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Architektin Deutsch im Interview „Kein Zeichen, das man lesen könnte“

Die Frankfurter Architektin Marie-Theres Deutsch kritisiert den Sieger-Entwurf eines Museums der Weltkulturen – und macht sich für einen alternativen Standort stark.

28.04.2011 21:44
Fein, aber zu klein: Das angestammte Haus des Frankfurter Museums der Weltkulturen mit Park und Bäumen. Foto: Michael Schick

Frau Deutsch, ist das Gelände, auf dem das „Sudfass“ steht, ein geeigneter Baugrund für das Museum der Weltkulturen?

Nachdem das Degussa-Gelände nicht mehr zur Verfügung stand, wurde ich gebeten, das „Sudfass“ zu untersuchen: Es eignet sich hervorragend. Bei einer maximalen Nutzung könnte man dort ein Gebäude von 12000 Quadratmetern Bruttofläche errichten, weit mehr als tatsächlich gebraucht wird. Das, was zuviel ist, könnte man dennoch bauen und dann anders nutzen. Die benötigten 8000 Quadratmeter Nutzfläche für das Museum dort zu gewinnen, ist überhaupt kein Problem.

Wie würde man bauen?

Sieben Geschosse plus ein mögliches Staffelgeschoss. Das Stadtplanungsamt will eine Ausnutzung entsprechend der östlich gebauten Solitäre am Main. Das Gelände besteht tatsächlich aus vier Liegenschaften und einem fünften, städtischen Grundstück, das vom Bordell als Parkplatz genutzt wird und unmittelbar an die Ignatz-Bubis-Brücke grenzt. Nach dem Abriss der heutigen Bauten könnte dort ein „Kopfgebäude“ ins dahinter liegende Viertel entstehen, in dem die Europäische Zentralbank sein wird. Das Gebäude sollte schon deshalb eine gewisse Höhe, eine gewisse Signifikanz haben, weil es dann wirklich ein Tor zum Viertel wird. Auch die Höhe der Räume wäre bei einem Neubau kein Problem, acht oder zehn Meter, warum nicht?

Würde man dann, wenn das Museum dort stünde, an den Villen am Schaumainkai festhalten?

Nein, das Museum würde die Villen nicht mehr brauchen. Es wäre dann auf der anderen Mainseite zuhause, Adresse Oskar-von-Miller-Straße 6-12. Selbst ob man ein getrenntes Museumsdepot dann noch bräuchte, wäre zu prüfen. Am besten wäre alles in einem Haus.

Gehört diese Lage noch zum Grundriss des Museumsufers?

Ganz besonders, denn das Gelände sitzt an einem Schnittpunkt der Wallanlage und des Mains. Etwas wie den Wiener Ring hat es einst auch in Frankfurt gegeben. Andere Gebäude entlang dieses „Rings“ sind die Oper und das Jüdische Museum. Ein Museum von Weltrang würde den Rückgriff auf die Idee des Rings nur stärken. Außerdem könnte es der Perlenkette im Nordosten einen markanten Endpunkt geben. Die Endpunkte auf beiden Seiten des Ufers, wie sie jetzt bestehen, sind schwach: am nördlichen Ostende das Literaturhaus und am südlichen das Ikonenmuseum (das kaum jemand kennt); im Südwesten das Museum Giersch, eine private Einrichtung, und ihm gegenüber auf der anderen Mainseite das Jüdische Museum, das in seiner Gebäudehierarchie um neunzig Grad gedreht wurde (der Eingang jetzt mittig), eine baulich nicht gerade überwältigende Lösung. Ich spreche nur von den Bauten, nicht von den Institutionen, die darin zuhause sind.

Könnte die Stadt denn die „Sudfass“-Liegenschaften von Dieter Engel überhaupt erwerben?

Noch steht das Grundstück zum Verkauf. Es gibt Interessenten, die das „Sudfass“ als Bordell weiter betreiben wollen. Diese verhandeln mit der Stadt. Wenn es so kommt, steht das Grundstück für die nächsten dreißig bis fünfzig Jahre nicht mehr zur Verfügung. Der Eigentümer wollte ursprünglich die Liegenschaften für zehn Millionen Euro nicht verkaufen. Inzwischen sieht er ein, dass die Lage der Grundstücke zu einem wichtigen Beitrag der Baukultur werden könnte. Es ergäbe sich eine städtebauliche Doppelfunktion: Einerseits würde die Wallanlage am östlichen Ende definiert und andererseits entstünde ein Tor ins nun rasch wachsende Viertel dahinter. Es kreuzen sich dort Ost-West- und Nord-Süd-Achsen, ein in seiner Lage exponierter Ort.

Nachdem Sie so enthusiastisch waren, warum hat die Stadt nicht auf Sie gehört? War die Planung im Museumspark schon zu weit fortgeschritten? Oder gilt das Gelände, durch seine bisherige Nutzung, als „verrucht“?

Wenn das Bordell aufgelöst ist, spielt das doch keine Rolle mehr. Es gab wohl ein Dutzend Standorte, die überprüft wurden, nachdem das Degussa-Gelände nicht mehr zu haben war. Da gehörte das „Sudfass“ dazu. Ich glaube, dass es eine persönliche Entscheidung des Kulturdezernenten ist, der die Lage hinter den Villen am Schaumainkai bevorzugt. Warum, das weiß ich nicht.

Bereits in der Ausschreibung des Wettbewerbs heißt es, dass die westliche der drei Villen, Schaumainkai 37, aufgegeben werden soll. Was bedeutet das eigentlich für die Zukunft eines Neubaus an dem Ort?

Wenn die Villa verkauft wird, gehört der dahinterliegende Garten dazu. Entsprechend verkürzt sich der Park. Die Fläche wird kleiner, auf der man sich überhaupt bewegen kann.

Ist es aus Ihrer Sicht in Ordnung, in einen solchen Park zu bauen, und dabei eine ganze Gruppe alter Bäume zu fällen?

Ich bin bauende Architektin! Alte Bäume bei einem Neubau zu schützen, ist jedenfalls ein sehr teures Unterfangen. Und ob sie sich am Ende wieder in aller Pracht entfalten? Einfacher wäre, die Bäume hinterher zu ersetzen, große Bäume, die nicht ganz das Volumen der derzeitigen haben, aber schon ziemlich „erwachsen“ sind.

Es gab Dutzende von Entwürfen. Der prämierte ist der von Kühn Malvezzi. Wie beurteilen Sie den Entwurf?

Der Grundriss ist in Ordnung, dem hätte ich auch, wäre ich in der Jury gewesen, zugestimmt. Nicht aber die Eingangssituation. Der Entwurf ist eine intelligente Antwort auf eine falsch gestellte Aufgabe.

Inwiefern war sie falsch gestellt?

Der Eingang führt in den Untergrund, hinter den Villen und neben dem berühmten Museum von Richard Meier. Die Antwort von Kühn Malvezzi ist, den Eingang so neutral zu gestalten wie irgend möglich unter Verzicht auf jedwede Signifikanz. So kann man Besucher nicht in eine wichtige Sammlung lotsen.

Ist der Glasbau, der oben rausguckt, nicht eine Anspielung auf die Pyramide vor dem Louvre?

Peis Eingang zum Louvre zitiert eine archaische Form. So etwas kann man nur einmal bauen. Ein zweites Mal ist es lächerlich. Aber in diesem Fall ist es ein Kubus. Eine solche Form sitzt, so oder ähnlich, auf einem U-Bahn-Eingang. Falsch ist auch zu glauben, dass ein Glaskubus eine transparente Wirkung hätte. Glas ist im Prinzip dunkel, es sei denn, man würde es von innen 24 Stunden am Tag beleuchten. Ein dunkler, kleiner Kubus führt in ein bedeutendes Museum?

Aber das Städel-Museum baut doch auch unterirdisch.

Das Städel hat einen wunderbaren Eingang, der um 1900 entstanden ist. Man geht Stufen nach oben, man hat große, schwere Türen. Jeder Besucher, der dort eintritt, weiß: Ich betrete einen besonderen Ort. Das bestimmt die besondere Zuwendung, die die Dinge in einem Museum auch brauchen. Museen sind Konsumtempeln angeglichen worden, seit den siebziger Jahren. Es gibt bereits Firmen, die speziell Produkte für Museumsshops herstellen. Der Eingang ins Städel signalisiert den Ernst des Ortes, zukünftig inszeniert durch eine lange Achse, die tief in den Untergrund führt. Öffentliche Gebäude müssen es wagen, Zeichen zu setzen. Der geplante Eingang im Museumsuferpark vermittelt das Gegenteil, ein Nichts als Antwort auf Nichts.

Aber wäre nicht gerade der Abstieg in die Unterwelt jener Ritus des Übergangs, den Sie sich wünschen?

Nein, denn der Kubus setzt kein Zeichen, das man lesen könnte.

Es ist doch erstaunlich, dass die Ausschreibung des Wettbewerbs vorgegeben hat, dass der Zugang des Museums nicht durch eine der Villen führen durfte.

Jedenfalls kam diese Lösung in keinem der Entwürfe vor. Das Museum Rietberg in Zürich zum Vergleich: ein sehr raffiniertes unterirdisches Museum, aber mit mehreren imposanten Villen darüber, durch die man entweder eintritt oder wieder ausgespült wird. Das Auf- und Abtauchen macht das Museumsgebäude so spannungsreich.

Für Sie hätten die Villen zum Urkonzept eines Museums im Park dazugehört?

Auf jeden Fall. Die hätte ich mit inszeniert. Was aber nicht klappt, ist, die Abstände zwischen den Villen aufzufüllen, mit einem gläsernen Eingangsbau zum Beispiel. Solche Entwürfe mussten scheitern. Die Abstände der Villen stehen proportional zu ihrer Masse. Darin besteht ihre Wirkung. Man kann – in einer globalisierten Welt – versuchen, semantische Festlegungen umzudrehen. Ob das aber mit dem Entwurf von Kühn Malvezzi gelingen wird, das stelle ich in Frage. Wird dieser Entwurf realisiert, wächst die Bedeutung des Städels ganz von selbst – im Vergleich.

Sie sehen also das Museum der Weltkulturen, den prämierten Entwurf, als ein Museum im Versteck ohne jede ikonische Qualität?

Jeder Betrachter denkt vom Eingang aus. Die Villa ist der Schlüssel zur Bildlichkeit des Museums. Auch Richard Meier hat deutlich darauf Bezug genommen und die Villa Metzler eingebunden. Wenn man auf die Villen verzichtet, beharre ich auf der phantastischen Alternative: Für das Museum der Weltkulturen ein signifikantes Gebäude an einer städtebaulich exponierten Stelle zu errichten, am nordöstlichen Ufer Frankfurts, wo jetzt das „Sudfass“ noch steht.

Wieviel teurer wäre es eigentlich, ein Museum, statt es nach oben zu bauen, unterirdisch zu errichten?

Unter der Erde ist es immer teurer zu bauen, und durch die Nähe zum Fluss – Wasserhaltung während des Grundbaus – erst recht. Aber es wird überall unterirdisch gebaut, besonders bei öffentlichen Gebäuden. Nicht das unterirdische Bauen ist es, das ich hinterfrage, sondern die Semiotik des geplanten Gebäudes. Man bräuchte am Museumsufer ein deutlich sichtbares Zeichen. Wenn das nicht gelingt, geht das Museum unter.

Interview: Ulf Erdmann Ziegler

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