Lade Inhalte...

Architektur Not macht erfinderisch - auch im Wohnungsbau

Eröffnen Typisierung, Serienproduktion und Rationalisierung einen Ausweg aus der Misere im Wohnungsbau?

Bauarbeiten in Essen
Räume in Serie, hier bei Bauarbeiten in Essen. Foto: AFP

Hier der sich an Traditionen orientierende Werkanspruch des Baukünstlers, dort der Stückwerkcharakter der Bauproduktion: Eigentlich wird der State of the Art in der Architektur von diesem Verhältnis beherrscht. Doch nun wird der Wohnungsbau zum Gegenstand von Rationalisierungsbestrebungen. Wieder einmal. Die Industrialisierung des Bauens, lange Zeit – und mit dem Fingerzeig auf realsozialistische Metastasen – als Krebsgeschwür der modernen Architektur verteufelt, scheint angesichts der derzeitigen Rahmenbedingungen erneut den Geist der Architekten und Planer zu beflügeln. 

Relativierend sollte man deshalb auf ein Jahrhundert zurückblicken, in dessen höchst unterschiedlichen Phasen das Schreckgespenst Wohnungsnot immer wieder an die Wand gemalt wurde. Denn so drängend die derzeitigen Probleme auch sein mögen, neu und einzigartig sind sie nicht. Unter dem Druck der Verhältnisse wurde ja bereits mehrmals darauf hingearbeitet, Behausungen in ausreichender Menge und zu erschwinglichen Kosten verfügbar zu machen: Politiker und Parteien (zur Legitimation ihrer selbst), die (Bau-)Industrie (weil sich mit solchen Modernsierungsimpulsen Geld machen und die Voraussetzung für künftige Absatzmärkte schaffen ließ) und weite Kreise der Bevölkerung (aus naheliegenden Gründen). Selbst die Avantgarde der Baukunst bemächtigte sich des Themas – und zettelte jene Rebellion gegen das Althergebrachte an, die noch heute weiterwirkt. 

Walter Gropius erkannte den Bedarf früh

Für die fortschrittlichen Architekten in den 1920er Jahren war Rationalisierung vor allem eines: Mittel zum Zweck. Walter Gropius, der in Dessau-Törten bereits in den 1910er Jahren mit dem Thema Vorfertigung laborierte, hatte es programmatisch formuliert: „Die menschliche Behausung ist eine Angelegenheit des Massenbedarfs. Genauso, wie es heute 90 Prozent der Bevölkerung nicht mehr einfällt, sich ihre Beschuhung nach Maß fertigen zu lassen, sondern Vorratsprodukte bezieht, die infolge verfeinerter Fabrikationsmethoden die meisten individuellen Bedürfnisse befriedigt, so wird sich in Zukunft der einzelne auch die ihm gemäße Behausung vom Lager bestellen können.“

Ideelle Ansätze dieser Provenienz bildeten eine neue Basis, wobei das Auto zum Inbegriff und Katalysator eines übergreifenden Zukunftsmodells wurde. Etwa zu dieser Zeit hatte Henry Ford mit seinem Unternehmenskonzept von den USA aus einen weltweiten Prozess angeschoben, der auch und gerade beim (Städte-)Bauen seinen Niederschlag fand. Der Fordismus wurde, zumindest in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht, enthusiastisch aufgenommen. 

Als Fords Buch „Mein Leben und Werk“ 1923 in Deutschland erschien, galt es in der von Verarmung und Inflation gekennzeichneten Nachkriegszeit vielen als eine Heilslehre. Das ging soweit, dass in der Weimarer Zeit fast prinzipiell sozialer und technischer Fortschritt, wie Kurt Tucholsky es formulierte, mit weichem „d“ geschrieben wurde.

Nahezu synchron entwickelten sich sektorale Bezugsfelder des Fordismus und entfalteten in vielen gesellschaftlichen Bereichen enorme Wirkung. Die Analogie der Stadt oder der Wohnung „als Maschine“ ging dabei auf den Ford-Verehrer Le Corbusier zurück. Wobei in diesem Assoziationsbereich insbesondere zwei Aspekte eine ganz wesentliche Rolle spielten: Die schleichende Randwanderung der Stadt, die sich auch in den Stichworten Funktionstrennung und Siedlungsbau ausdrückt, und dem Durchsetzen der sozialen Massenwohnung. 

Gerade der Vorstellung, Häuser wie Autos zu produzieren, hingen viele führende Köpfe an. Eine ihrer Manifestationen – die Siedlung Dammerstock in Karlsruhe, die 1929 als Ausstellungs- und Mustersiedlung in rigider Zeilenbauweise angelegt wurde – hat Adolf Behne schon damals sarkastisch aufs Korn genommen: „Die ganze Siedlung scheint auf Schienen zu stehen. Sie kann auf ihrem Meridian rund um die ganze Erde fahren, und immer gehen die Bewohner gegen Osten zu Bett und wohnen gegen Westen. Hier in Dammerstock wird der Mensch zum abstrakten Wohnwesen.“

Avantgarde favorisierte serielles Aussehen

Die Avantgarde auch in Frankfurt war strikt darauf bedacht, dass ihre Häuser und Siedlungen so aussahen, als seien sie rationell erstellt. Die symbolträchtige Sprache der Sachlichkeit vermittelte den Glauben an Zukunft, den Sieg der Rationalität, Mindestwohlstand für alle und kulturelle Emanzipation durch die Technik werdenden Menschen. 

Es war dann kein allzu großer Schritt mehr zur „Platte“. Keine Facette hat das Bild des Bauens in der DDR so geprägt wie sie; zugleich ist sie zum – heute stigmatisierten – Inbegriff für eine Rationalisierungsmanie geworden. Obgleich auch in der jungen Bundesrepublik ein enormes Wohnungsbau-Programm nur auf der Basis von Zentralisierung und einer gewissen Rationalisierung erfolgreich war, so ist die „Platte“ doch weit mehr, nämlich gleichermaßen materielles wie ideelles Symptom. 

Seit den 1960er Jahren hatten Wohn- und Städtebau der DDR vornehmlich einer Zielsetzung zu gehorchen: ökonomischer Effizienz. Sozialwissenschaftlich verbrämt im Gedanken vom „sozialistischen Wohngebiet“ wurde eine rein wirtschaftlich (oder wie häufig postuliert wurde: von der Auslagerlänge eines Krans) bestimmte Bauweise legitimiert.

„Industriell“ musste das Bauen nun vonstatten gehen. Die Großtafelbauweise feierte, was das Bauvolumen angelangt, wahre Triumphe. Da die neue Art und Weise der Herstellung (vermeintlich) neue Formen des Hauses und des Stadtraums erforderte, waren es offene Bebauungsstrukturen – zumeist in strikter und monotoner Zeilenbebauung –, die an die Stelle der bisherigen Straßen- und Blockrandbebauung rückten. So entstanden mehr oder minder begrünte Wohngebiete, die bewusst nicht an historische Raum- und Bebauungstypologien anknüpften – und dies auf Grund des damaligen Entwicklungsstandes der industriellen Bauweise auch gar nicht konnten. So planbar wie das Bauen sollte auch das Leben selbst sein. Letztlich aber scherte das weder Bewohner noch politisch Verantwortliche. Jener hatte – WBS 70 (Wohnungsbauserie 70) hin, Wohnkomplex her – endlich eine adäquate „Vollversorgung“ (inklusive Heizung und Bad) und ohnehin keine Alternative. Und für diese war die „Platte“ entweder die Inkarnation der wissenschaftlich-technischen Revolution (in der Ära Walter Ulbricht) oder das ideale Transportmittel für die Verwirklichung der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ (zu Zeiten Erich Honeckers). 

Was als Menetekel für den fordistischen Städtebau aufscheint, ist nichts anderes als ein Beispiel für die gesellschaftliche Problemlösungsstrategie der DDR-Führung: Nämlich soziale Probleme durch technische Maßnahmen zu lösen. Dabei fußten die verwendeten Grundrisstypen ausschließlich auf dem Konzept der Kleinfamilie in der Kleinstwohnung. Und das hieß in der Konsequenz: Hierarchisierung und funktionale Einengung von Räumen, Festschreibung von „betriebstechnischen Abläufen“ (Gropius) und so weiter. Die grundsätzliche Alternative zu diesem Grundrisskonzept, die Addition annähernd gleich großer Räume (wie in vielen Gründerzeitbauten) für alle Nutzer der Wohnung, wurde gar nicht erst in Betracht gezogen.
Obgleich man im Ergebnis konstatieren muss, dass das Wohnungs- (als rein quantitatives) Problem in der DDR dank der Platte weitgehend entschärft werden konnte, trug die Rigidität dieser Bauform und Städteproduktion andererseits auch sein Scherflein bei zum Scheitern des Systems. Dass durch die (scheinbar endlose) Addition gleicher Bauelemente – egal ob „Platte“ oder Haus – der Schwellenwert einer überschaubaren und begreifbaren Ordnung häufig überschritten wurde, ist hierbei nur ein Aspekt. Die Unbedingtheit und einseitige Überbetonung des industriellen Bauens hatte seine Rationalität letztlich selbst dreidimensional in Frage gestellt.

Desungeachtet bestimmt die „bezahlbare Wohnung“ auch heute wie kaum ein anderes Bauthema das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Dabei stehen die Tatsache, dass Hunderttausende von erschwinglichen Wohnungen fehlen, und die Geschichte der seriellen Bauproduktion in einem immanenten Zusammenhang. Ob daraus jedoch gefolgert werden kann, dass die Rationalisierung des Wohnungsbaus heute wiederum die sanktionierte Leitlinie sein muss: Dies sei fürs erste dahingestellt. Gleichwohl, man sollte sich von diesen Herausforderungen und den teils ernüchternden historischen Erfahrungen nicht ins Bockshorn jagen lassen, sondern die Herausforderung annehmen und das findige Lösungen anstreben. Denn wie heißt doch ein produktiver Gedanke? Not macht erfinderisch.

Robert Kaltenbrunner ist freier Publizist und arbeitet in leitender Stellung im Bundesinstitut für 
Bau-, Stadt- und Raumforschung (Bonn/Berlin).

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum