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Archäologie Das Geheimnis von Selinunt

Unter dem Archäologie-Park an der Südwestküste Siziliens könnte ein zweites Pompeji verborgen sein.

Selinunt
Die schon in der Antike von Kriegen und später von Erdbeben heimgesuchte Akropolis von Selinunt. Foto: afp

Tonnenschwere Säulen liegen verstreut im Gras, als hätte ein Riese sie umgestoßen und mit ihnen gespielt. Bis zum Horizont nur Tempelreste, mediterrane Macchia und Meer, an klaren Tagen ist die nur 170 Kilometer entfernte tunesische Küste zu sehen. Im Archäologie-Park von Selinunt können Besucher ungestört von Touristenmassen in den Ruinen einer 2700 Jahre alten griechischen Stadt herumklettern. Das mit 270 Hektar größte Grabungsfeld Europas an der Südwestküste Siziliens ist lange nicht so bekannt wie das Tal der Tempel bei Agrigent. Doch das könnte sich bald ändern.

Italienische Wissenschaftler haben entdeckt, dass unter dem von Vegetation überwucherten Boden möglicherweise ein zweites Pompeji liegt. Mit Hilfe neuer Technologie, Luftaufnahmen und der interdisziplinären Arbeit von Geomorphologen und Archäologen haben sie an die einhundert Bauten unter der Erdschicht ausfindig gemacht. Sie nutzten dafür unter anderem eine hoch empfindliche Wärmekamera. 

Selinunt wurde schnell reich und mächtig

Selinunt war eine antike Großstadt und die am weitesten westlich gelegene Kolonie Griechenlands zu jener Zeit. Gegründet wurde sie 650 Jahre vor Christus, auf einem Hochplateau aus Kalkstein, das in die Meeresstraße zwischen Sizilien und Nordafrika ragte. Sie wurde schnell reich und mächtig, weil ihr Hafen Brückenkopf für Waren aus Afrika war, die von hier per Schiff und auf dem Landweg weiter transportiert wurden. Selinunt unterhielt wirtschaftliche und politische Beziehungen zu Karthago. Zu ihrer Blütezeit hatte die Stadt mindestens 30.000 Einwohner. Ihre majestätischen Tempelanlagen müssen von weither zu sehen gewesen sein. 

Doch Selinunt bestand nur zwei Jahrhunderte. 409 vor Christus wurde es im Krieg gegen das rivalisierende Segesta, das sich mit den Karthagern verbündete, nach neuntägiger Belagerung völlig zerstört. Die Karthager errichteten die Stadt in Teilen neu, schleiften sie aber dann erneut. Was übrig blieb, stürzte in späteren Jahrhunderten bei Erdbeben ein. Heute zeugen nur die seit dem 19. Jahrhundert wieder ausgegrabenen Ruinen und die Reste einer Akropolis, einer auf dem höchsten Punkt errichteten Wehranlage, von der einstigen Größe Selinunts. Einer der stark zerstörten Tempel wurde Anfang der 60er Jahre wieder aufgebaut. 

Das Team der Universität Camerino brachte für seine Untersuchungen die Wärmekamera an einer Drohne an, die das Terrain überflog und mit thermischen Infrarotmessungen der oberen Erdschichten Temperaturunterschiede von bis zu 0,01 Grad aufzeichnete. 120.000 Bilder entstanden so, auf denen die unterschiedlichen Wärmegrade farblich gekennzeichnet sind. „Die Differenz entsteht, wenn Materialien vorhanden sind, die sich vom umliegenden Boden unterscheiden“, erklärt der Geoarchäologe Fabio Pallotta vom Team der Wissenschaftler. Denn unterschiedliche Gesteinsarten, Metall, Sand oder Lehm speichern und strahlen Sonnenwärme in unterschiedlicher Intensität ab. Die Methode wird zum Beispiel auch genutzt, um auf Kirchenwänden hinter Putz und Farbschichten versteckte ältere Fresken zu finden, erläutert Pallotta. Auf den Wärmebildern von Selinunt sind teils sehr große geometrische, also von Menschen geschaffene Strukturen zu erkennen. Teilweise liegen sie unter Äckern und Feldern verborgen. „Wir spüren antike Bauten auf, ohne zu graben“, beschreibt Pallotta das Arbeitsfeld der Geoarchäologie. 

Weitere Erkenntnisse sollen nun Bohrungen bringen. Aus Tiefen zwischen fünf und 30 Meter werden Erdproben mit einem Durchmesser von zehn Zentimetern entnommen und von Archäologen, Botanikern, Geologen und Klimaexperten untersucht. Man erhofft sich davon nicht nur nähere Erkenntnisse über die Bauten, sondern auch über die Zusammensetzung der Erdschichten, in denen sie liegen und damit über Vegetation und Klimabedingungen der Antike. Mit etwas Glück könne auch etwas über die Ernährungsgewohnheiten der Bewohner von Selinunt herausgefunden werden, sagt der Direktor des Parks, der Archäologe Enrico Caruso. In einem späteren Schritt sind dann weitere Ausgrabungen geplant. 

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