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Architektur Was unternimmt das Geld in der Stadt?

Die urbane Entwicklung folgt zunehmend der Logik der Finanzmärkte.

Gebäudekomplex die Welle
Die „Frankfurter Welle“. Foto: Imago

Paul Watzlawik erzählte einmal die Anekdote vom Mann, der seinen Schlüssel unter einer Laterne sucht, obwohl er ihn anderswo verloren hat. Warum er ihn dann unter der Laterne suche? „Weil ich hier wenigstens Licht habe.“ Nun mag es zwar ein nachvollziehbares Motiv sein, Licht ins Dunkle zu bekommen. Aber ob das in einem solchen Fall wirklich ausreicht?

Um im Bild zu bleiben: Das Urbane steht aktuell im Rampenlicht. Man spricht von einer Renaissance der Stadt. Zugleich hat sie offenbar auch etwas verloren. Insbesondere wird häufig reklamiert, dass sie Beute des (Groß-)Kapitals geworden sei. Das kann man natürlich als eine Übertreibung abtun. Doch die Frage, wie die Ökonomisierung des Alltagslebens die Stadt prägt und unser aller Umgang damit verändert, bleibt gewiss diskussionswürdig. Zumal das räumlich-maßstäbliche Gefüge der Real Estate Branche in den letzten Jahren massiv in Bewegung geraten ist. Während Immobilien naturgemäß standortgebunden sind, erweist sich das in Immobilien investierte Kapital als immer flexibler, mithin sogar flüchtiger.

Durch die steigende Intensität und geographische Ausdehnung der ökonomischen Verflechtungen werden die territorialen Immobilienmärkte aufgebrochen und von externen Interessen befallen. Diese Überformung lokaler Immobilienmärkte schlägt sich – in Form von Kapitalströmen, neuer Akteurskonstellationen, der Etablierung globaler Praktiken und Standards – immer stärker in der jeweiligen Stadtphysiognomie nieder.

Doch statt eine gesellschaftspolitische Strategie des Umgangs damit zu entwickeln und durchzusetzen, resultiert daraus eher ein bemerkenswertes Wechselspiel: Auf der einen Seite suchen Anleger und Developer nach neuen, renditestarken Investitionsorten und -zielen. Auf der anderen Seite scheuen Städte und Regionen im internationalen Standortwettbewerb keinen Aufwand, um Investoren anzulocken. In der Stadtentwicklung kommt das einer enormen Akzentverschiebung gleich: Die Frage nach der Schaffung von Werten (und der Werterhaltung) wird offenkundig durch die oberflächlichen Konditionen des Konsums ersetzt. Denn im Vordergrund stehen plötzlich „Vermarktungsobjekte“. Und das geht zulasten der Lebenswirklichkeit des durchschnittlichen Stadtbewohners. 

Architektur ist dabei kaum mehr als ein willkommener Bildlieferant für die schwunghafte Maschinerie des Investments. Unter den Tisch fällt, dass mittels des Entwerfens, Planens und Bauens eben auch Räume für ein nicht entfremdetes Leben zu schaffen wären. Oder um es mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt zu sagen: „Es gibt kein Leben ohne einen Grund und Boden, ohne das Gefühl für einen Raum, der nicht nur äußerlich, sondern innerlich ist – mentale Loci.“ Die Sozialrendite von Häusern und Projekten, die gefühlten Werte: Sie scheint es in dieser Immobilienwelt nicht zu geben. 

Andererseits wäre es naiv, die harten Realitäten der Stadtentwicklung und eines immer anonymer werdenden Marktes zu verkennen. Um sie kurz anzureißen: Private Investoren bauen, ohne die Nutzer zu kennen. Schon vor der eigentlichen physischen Entstehungsphase – noch im Planungsstadium, doch eventuell schon mit Baurechten versehen – werden Projekte an andere Investoren verkauft. „Allzu häufig“, bemerkte kürzlich der in Berlin ansässige Architekt und Projektentwickler Eike Becker, „läuft das so ab: Jemand sichert sich ein Grundstück und beauftragt einen Architekten, das Baurecht zu klären. Dabei bekommt er möglicherweise mehr Nutzfläche genehmigt. Der Flächenzuwachs bedeutet für ihn einen risikolosen Gewinn, den er sofort realisiert, indem er das Grundstück deutlich teurer weiterverkauft. Dann fängt der neue Eigentümer mit einem neuen Architekten dasselbe Spiel wieder von vorne an. Durch diesen Reigen wird ein mögliches neues Gebäude bereits durch den in die Höhe spekulierten Bodenpreis so stark belastet, dass die Architektur das ausgleichen und billiger werden muss. Jeder Weiterverkauf kostet Architekturqualität.“ Ob man damit das allerorts postulierte Ziel, starke, zukunftsfähige Quartiere zu schaffen, erreicht?

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