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Architektur Vorschauen auf das, was kommen könnte

Aus dem Geist von 68: Ein Rückblick auf 50 Jahre „ARCH+“

Im Editorial der 200. Ausgabe der Zeitschrift „ARCH+“ wird unter dem Titel „Kritik der unreinen Vernunft“ der Anspruch dieser „Zeitschrift für Architektur und Urbanismus“ beschrieben, die mit Heft 229 gerade ihr fünfzigjähriges Bestehen feiert. Die Vernachlässigung eines kritischen Diskurses bei deutschen Architekturzeitschriften wird konstatiert, „ein Verzicht auf konzeptuelles Denken“, der bei allen Blättern dominiere. Vielleicht spricht aus dieser Bewertung weniger Hybris als reflexives Statement.

Bereits in den 1980er Jahren hatte Jürgen Habermas grundsätzlich in Frage gestellt, ob die Planer-Disziplin die Komplexität der Stadt nur im Entferntesten vorzudenken, die Utopie zukünftiger Lebensformen überhaupt mit Leben zu füllen vermöge. Das klang nach einem Verdikt, dem sich auch die Architekturkritik nicht entziehen konnte. Auf Philosophie oder Soziologie der Stadt dürfte ähnliches zugetroffen haben.

Ein aktuelles Gespräch zur Geschichte von „ARCH+“, „Projekt und Utopie“ genannt, gibt Auskunft über erste, in Stuttgart entstandene Ausgaben, die seit 1968 wie systemtheoretisch-semiotische Seminar-Prints erschienen. Während in Frankreich „L’Architecte, L’Urbanisme et la Societé“ herauskam, als „Architektur extra – Architektur und Stadtplanung im Spätkapitalismus“ ins Deutsche übersetzt, folgte bei „ARCH+“ die Aachener und Berliner Redaktionsperiode, eine Phase der Konflikte zwischen antiautoritären Akteuren (Aachen) und „orthodoxen (Interpreten) des Marxismus durch die DKP-nahe Berliner Gruppierung“. Das „Kapital der Stadt“ wurde nicht neu geschrieben.

Die spätere Auseinandersetzung mit Aldo Rossis „Architettura Razionale“ führte, wie Kuhnert rekonstruiert, zu der Erkenntnis, die für die Architektur-Disziplin jener Zeit generell gelten konnte: dass „wir ohne Sprache waren. Wir, die eigentlich aus dem Land kamen, in dem die Moderne sich entwickelt hatte, waren überhaupt nicht in der Lage mitzudiskutieren, weil wir keine Begriffe hatten, die es uns erlaubt hätten, auf die neuen Entwicklungen zu reagieren.“

Auch Begriffe für eine globale Mensch-Umwelt-Problematik, die seit den 1960er Jahren bewusst wurde, fehlten. Ökologie wurde für „ARCH+“ erst in den 1980er Jahren – mit der Gründung der Grünen – zum Thema.

Früher bereits war das Aufkommen der High-Tech-Architektur, das später zum Kult-Thema werden sollte, bei „ARCH+“ zum Vorschein gekommen. Aber welche Position bot dazu das legendäre Heft 89, das 1987 herauskam? Eingeführt mit Serien mehr als düsterer Bild-Collagen, eher Anklänge an einen militärisch-technologischen Overkill, wurde Misstrauen gegen das begründet, das Richard Burdett „eines der bekanntesten und umstrittensten Paradigmen der Architektur des 20. Jahrhunderts“ nannte.

Blättert man, vom Zufall geleitet, durch die Stapel der Zeitschrift, fällt mit Heft 105/106 „ChaosStadt – Stadtmodelle nach der Postmoderne“ (1990) eine Weichenstellung bei „ARCH+“ auf, die damals die Spur zu Rem Koolhaas lenkte. Mit dem Heftbeitrag „Delirious New York“ spielte er auf sein bereits 1978 erschienenes Buch über Manhattan an, das schließlich 1999 in deutscher Übersetzung im ARCH+ Verlag erschien.

Wieder zeigte sich das Gespür der Redaktion für Akteure, wie zuvor schon bei Norman Foster und Richard Rogers, die in ihrer überaus unterhaltsamen Alleinstellung weltweiter Aufmerksamkeit sicher sein konnten.

Von der Sprache über das Projekt – zur Utopie. Wie könnte eine Vorschau aussehen auf das, was kommen könnte? Wäre eine Utopie auf die Frage angebracht, die in den 60er Jahren bereits gestellt wurde: “...are we prepared to see New York underwater?“

Nikolaus Kuhnerts Ausblick: „Was den Architekturkonzepten der letzten 50 Jahre gefehlt hat, waren neue Lebensmodelle, gerade, wenn man Architektur als Projekt versteht.“

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