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Asylstreit Horst Seehofer ist Don Quijote

Der Versuch, für Europas Misere die Flüchtenden verantwortlich zu machen, zeigt nur wie wenig uns die soziale Zerklüftung interessiert.

Bundestag
Wäre wahrscheinlich AfD-Wähler, wäre er nicht CSU-Chef: Horst Seehofer. Foto: dpa

Deutschland geht es nicht nur gut, sondern ganz offenbar sehr, sehr gut. Arm und Reich treiben nicht immer weiter auseinander. Der Niedriglohnsektor wächst nicht. Made in Germany hat immer noch einen großartigen Klang, die deutschen Autobauer müssen ihre Produkte nicht millionenfach zurückrufen. Deutsche Schulen sind an der Spitze, und die Versorgung mit Einrichtungen für die Erziehung unserer Kleinsten lässt kaum etwas zu wünschen übrig. Patente kommen immer noch in erster Linie aus Deutschland, und unsere Flughäfen werden in Rekordzeit in weltweit bewunderter Präzision fertig. Die Pflegeeinrichtungen funktionieren, und niemand muss befürchten, dass er sie sich nicht wird leisten können. In unseren Städten ist für bezahlbaren Wohnraum gesorgt. Es gibt keine Landstriche in Deutschland, aus denen die Jugend flieht.

All diese Probleme haben wir ganz offensichtlich nicht. Wir haben ein einziges Problem: die Flüchtlinge. Ausschließlich über sie wurde die letzten Wochen gestritten. Sie waren die Hürde, an der die Kanzlerin zu Fall gebracht werden sollte. Ein sehr flaches Hürdlein allerdings: Im Mai 2018 hatte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge über die Anträge von 17 169 Personen (Vorjahresmonat: 87 649, Vormonat: 20 198) entschieden. Zudem konnte die Zahl der anhängigen Verfahren von 51 498 (Ende April 2018) auf 50 373 (Ende Mai 2018) abgebaut werden. Aber Hindernisse stellen sich einem ja nicht nur draußen in der Wirklichkeit entgegen, sondern immer auch im Kopf. Don Quijote machte aus seinem Land mit Energie versorgenden Windmühlen Riesen, die er niederkämpfen musste. Am Ende lag er von den Produkten seiner Fantasie niedergestreckt am Boden. Der europäische Roman, der mit Cervantes’ Buch seinen Ausgang nahm, hat immer wieder gezeigt, dass wir uns von unseren Weltbildern eher noch als von der Welt kaputtmachen lassen.

Horst Seehofer ist Don Quijote. Wer ihn für einen raffinierten Taktiker hielt, der hat im vergangenen Monat erlebt, wie weit diese Einschätzung von der Wahrheit entfernt ist. Die Parolen der AfD, ihre Sprache hat er aufgenommen. Nicht weil er ihre Wähler haben möchte, sondern weil er, wäre er nicht CSU, sie wählen würde. Er ist in die Falle seiner eigenen Wahrnehmung gegangen. Er tat so, als würde er sich überschlau auf die Flüchtlingsfrage kaprizieren, um die Kanzlerin zu stürzen. In Wahrheit hielt er an der Flüchtlingsfrage auch noch fest, als es längst um seinen Sturz ging.

Ich weiß nicht, wie Seehofer aus der Nähe wirkt. Im Fernsehen sieht man nur, dass er sich kaum noch bewegen kann, dass er, nachdem er einen Satz in die Kameras gesagt hat, mit einem wie verlassen wirkenden Lächeln hinzufügt, Näheres würden die Kollegen ausführen. Er steht wie neben sich. Baden-Württembergs Agrarminister Peter Hauk von der CDU fasste den Eindruck der Fernsehzuschauer in der gebotenen Deutlichkeit zusammen: „Dass der CSU-Vorsitzende doch sichtbar einen Sparren weghat, das scheint auch klar zu sein.“ Seehofer ist erst 69. Aber er ist ein Wrack. Genau darum nahm ihm die CSU den Job des bayerischen Ministerpräsidenten weg. Genau darum ist er jetzt hier im verhassten Berlin. Ausgerechnet in Preußen hat er das Heimatministerium eingeführt. Herzlose Hauptstädter hatten das nicht verstanden und sich lustig über ihn gemacht. Es war der Hilferuf eines Vertriebenen. 

Mir ist das erst klar geworden, als ich bei Norbert Sachser („Der Mensch im Tier“, Rowohlt-Verlag) über die Schwierigkeiten las, die erwachsene Hausmeerschwein-Männchen haben, wenn sie sich in fremde Sozialverbände integrieren müssen. „Nur Tiere, die in größeren gemischtgeschlechtlichen Gruppen aufwuchsen, waren dazu problemlos in der Lage.“ Die anderen aber fangen völlig sinnlos an, mit jedem möglichen Konkurrenten zu kämpfen. Es dauert manchmal Wochen, bis sie, dem plötzlichen Herztod nahe, ihre Position in dem neuen Sozialverband gefunden haben und endlich nach nichts als erschöpfenden Hahnenkämpfen – es handelt sich um ein Speziesgrenzen mühelos überspringendes Verhalten – zur Vernunft kommen. Natürlich sind wir keine Meerschweinchen und schon gar nicht der 1,93 m große Horst Seehofer. Aber es führt auch kein Weg daran vorbei, dass sie und er und wir alle in sehr vergleichbaren Situationen von denselben Hormonen angetrieben werden. 

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