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Architektur von Zaha Hadid Schwärme von treibenden Gebäuden

Nach der Moderne: Die Architekten Zaha Hadid und Patrik Schumacher entwickeln neue Strategien der Stadtplanung. Archtektur als Flüssigkeit, strukturiert von Wellen, Strömungen und Strudeln, also wie im wirklichen Leben.

07.12.2009 00:12
Peter Neitzke

Wer die architektonischen und städtebaulichen Entwürfe der Architektin Zaha Hadid kennt, etwa die Raumskulptur des 2005 eröffneten Wolfsburger Wissenschaftsmuseums phæno, könnte annehmen, dass es sich bei dem kürzlich fertiggestellten Museo Nazionale delle arti del XXI secolo (MAXXI) in Rom um eine Arbeit älteren Datums handelt. Zu Recht, der Entwurf datiert von 1998. Bei allen Unterschieden, nicht zuletzt hinsichtlich der Dimensionen des neuen Objekts, sind ästhetische Verwandtschaften mit ihrem ersten realisierten Bau, dem Feuerwehrhaus auf dem Vitra-Firmengelände in Weil am Rhein (1993), unübersehbar.

Der schon Monate vor der gerade mitgeteilten Zahlungsunfähigkeit der Dubai World Group - neben zahlreichen anderen ambitionierten Projekten - auf Eis gelegte Entwurf der Architektin für das Opernhaus in Dubai oder für das Performing Arts Centre im benachbarten Abu Dhabi scheinen da wie von einem anderen Stern zu kommen - mit eigenen Tabus und Dogmen: Alles fließt. Zu vermeiden seien, schreibt Patrik Schumacher, seit den Achtzigern Partner von Hadid im Londoner Büro, im aktuellen Heft von ARCH+ (195), "strenge geometrische Körper wie Rechteck, Dreieck und Kreis, die bloße Wiederholung von Elementen sowie die Aneinanderreihung unverbundener Elemente oder Systeme"; alle Formen seien "als parametrisch verformbar zu betrachten, [] graduell und in variierenden Differenzierungsgraden zu differenzieren, systematisch zu krümmen und in Korrelation zu setzen".

Parametrismus: Das ist der Schlüsselbegriff in Schumachers architekturtheoretischen Texten. Gemeint ist die Nutzung der organisatorischen und formalen Möglichkeiten der digitalen Informationsaufbereitung ("Computation") für architektonisches und städtebauliches Entwerfen: die endlich entdeckte Transzendierung allen bisherigen architektonischen Denkens und Arbeitens. Zugegeben: ein qualitativer Sprung. Worum genau geht es? Nicht nur um die derzeitigen Entwurfsmaximen oder Designstrategien des einflußreichen, international gefragten Büros Zaha Hadid Architects. Nicht allein um die Proklamation offener, dynamischer, einander überlagernder Formationen als Muster einer selbst die Kapriolen des Dekonstruktivismus radikalisierenden oder entgrenzenden Architektursprache. Es geht um mehr.

Parametrismus, schreibt Schumacher, das sei nicht nur "der große neue Stil, der auf die Moderne folgt", nicht das, was man bereits in der zeitgenössischen Architektur und im Design finde. Parametrismus, das könne "der neue "International Style" der zeitgenössischen Architektur" sein - und wie dieser ein Stil mit "Hegemonialanspruch", vom Möbeldesign bis zur "groß angelegten Stadtplanung". Schumacher spricht nicht nur von einer anderen Entwurfsmethode. Vielmehr von einem - bislang eher behaupteten als eingetretenen - Paradigmenwechsel.

Postmoderne und Dekonstruktivismus seien bloße "Übergangsepisoden" gewesen; der Parametrismus sei jedoch "ein ausgereifter Stil". Stil? Gemeint sind zunächst "methodologische Regeln": Forschungsansätze, die zu verfolgen beziehungsweise zu vermeiden seien.

Hochfliegende Programme formulieren gern Visionen einer anderen Welt. Wer uns das unerhört Neue als Paradies verkaufen will, muss von der Misere des Bestehenden reden, in diesem Fall wenigstens von der ästhetischen. Patrik Schumacher hält das Raster der modernen Stadt für "undifferenziert" und "nicht anpassungsfähig", es führe zu Indifferenz und könne "schnell in einem undurchdringlichen visuellen Chaos enden". Das muss man nicht so sehen, Großstädter finden sich im Dickicht der Stadt in der Regel nicht nur bestens zurecht, sie schätzen auch die Vielfalt der architektonischen Bilder.

Man müsse nicht, sagt Schumacher in einem 2007 geführten Gespräch, den "gesellschaftlichen Universalwert der Orginalität" bedienen. Einverstanden, die Stadt muss wirklich nicht unausgesetzt mit neuen architektonischen Events aufwarten. Gegen den holländischen Architekten Rem Koolhaas und den Amerikaner Peter Eisenman gewendet, schreibt er, dass sich ein neues Formenrepertoire "wesentlich schneller und durchgreifender" aufbauen lasse, solange die "gesellschaftliche Signifikanz ausgeklammert" bleibe. Wer als Architekt oder Stadtplaner neue gesellschaftliche Herausforderungen zu seinem Thema macht, kann nicht zugleich "neue, raffinierte architektonische Lösungen" anbieten.

Das macht hellhörig. Will der Parametrismus auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren, die die Stadtplanung in aller Regel nicht thematisiert? Weit gefehlt. Wer mit parametrischen Entwurfswerkzeugen ("Tools") "spezifisch ausgewählte gesellschaftliche Problemlagen" bearbeitet, entdeckt etwa "eine tendenzielle Koinzidenz der Begriffe und Prinzipien zwischen der Architektur der Faltung und der neueren Organisations- und Managementlehre". Honi soit qui mal y pense: Wenn man eine komplexe Firmenorganisation "mit fließenden Abteilungsgrenzen und systematischen Kompetenzüberschreitungen" architektonisch abbilden will, dann arbeitet man mit dem Konzept einer "dreidimensional-porösen, schwammartigen Feldstruktur".

Felder: Deren Inhalt soll man sich als bewegte Flüssigkeiten vorstellen, strukturiert von Wellen, Strömungen und Strudeln, also wie im wirklichen Leben. Als "paradigmatische Analogie für das Feldkonzept" könnten auch Schwärme dienen: "Schwärme von Gebäuden, die durch die Landschaft treiben."

Das in einem Manifest, in Interviews und Grundsatzartikeln seit Jahren beharrlich verbreitete Programm des Parametrismus will der "produktiven Informationsverarbeitungsmaschine" Stadt den ihr angemessenen architektonischen und städtebaulichen Ausdruck geben. So wie sich von kollektiver Intelligenz, neuer wissensbasierter Ökonomie und von organisationalem Lernen erst sprechen lasse, schreibt Schumacher in "Architektur für eine wissensbasierte Ökonomie" (2001), so wie sich "der kollektive Kommunikationsprozess seine Verfahren und Kommunikationsmuster immer wieder selbst schreibt und umschreibt" - so brauche die Stadt ein räumliches Substrat, das diese Entwicklung ermögliche statt behindere. Es gelte daher, sich vom "Konzept des universalen, leeren Raums" der Moderne zu verabschieden: Das "visuelle Chaos", das man bei "fast allen unregulierten Stadtexpansionen der Gegenwart" beobachte, müsse durch "geordnete Komplexität" und "nahtlose Fluidität" ersetzt werden.

Wie das aussehen kann, zeigen Hadids preisgekrönte jüngste Wettbewerbsbeiträge: Masterpläne für einen Business-Park in Singapur, ein 2,5 Millionen Quadratmeter großes Wohn- und Einkaufsviertel in Beijing (Soho-City) oder für die Halbinsel Zorrozaurre (Bilbao). Den Masterplan für das Viertel Kartal-Pendik in Istanbul beschreibt Schumacher als "Vision einer eleganten, leichte Orientierung bietenden Stadtlandschaft", die sich möglicherweise "mittels strenger Planungsvorschriften [!], die Gebäudelinien und -höhen regulieren" lasse. Masterpläne - Abschied vom Erbe der Moderne? Auf jeden Fall "neue, raffinierte architektonische Lösungen".

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