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Armutsbekämpfung Die Mikrokredit-Lüge

Mikrokredite dienen nicht den Armen, sondern dem globalen Finanzkapital. Sie sind kein Akt der Menschlichkeit, sondern das Konzentrat neoliberaler Entwicklungspolitik: Die hohe Staatsverschuldung der armen Länder wird auf das Individuum ausgeweitet.

10.01.2012 16:33
Von Kathrin Hartmann
Besonders Frauen sind armutsgefährdet. Foto: dapd

Mikrokredite dienen nicht den Armen, sondern dem globalen Finanzkapital. Sie sind kein Akt der Menschlichkeit, sondern das Konzentrat neoliberaler Entwicklungspolitik: Die hohe Staatsverschuldung der armen Länder wird auf das Individuum ausgeweitet.

Die Entstehung der Mikrokredite beginnt mit einer schönen Erzählung. Anfang der siebziger Jahre lehrte der bangladeschische Ökonom Muhammad Yunus an der Universität von Chittagong, der zweitgrößten Stadt Bangladeschs. Zu dieser Zeit herrschte in dem jungen Land eine Hungersnot und Yunus, der gerade aus den USA zurückgekehrt war, verschrieb sich der Armutsbekämpfung.

Im Dorf Jobra sei ihm eine junge Frau begegnet. Sufiya Begum hatte drei Kinder, sie lebte in einer schäbigen Lehmhütte und fertigte Bambus-Stühle an. Trotz harter Arbeit blieb sie arm: Sie musste sich bei einem Wucherer das Geld für den Bambus leihen. Doch die Kreditzinsen waren so hoch, dass sie von dem Verkauf der Stühle nicht leben konnte. 42 Opfer der Geldverleiher, die zusammen umgerechnet 20 Euro Schulden hatten, fand Yunus in dem Dorf. Er lieh den Frauen den Betrag und nach einem Jahr seien sie schuldenfrei gewesen, Sufiya Begum habe sich ein schönes Haus gebaut. 1983 gründete er die Grameen Bank. 2006 erhielt mit Muhammad Yunus erstmals ein Banker den Friedensnobelpreis.

Mikrokredite sind Kleinstdarlehen, umgerechnet zwei bis dreistellige Euro-Beträge, die an Arme verliehen werden, die keinen Zugang zu Finanzkapital haben. Mit dem Geld sollen die Armen kleine Unternehmen gründen: sich eine Kuh kaufen, Gemüse anbauen und auf dem Markt verkaufen, einen Handwerksbetrieb oder eine Teestube eröffnen. Damit sollen sie ihren Lebensunterhalt und die wöchentlichen Kreditraten samt Zinsen erwirtschaften.

Ökonomische Variante des edlen Wilden

Mikrokredite werden fast ausschließlich an Frauen verliehen, sie gelten als Instrument zu deren Ermächtigung. Als Beleg für den Erfolg der Mikrokredite verweisen die Institute auf die hohen Rückzahlungsquoten: die der Grameen-Bank, so Muhammad Yunus, liege bei 99 Prozent. Die ausgezeichnete Zahlungsmoral der Armen erscheint dabei als eine ökonomische Variante des edlen Wilden: „Arme Menschen sind wie Bonsais. Der beste Samen eines großen Baumes wird nur wenige Zentimeter groß, wenn man ihn in einen Blumentopf pflanzt; er verkümmert, genau wie die Armen. Ihr Problem ist nicht der Samen, sondern die Gesellschaft, die ihnen keinen Raum gibt zu wachsen. Wenn wir das ändern, muss niemand mehr arm sein“, erklärt Muhammad Yunus.

Das klingt mehr wie ein biblisches Gleichnis als nach Business. Wirtschaftsliberale, Kirchen, Globalisierungskritiker, Entwicklungspolitiker, NGOs, Weltbank und Großbanken sind gleichermaßen begeistert von der Idee – so, als sei endlich „die Lösung“ für die globale Armut gefunden.

Doch der Siegeszug des Mikrokredits verdankt sich nicht der Tatsache, dass sich die Idee als probates Mittel zur Armutsbekämpfung durchgesetzt hätte. Sie ist Teil der Strukturanpassungsprogramme des Westens: anstatt den Entwicklungsländern die Staatsschulden zu erlassen, knüpften Internationaler Währungsfonds und Weltbank die Vergabe weiterer Kredite an Drittwelt-Staaten an die Privatisierung öffentlicher Strukturen, Deregulierung der Märkte und der Abschaffung von Zinsobergrenzen.

Die als „Armutsbekämpfungs- und Wachstumsprogramme“ verbrämten Maßnahmen haben die Länder des Südens in eine noch größere Abhängigkeit vom Westen und die Armen in eine noch aussichtslosere Lage versetzt: Sie leiden darunter, dass der Staat ihnen keine überlebensnotwendige Infrastruktur wie etwa medizinische Versorgung und Trinkwasser zur Verfügung stellen kann.

1995 gründete die Weltbank die Consultative Group to Assist the Poor (CGAP). Sie wollte 200 Millionen US-Dollar für die Vergabe von Mikrokrediten auf den Weg bringen und Nichtregierungsorganisationen (NGO) bei der Umwandlung zu Geldverleihern unterstützen und sie in den globalen Finanzmarkt integrieren. 1997 wurde das erste Mikrokredit-Gipfeltreffen in Washington abgehalten – gemeinsam mit Weltbank, der amerikanischen Entwicklungsbehörde USAID, die Inter American Developement Bank, dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDP und der Citibank.

Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Entwicklungsminister – gemeinsam mit Muhammad Yunus – kündigte FDP-Politiker Dirk Niebel an, künftig noch stärker auf Mikrofinanzierung zu setzen. Dass arme Menschen Zugang zu Krediten erhalten, sei eine Voraussetzung, um sich aus eigener Kraft Wohlstand zu erarbeiten. Jeder ist seines Glückes Schmied: Immer, wenn Politiker Eigenverantwortung anmahnen, geht es darum, alle Risiken auf den Einzelnen abzuwälzen. Mikrokredite sind kein Akt der Menschlichkeit, sondern das Konzentrat neoliberaler Entwicklungspolitik: Die hohe Staatsverschuldung der armen Länder wird auf das Individuum ausgeweitet. Privatschulden als Armutsbekämpfung?

Wucherzinsen für Mikrokredite

„Schon eine einzige Zahl müsste ehrliche Armutsbekämpfer stutzen lassen: Die effektiven Zinssätze für Mikrokredite betragen im weltweiten Durchschnitt 38 Prozent, also doppelt so viel, wie man in Deutschland für einen überzogenen Dispositionskredit bezahlen muss“, schreibt der Journalist Gerhard Klas in seinem Buch „Die Mikrofinanzindustrie. Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut“. Es ist die erste umfassende und fundamentale Kritik am System der Mikrokredite auf Deutsch.

Klas untersucht darin Ursprünge und Entwicklung der Mikrofinanz. Sein Fazit: Die meisten Kreditnehmer sind noch ärmer geworden, ein großer Teil von ihnen ist in die Schuldenfalle gerutscht. Für seine Untersuchung hat Klas Studien zu Mikrokrediten ausgewertet und ist nach Indien und Bangladesch gereist, wo Mikrokredite seit Jahrzehnten in Umlauf sind und die meisten Mikrokreditnehmer leben.

Er hat dort Wirtschaftswissenschaftler, Ex-Banker, Kritiker befragt und Familien getroffen, die dazu gezwungen waren, ihr Hab und Gut und Land zu verkaufen. Menschen, die von den Geldeintreibern drangsaliert und enteignet wurden. Menschen, die mit ihren Unternehmen scheiterten. Menschen, die in die Hauptstadt Dhaka geflohen sind und dort in Slums leben. Hinterbliebene, deren Familienmitglieder sich aus Verzweiflung über die Schulden das Leben genommen haben. „Wenn man das Wort ,Kredit‘ durch das Wort ,Schulden‘ ersetzt, wird das absurde Ausmaß des Mikrokredit-Hypes deutlich“, schreibt Klas, „Geld verdienen mit Schulden, das gelingt vor allem Banken, Konzernen, der Mafia und Wohlhabenden, die ihre Schulden von der Steuer absetzen können.“

Während der Westen taub ist für Kritik, sind die negativen Auswirkungen in Bangladesch, dem Mutterland des Mikrokredits, längst belegt. Der bangladeschische Wirtschaftswissenschaftler Anu Muhammad von der Jahangirnagar Universtät untersucht sie seit den neunziger Jahren. Sein Ergebnis: Nur fünf Prozent der Mikrokreditnehmer profitieren von dem Kredit. Und zwar nur solche, die bereits eine zuverlässige Einkommensquelle hatten, als sie den Kredit aufnahmen. 50 Prozent konnten ihren Lebensstandard allenfalls halten, indem sie zusätzliche Kredite aufnahmen.


Die Lage der restlichen 45 Prozent habe sich verschlechtert, die Kinderarbeit habe zugenommen. Selbst eine Studie der Weltbank von 1997 besagt, dass sich nur fünf Prozent der Kreditnehmerinnen aus der Armut befreien konnten. „Es wird vorausgesetzt, dass alle Bedingungen, also Natur, Gesundheit, die Familiensituation, die Geschäftsgrundlage, konstant günstig bleiben“, sagt Anu Muhammad. Sehr unwahrscheinlich in einem Land wie Bangladesch, in dem die Menschen jeden Tag Hunger, Krankheit und der Gefahr von Naturkatastrophen ausgesetzt sind, in dem die Löhne nicht existenzsichernd sind und sich die Lebensmittelpreise über Nacht verdoppeln können.

Anu Muhammad schätzt, dass nur 65 Prozent der Kredite zurückgezahlt werden – die hohen Rückzahlungsquoten kämen zustande, weil sie umgeschuldet würden. Das bestätigt Qazi Kholiquzzman Ahmed, der Leiter der staatlich finanzierten Kreditanstalt PKFS in Bangladesch: Mehr als die Hälfte der Schuldner könnten nicht pünktlich zahlen. Fast alle hätten zur Tilgung weitere Kredite aufgenommen oder Geld bei lokalen Wucherern geliehen – zu Zinsen von bis zu 100 Prozent. Auch der Mythos, Mikrokredite würden den Zinswucherern das Wasser abgraben, ist widerlegt: Die Zahl der privaten Geldverleiher sei sogar gestiegen.

Fügsame Frauen

Der vermutlich größte Mythos aber ist die Frauenermächtigung. Der bangladeschische Anthropologe Aminur Rahman untersuchte die Auswirkung der Mikrokredite auf das Leben der Frauen auf den Dörfern. Mikrofinanzorganisationen nutzten die schwache Position der Frauen aus und zementierten diese. Frauen seien fügsamer und weniger mobil als Männer.

Weil sie sich für das Wohlergehen der Familie verantwortlich fühlen, seien sie zuverlässiger. Die Bankmitarbeiter, die die Kreditraten und Zinsen eintreiben, seien zu 91 Prozent Männer. Die nehmen den Frauen ihren Schmuck oder die einzige Kuh weg, zwingen sie dazu, Hausrat oder Land zu verkaufen oder zerlegen ganze Häuser. Sie beschimpfen die Schuldnerinnen vor ihren Männern und dem Dorf.

Auch die bangladeschische Anthropologin Lamia Karim, die an der Universität von Oregon unterrichtet, hat Ende der neunziger Jahre mehrere Dörfer untersucht. Dass die Mikrokreditorganisationen gezielt solche Instrumente einsetzen, bezeichnet sie als „Wirtschaftssystem der Beschämung“. Offiziell bekommen zwar nur Frauen die Kredite. Doch ausgegeben wird das Geld meist von Männern. Karim hat dies in 95 Prozent der von ihr untersuchten Fälle festgestellt.


Der grundsätzliche Denkfehler der neoliberalen Entwicklungshilfe aber ist, jeder Mensch könne sich als Unternehmer selbst aus der Armut befreien. Es ist nichts anderes als die Idee der Ich-AG, die selbst im reichen Deutschland grandios scheiterte. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kommen nur 20 Prozent der staatlich geförderten Unternehmensgründungen in Deutschland halbwegs über die Runden. Ein Fünftel der Selbstständigen ist armutsgefährdet, neun Prozent sind arm.

Wie könnte so ein Konzept in einem bitterarmen Land funktionieren, wo jegliche Infrastruktur fehlt? Wie viele Näh- und Teestuben braucht ein Dorf? Wie viele Reisstände auf dem Markt können bestehen, ohne sich gegenseitig die Preise zu verderben? Woher sollen die Kunden kommen, wenn die Menschen so arm sind, dass sie hungern?

M.M. Akash, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Dhaka, schätzt, dass die Menschen 20 Prozent mehr verdienen müssten, um die Kredite bedienen zu können. Gleichzeitig müsse die arme Bevölkerung zwischen 40?und 60 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, sofern sie sich nicht Selbstversorger seien. In vielen Fällen scheitern die Menschen nicht nur mit ihrem Business; sie nehmen Kredite auf, um sich Essen oder medizinische Versorgung zu kaufen. Aminur Rahman sagt, dass 29?Prozent der Kredite für solche Zwecke aufgenommen würden. Als Rahman 2001 in das Dorf zurückkehrte, in dem in den neunziger Jahren geforscht hatte, fand er nur sechs von 120 Frauen, die Einkommen aus ihren gegründeten Unternehmen bezogen.

Keine Belege für Nutzen

Im August 2011 erschien der Report „What is the evidence of the impact of microfinance on the well-being of poor people?“ britischer Wissenschaftler um Maren Duvendack, finanziert unter anderem von der britischen Regierung. Die Wissenschaftler haben Daten aus Indien und Bangladesch analysiert und sämtliche Studien zum Erfolg der Mikrokredite untersucht. Ihr Ergebnis: Es gebe keine Belege dafür, dass Mikrokredite den Armen nützen.

„Wirtschaftswissenschaftler selbst greifen auf eine sehr eng gefasste Definition von Armut zurück, die in der Fachwelt bestimmend ist. Sie orientiert sich ausschließlich daran, ob Geld vorhanden ist oder nicht“, schreibt Klas. Die Arbeiten fußten fast immer auf finanztheoretischen Konzepten, bei denen der Tauschwert alles sei, der Gebrauchswert hingegen ignoriert werde.

Auch die Deutsche Bank, ABN Amro, Morgan Stanley, Citibank und Credit Suisse sind in das große Geschäft eingestiegen. Dass der Mikrokredit ein bedeutender Teil des kommerziellen Finanzmarktes ist, belegt auch, dass es für Mikrofinanzorganisationen Ratingagenturen gibt: die wichtigste ist Microfinance Information Exchange (MIX) in Washington. Sie bewertet die MFI am Volumen der Kredite und an den Rückzahlungsquoten – nicht an den sozialen Auswirkungen. Für MIX gehören MFI, die mehr als 30 Prozent Zinsen erheben und hohe Eigenkapitalrenditen erzielen, zu den profitabelsten Kreditinstituten.

Anu Muhammad nennt drei Hauptziele der Mikrofinanz: „Sie haben den Finanzmärkten gezeigt, dass die riesige Menge von Armen für das Kapital interessant ist. Regierungen und Instituten wie der Weltbank dienen sie als Beleg einer für sie funktionierenden Alternative zur Entwicklungshilfe. Und drittens haben Mikrokredite die Marktwirtschaft in die entlegensten Orte der Welt gebracht: Die Armen können konsumieren.“ Anders gesagt: Mikrokredite belegen, dass Kapitalismus auch für die Armen funktioniert.

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