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Attentat auf Adolf Hitler Da wird Widerstand zur Pflicht

Von Zufällen und Zwangsläufigkeiten: Am Sonntag jährt sich das Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Adolf Hitler in der Wolfsschanze zum 70. Mal.

Das Gedenken an die Widerstandsbewegung vom 20. Juli 1944 hat sich stark gewandelt
Benito Mussolini (li.) besichtigt zusammen mit Adolf Hitler den, bei dem Anschlag vom 20.07.1944, zerstörten Konferenzraum im Führerhauptquartier. Foto: epd

Zwölf Uhr zweiundvierzig. Die unter dem Tisch in einer Aktentasche platzierte Bombe explodierte. Vier Personen wurden getötet, neun schwer verletzt. Die anderen kamen mit Schrammen und Schrecken davon. Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler erlitt ein paar Prellungen und Verletzungen an den Trommelfellen. Hätte nicht jemand Stauffenbergs Aktentasche ans andere Ende des Tisches verrückt, um sich besser über die Karten beugen zu können, der 20. Juli 1944 wäre der Todestag Adolf Hitlers gewesen.

Wir sprechen gerne von den Attentätern des 20. Juli, allen voran von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der als Oberst im Generalstab Zugang zu Hitler hatte. Das ist nicht falsch. Aber es ist nur ein Bruchteil der wahren Geschichte. Das Attentat vom 20. Juli sollte der Auftakt sein für einen Regimewechsel. Dahinter standen Gruppen, die seit Jahren zusammenarbeiteten. Es war nicht ihr erster Versuch, das NS-Regime zu stürzen.

Sie waren nicht, wie boshafte Legenden behaupten, angesichts der absehbaren Niederlage des Dritten Reiches zu dessen Gegnern geworden. Ludwig Beck, Hans von Dohnanyi, Carl Friedrich Goerdeler u. a. waren 1938, als ihnen klar wurde, dass Hitler unbedingt Krieg führen wollte, fest entschlossen, ihn zu stürzen. Geplant war, ihn durch einen Stoßtrupp gefangen zu setzen und ihn in einem Handgemenge zu töten. Als nach dem Münchner Abkommen Hitler weltweit als Friedensbewahrer gefeiert wurde, verzichtete die Gruppe auf die Durchführung ihres Planes.

Am 20. Juli 1944 scheiterte nicht nur das Attentat. Es scheiterte auch der Regimewechsel. Nicht nur weil das Attentat scheiterte. Das Wachregiment Großdeutschland hatte von den Verschwörern den Auftrag bekommen, das Regierungsviertel abzuriegeln. Hitler sei tot, die Wehrmacht habe Befehl, die vollziehende Gewalt zu übernehmen. Hans Wilhelm Hagen, Leutnant in diesem Bataillon, Mitarbeiter in Goebbels’ Propagandaministerium, war misstrauisch und rief, unterstützt von seinem Regimentskommandeur Major Otto Ernst Remer, Goebbels an. Damit war auch die „Operation Walküre“, der Versuch der Verschwörer, mit Hilfe der ihnen unterstehenden Teile der Wehrmacht einen Regimewechsel zu vollziehen, gescheitert. Hagen und Remer wurden nach 1945 prominente Propagandisten der Nazi-Ideologie.

Die Weltgeschichte, das zeigt sich gerade in so zugespitzten Situationen, ist auch eine Geschichte von Zufällen. Eine weggeschobene Aktentasche, ein Telefonat, und jahrelange Vorbereitungen, Feinabstimmungen zwischen Militärs, konservativen Politikern, Sozialdemokraten sind bedeutungslos, ja lächerlich geworden.

Für Hitler und einige seiner gläubigsten Anhänger war das Scheitern des Attentats ein weiterer Beweis dafür, dass er das Schicksal auf seiner Seite hatte. Sein Gefühl, der Auserwählte zu sein, wurde immens gestärkt. Das Regime nahm etwa 700 Verhaftungen vor. Ein paar Momente aus den unter Führung von Roland Freisler geführten Prozessen des Volksgerichtshofs sind auf Youtube zu sehen. Mehr als 110 Menschen wurden exekutiert. Die Opfer wurden in Berlin-Plötzensee mit Stahlkabeln an Fleischerhaken aufgehängt. Eine Kamera filmte den Todeskampf der Verurteilten, die Aufnahmen wurden direkt an das Führerhauptquartier weitergeleitet. Alle Filme sind heute verschollen (Wikipedia).

Mit dem Scheitern des Attentats war jede Chance, dass Deutschland wenigstens so tun könne, als habe es sich selbst befreit, vorbei. Es blieb nur noch die Zerstörung und die Eroberung des Landes, nur noch die bedingungslose Kapitulation. Ein Glücksfall, der Träume von einer Revision der Kriegsergebnisse, wie sie die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg vergifteten, gar nicht erst aufkommen ließ.

Wer im Westen Nachkriegsdeutschlands aufwuchs, der erfuhr in den Schulen nichts vom kommunistischen Widerstand. Er hörte von den Studenten um die Geschwister Scholl in München. Vor allem aber wurde er traktiert mit „den Männern des 20. Juli“. Mit der Frage nach dem Verhältnis von Befehl, Eid und Gewissen. Er spielte mit schillerschem Pathos die sich daraus ergebenden Argumente in alle Richtungen durch.

Dass man einen Eid nicht brechen darf, ihn aber in manchen Situationen brechen muss, das wurde ihm weniger klargemacht, als dass er es sich selbst – gerade in der Auseinandersetzung mit oft noch sehr nationalsozialistisch denkenden Geschichtslehrern – klarmachte. Es gibt Momente, da wird Widerstand zur Pflicht. Das war die Lehre der Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944.

Später hörten wir von den ganz andere Fragen wälzenden kommunistischen Widerstandskämpfern. Wir bildeten uns ein, es gebe Milieus, die einen davor schützten, mitzumachen beim Völkermord. Bis wir einsehen mussten, dass es solche Milieus nicht gibt. 1999 übergab der ehemalige Vorsitzende der DKP, Herbert Mies, den Ehrensäbel des Grafen Stauffenberg, der aus der Sowjetunion zu ihm gelangt war, dem Museum für Deutsche Geschichte in Bonn. Da kam der deutsche Widerstand, das geheime Deutschland, zusammen. Da wuchs für einen Moment zusammen, was auch erst jetzt – und wohl nur fürs Museum – zusammenwachsen konnte.

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