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Arthur Schopenhauer Nicht sein Ding

Am 18. September 1848 sah sich der Philosoph Arthur Schopenhauer von Revolutionären bedrängt. Teil 1 unseres dreiteiligen Rückblicks auf denkwürdige Tage der Empörung in Frankfurt, in Deutschland, im Kopf des Denkers.

Revolution 1848
Der 18. September 1848 in einer alten Darstellung. Foto: Imago

Ein Aufruhr, ausgerechnet, was für eine Flegelei. Er hatte zusehen können, wie auf der Brücke eine Barrikade entstanden war, nun näherte sich der bewaffnete Volkshaufen tatsächlich seiner Wohnung. Dass ihm das widerfuhr, war eine Zumutung. Unübersehbar der Auftritt radikaler Demokraten, doch immerhin halfen, auch hier, in Frankfurt, Soldaten. Oder Herr Schopenhauer?
„Das Militär stellte sich vor meinen Fenstern auf und wurde von allen Seiten, namentlich auf der Seite nach dem Main hin umgeben.“

Dass der Aufstand ihm an diesem Tag unter die Augen kam, war mehr als nur Pech. Sicher, Pech ist vieles; aber im Grunde eine besonders pedantische Gehässigkeit des Schicksals. Das, was am 18. September für ihn geschah, war willentlich herbeigeführte Willkür obendrein. Deshalb sah er sich als Geistesgröße einem menschengemachten Affront ausgesetzt, sah sich sein Geist schon das ganze Jahr 1848 über durch Geistlosigkeit provoziert. Die Empörung, bewaffnet mit Mistgabeln und Stangen, auch einigen Gewehren, erschien ihm als die Verkörperung der Einfalt. War das nicht Selbstsucht, heute hieße es: Egoismus pur? Schon aus diesem Grunde war die Revolte nicht seine Sache. Deshalb verfolgte sie der Zeitzeuge mit Spott. Sagen Sie es ruhig, Herr Schopenhauer!

„Die Revolution hat neue Hausnummern gemacht: das einzige von ihr, was zu bleiben verdient.“
Noch in der Retrospektive versah der Mann die Revolution mit Sarkasmus. Zum Nachgebliebenen der Revolution gehörte, dass sie immerhin eine gewisse Ordnung in der urbanen Unordnung hinterließ, also auch die Nummer 17. Das war seine Anschrift an der „Schönen Aussicht“. 

Sie bildete sechzehn Jahre lange seine Bleibe in Frankfurt, bis ein Jahr vor seinem Tod. In das Nachbarhaus Nr. 16 zog er 1859, ebenfalls ebenerdig der Blick auf den Main. Täglich von hier aus, die Mainpromenade entlang, machte er sich auf, dem Mittagstisch entgegen, zur festgelegten Stunde in den Englischen Hof oder Russischen Hof.

Frankfurt, als Stadt der Gesandten und Diplomaten, hatte erstklassige Gasthäuser. Ein Grund, warum sich der komplexe Mensch ausgerechnet für das Übersichtliche entschied, für Frankfurt, für die Ordnung. Zum anderen war es die unangenehme Unübersichtlichkeit, die Urbanität der Stadt, die, an der Schwelle zur Moderne, Anonymität gestattete. Damit ließ sich leben. Ließ sich der Ungesellige auf Geselligkeit ein, war das eine durchdachte Entscheidung.

Bei Tisch, wo er regelmäßig kräftig zulangte, wollte er allerdings nicht angesprochen werden, erst später. Es kam allerdings schon beim Essen zum Streit, es kam zu Zerwürfnissen, ein Witz, geistreich formuliert, konnte reichen, weil er in dem Witz einen Kalauer sah. Man störte ihn also besser nicht, solange er speiste. Dann nach dem Mahl zunächst der Blick in die „Oberpostamts-Zeitung“, auch das Studium der „Times“ fiel ihm nicht schwer, wo doch bereits der Knabe gründlich Englisch gelernt hatte in England. Was dem Zeitungsleser allerdings schwerfiel, war ein Einsehen in die Pressefreiheit, denn sonst hätte er wohl kaum den Aphorismus hinterlassen, diese sei als „die Erlaubniß anzusehen Gift zu verkaufen: Gift für Geist und Gemüth. Und zu welcher Unthat ist der Mensch nicht fähig, dem man etwas in den Kopf gesetzt hat. Ich fürchte daher sehr, daß die Gefahren der Preßfreiheit ihren Nutzen überwiegen.“

Zeitungen für den Zeitungsleser Schopenhauer

Das war dann eine eher allergische Vorstellung von der Freiheit denn ein analytisches Verhältnis zu ihr. Immerhin, in den Zeitungen wurde dem Zeitungsleser Schopenhauer nicht vorenthalten, was in der Welt vor sich ging und was sich in Frankfurt zutrug. Der Zeitgenosse verfolgte das politische Geschehen – doch von dem politischen Geschehen fühlte sich der Ausnahmedenker verfolgt.

Wurde im Anschluss an die Zeitungslektüre ein Disput geführt? Immer wieder. Seiner Umwelt blieb die Schlagfertigkeit des Stammgastes nicht verborgen, sie bekam sie oft zu spüren. Der polemische Witz war berüchtigt, ein bitterer Witz, dessen erbitterte Kränkungsabsicht galt Gegnern, angefangen mit den akademischen Professoren, denen im fernen Berlin, aber auch Menschen in seiner Nähe, mit denen er sich wegen seiner schroffen Urteile überwarf. Er lebte eine entschiedene Einsamkeit, nicht jederzeit eine „veritable Einsiedelei“, wie Biografen zu unterscheiden wussten, sondern eine Unverbindlichkeit und unübersehbare Unnahbarkeit. 
Seine Spaziergänge bestritt er mit seinem Pudel, ein in Frankfurt bald bekanntes Ereignis, eine Sehenswürdigkeit im Grunde. Das Paar wurde bereits von Zeitgenossen karikiert, unter ihnen war ein Wilhelm Busch. Und diejenigen, die es verstanden, dem merkwürdigen Spaziergänger näherzukommen, vernahmen seine Selbstgespräche oder aber, dass er seinen Hund anherrschte mit „Du Mensch“, als Zeichen seiner Menschenverachtung, wenn er mit dem Verhalten des Tiers, obwohl er doch Tiere verehrte, nicht einverstanden war. Immerhin im Alter arrangierte er sich mit Anhängern, er kategorisierte sie wohlweislich ironisch, auch wenn es ihm ernst war, wenn er von „Aposteln“ und Evangelisten“ sprach.

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