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Aravind Adiga Auf keinen Fall nach Deutschland

Der Booker-Preisträger Aravind Adiga spricht im FR-Interview über Indien, seinen preisgekrönten Roman "Der weiße Tiger" und Europareisen.

14.11.2008 00:11
India Mumbai Migrants
Eisenbahnnutzer in Neu Dehli. Foto: ap

Frank McCourt, der erst als über 60-Jähriger schlagartig als Schriftsteller erfolgreich wurde, sagte einmal: Hätte er schon zwischen 30 und 40 so große literarische Triumphe gefeiert, hätte ihn das definitiv zerstört. Sie sind 34 und haben gerade den Booker-Preis für Ihren ersten Roman bekommen. Macht Ihnen das Angst?

Ich werde nicht so lang leben wie Frank McCourt, also bin ich sehr froh, dass ich jetzt schon Erfolg habe. Meine Mutter starb mit 45, und ich denke, ich werde auch nicht viel älter werden.

Wie beeinflusst der Erfolg Ihr Leben?

Der Erfolg hat keinen Einfluss auf mein Schreiben.

Es hieß, Sie würden Ihre Lesereise nach Europa absagen, weil die Kritik an Ihrem Buch in Indien so massiv sei, dass Sie das Land derzeit nicht verlassen könnten.

Nein, ich breche demnächst nach Spanien und Holland auf. Ich habe nur Deutschland und die anderen deutschsprachigen Länder abgesagt. Offen gesagt, war ich von vornherein nicht sehr erpicht darauf, nach Deutschland zu kommen. In meiner Studentenzeit in England bin ich viel gereist und war auch in Deutschland. Dort hat man mir die ganze Zeit Schwierigkeiten gemacht, weil man mich für einen illegalen Immigranten hielt. Das war sehr unangenehm. Ich habe meinen Aufenthalt damals auf drei Tage verkürzt und bin zurück nach England. Mein Interesse daran, jemals wieder nach Deutschland oder auch nach Österreich zu kommen, ist gleich null. Ich glaube, ich werde es mein ganzes Leben lang nicht tun. Außerdem kann ich nicht schreiben, wenn ich reise.

"Der weiße Tiger", für den Sie den Booker-Preis bekommen haben, ist seit dem Erscheinen in Indien ein großer Erfolg. Gleichzeitig sind Sie massiv dafür kritisiert worden, ein so drastisches Bild der indischen Gesellschaft zu zeigen. Was sagen Sie dazu?

Schon vor dem Booker-Preis hat sich das Buch sehr gut verkauft. Wenn ich damit vollkommen daneben läge, würden es nicht so viele Leute lesen wollen. Ich habe sicher einen Nerv getroffen. Die indische Mittelschicht hat überhaupt keine Beziehung zur Realität des Landes. Auch die meisten Ausländer assoziieren Indien mit Spiritualität und Yoga. Sie nehmen Indien als zeitlose Gesellschaft wahr, die - abseits des wirtschaftlichen Aufschwungs - keinem Wandel unterworfen ist. In Wahrheit ist das Leben in Indien hochpolitisch, voller politischer und sozialer Unruhe. Es gibt viel Gewalt, es gibt Terrorismus. Die indische Mittelklasse neigt dazu, das alles zu ignorieren. Ich wollte ein Buch schreiben, das das Klischee vom spirituellen Indien in Frage stellt. Das ist nichts als Propaganda, betrieben sowohl von der indischen Mittelklasse als auch von außen.

Der Widerstand war geplant?

Hätte ich ein Buch über Indien geschrieben, das hier von allen Seiten Applaus bekommen hätte, wäre das der sichere Beweis dafür, dass mit dem Buch irgendetwas nicht stimmt. Ich wusste, dass es Kritik geben würde. Ich habe damit gerechnet. Wäre sie ausgeblieben, hätte ich sicher etwas falsch gemacht. Stellen Sie sich ein Buch vor, das 1938 in Deutschland Lob von allen Seiten bekommen hätte. Da könnte man auch sicher sein, dass etwas daran nicht stimmen kann.

Korrupte Polizei, korruptes Gesundheitssystem, korrupte Politik - das ist keine literarische Übertreibung, sondern eine Wiedergabe der indischen Realität, wie Sie sie wahrnehmen?

Es der Blick meiner Hauptfigur auf Indien. Es ist ein subjektiver Blick, aber nicht der meine, weil ich diese Figur nicht bin. Ich wollte schockieren, ich wollte, dass dieser Blick auf Indien die Leser aus der Mittelklasse - und daher kommen meine Leser - schockiert.

Gab es ein Initialerlebnis, das am Anfang des Schreibens von "Der weiße Tiger" stand?

Daran erinnere ich mich nicht, aber ich habe das Buch auch schon vor zwei Jahren geschrieben. Es findet sich viel darin, was ich auf meinen Reisen als Journalist durch die ärmsten Gegenden Indiens erlebt und gesehen habe. Das Buch ist auch eine Reaktion auf die Bollywood-Kultur des indischen Films und der indischen Literatur, die die Armut vollkommen ausblendet.

Ihre Hauptfigur Balram ist ein Diener, der zum Mörder an seinem Herrn wird, zum Dieb und schließlich zu einem Unternehmer in Bangalore, der indischen Metropole für international agierende Outsourcing- und Call-Center-Unternehmen.

Was dieser Diener möchte, unterscheidet sich sehr von dem, was Diener in Indien traditionellerweise wollen und wollten. Den meisten Armen reicht es, sich ein wenig zu verbessern. Sie möchten am Ende ihres Lebens um zehn Prozent besser dastehen als am Anfang. Inzwischen aber haben alle Kinder in Indien - Arme und Reiche - dieselben Träume. Sie wollen ihren eigenen Lifestyle, möchten unabhängig sein und ihr eigenes kleines Business aufmachen. Die Armen haben dieselben Träume wie die Mittelklasse und die Reichen. Das ist eine wirkliche kulturelle Revolution.

Den Armen aber wird der Zugang zum erträumten Lifestyle verwehrt.

Zugang zu Bildung, Zugang zum Gesundheitssystem sind zwei der Dinge, die den Armen extrem erschwert werden. Das dritte große Thema ist "Law and Order". Die Polizei beschützt die Armen nicht, sie kümmert sich nur um die Mittelklasse. Das bedeutet: Ohne Bildung, Gesundheitswesen und eine verlässliche Exekutive haben die Armen wirklich keine Chance aufzusteigen. So gesehen ist Balrams Handeln gerechtfertigt. Die Träume sind für alle gleich, aber die Frustration der Armen ist unverhältnismäßig größer.

Ist das System sozialer Ungerechtigkeit, das Sie beschreiben, spezifisch indisch?

Ich glaube schon, dass die Kontraste hier größer sind als anderswo. In keinen anderem Land, in dem ich war, sind mir die Unterschiede so groß vorgekommen. Früher haben Reiche und Arme noch eine Kultur geteilt, sie hatten dieselben Traditionen, Sprache, Riten. Es gab ein gemeinsames soziales Gewebe, das sie zusammenhielt. Das ist vorbei.

Der wirtschaftliche Aufschwung Indiens wirkt sich nicht mildernd aus?

Er ist ungleich verteilt. Inzwischen lässt das wirtschaftliche Wachstum auch nach. Ich rechne damit, dass es in den nächsten Jahren mehr Unruhen und Umwälzungen in Indien geben wird. Ich halte das allerdings für gut. Denn die sozialen Unruhen geben mir gleichzeitig auch Hoffnung auf Veränderung. Und das ist es, was Indien am meisten braucht: Veränderung. Ich hoffe nur, dass sich die Dinge in die richtige Richtung entwickeln werden.

Sehen Sie sich in der Tradition des sozialkritischen Romans?

Ich glaube, dass die indische Mittelklasse sowohl von links als auch von rechts unter massivem Druck steht. Linke und rechte Extremisten sind die einzigen, die sich der Masse der Armen in Indien annehmen. Die Mittelklasse scheint nicht mitzukriegen, was im Land passiert. In solchen Zeiten halte ich es für die Aufgabe von Schriftstellern und Filmemachern, für Debatten zu sorgen. So sehe ich es. Und das betrifft - im Fall der Literatur - gleichermaßen das Thema wie die Form.

Inwiefern?

Die indische Literatur ist streng in hohe und niedere Literatur geteilt. Es gibt auf der einen Seite die ernste Literatur, auf der anderen den riesigen Bereich der Massenbuchproduktion - Krimis, pornographische Romane, Romanzen, Thriller. Deren Sprache ist drastischer. Ich wollte auch diese Genregrenze überschreiten, mich mit ernsthaften Fragen beschäftigen und meinen Roman gleichzeitig in einer Sprache schreiben, die viele Inder mit einem Literatur-Genre für die unteren Gesellschaftsklassen assoziieren. Das heißt, das Buch stellt auch eine ganze Reihe von literarischen Konventionen in Frage. Auch das hat viele Leute aufgeregt.

Interview: Julia Kospach

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