Zivilisation und im Umfeld außergewöhnlicher kultureller Leistungen; er muss daher als Problem dieser Gesellschaft, Zivilisation und Kultur betrachtet werden.“

Baumans Befund, der Holocaust sei ein Produkt der Moderne und damit der Aufklärung, die in manchen Abzweigungen ihrer Entwicklung auf Abwege geraten sei, ist erschreckend einleuchtend. Er passt zu Foucaults Feststellung, dass die Aufklärung durchaus auch ihre Kritiker finde, nämlich dort, wo ihr die Überbetonung des Rationalen vorgeworfen werde – ja, wo es um die Kritik am kalten Verstand gehe, der dazu fähig sei, im Namen einer autoritären Ideologie Menschen zu verführen und die vermeintlichen Feinde instrumentell zu behandeln, als ginge es um einen bürokratischen Fehler, den man nur noch korrigieren müsste. (…)

Um die heutige Rückkehr des Autoritären zu verstehen, erinnert Zygmunt Bauman – natürlich im Zusammenhang mit der Moderne – in seinem Buch „Leben in der Flüchtigen Moderne“ von 2007 an das Verhältnis zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit und dem Verlust der Freiheit und spricht von den Ressentiments solcher Europäer, die angesichts der Globalisierung und der neuen Völkerwanderung am liebsten wieder sofort Mauern bauen und sich in ihren Ländern verschanzen würden.

Ein zurzeit bekanntes konjunkturelles Ressentiment ist zum Beispiel die Kritik an der Wirtschaftsmacht Deutschlands, die andere Länder wirtschaftlich kolonialisieren wolle. Interessanterweise kommt diese Kritik in Europa sowohl aus den rechtskonservativen bzw. rechtsnationalen wie auch aus den linksradikalen oder sozialistischen Kreisen, und sie kommt auch aus Amerika und hat unterschiedliche Färbungen, wobei die bekanntesten den angeblichen Drang der Deutschen zur Hegemonie in Europa und die deutsche „Hochnäsigkeit“ betreffen.

Ein zweites bekanntes Ressentiment ist das Bild des „fremden Mannes vor der Tür“, der den Einheimischen nur schaden wolle: materiell und geistig, habe doch der Fremde einen anderen Glauben und eine andere Sesshaftigkeit aus seiner heimischen Kultur in sein neues Land eingeschleust. Man erinnert sich an das Urbild „des fremden Mannes vor der Tür“: an den „Ewigen Juden“, der ja für die europäische Kultur und den Antisemitismus eine große Rolle gespielt hat. „Der fremde Mann vor der Tür“, der heute meistens ein Araber oder ein schwarzer Afrikaner ist, macht dem gewöhnlichen Bürger der Konsumgesellschaft Angst, der die Fähigkeit besitzt, Ressentiments und Klischees als Wahrheit zu empfinden, ja, als seine ureigene Wahrheit.

Baumans Diagnose, was das Verhältnis zwischen Sicherheit und Freiheit in der „flüchtigen Moderne“ – wie er die Postmoderne nennt, die ein Abfall der Moderne sei – passt ausgezeichnet: „Die ‚Sicherheit‘ verdrängt (…) das Ideal der Freiheit. (…) Die mit der Individualisierung und Privatisierung des Strebens nach Glück verbundenen Risiken, die aufgrund der graduellen, aber stetigen Demontage der sozialen Strukturen und Netze kollektiver Vorsorge gegen das Unglück noch wuchsen, erwiesen sich als enorm, die damit verbundene Unsicherheit als entmutigend. Ein Leben mit ein bisschen mehr Sicherheit und Gewissheit erscheint uns plötzlich als wesentlich attraktiver, selbst wenn wir dafür Einschnitte im Bereich der persönlichen Freiheit hinnehmen müssten.“ (...)

Mit anderen Worten: Wir Heutigen müssen die Aufklärung in die Pflicht nehmen, um unsere Probleme, die aufgrund der Globalisierung entstanden sind, anzupacken und für sie Lösungen zu finden. Nur sie, die Aufklärung, die mit der Moderne und ihren zahlreichen Abzweigungen ein symbiotisches Dasein führt, kann uns helfen, eine „Star-Trek“-Gesellschaft aufzubauen, in der sich alle Kosmobürger sicher und von ihren Zeitgenossen respektvoll behandelt fühlen werden. Und ich habe nichts dagegen, wenn wir weiterhin gelegentlich den Humanismus mit der Aufklärung „verwechseln“ werden, zumal sie selbst Ethik und Vernunft als zwei Grundvoraussetzungen für menschliches Handeln festlegt, doch wir brauchen den Humanismus, damit die Aufklärung nicht schon wieder auf Abwege gerät, wo es zur Überbetonung des Rationalen kommt, zum positivistisch-szientistischen Denken, das den Menschen instrumentell behandelt und die neueste Technologie anbetet wie einen Götzen.

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