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Antisemitismusforschung Geschlossene Weltbilder

Die neue Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung, Stefanie Schüler-Springorum, spricht im FR-Interview über Vorurteile und Vergleiche zwischen Antisemitismus und Islamfeindschaft sowie ressentimentgeladene Kritik an Israel.

23.08.2011 12:14
Aggressiver Antisemitismus auch in der arabischen Welt. Foto: Getty

Die neue Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung, Stefanie Schüler-Springorum, spricht im FR-Interview über Vorurteile und Vergleiche zwischen Antisemitismus und Islamfeindschaft sowie ressentimentgeladene Kritik an Israel.

Stefanie Schüler-Springorum leitet seit Kurzem das Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität in Berlin. Die Historikerin übernimmt eine schwierige Aufgabe. In den letzten Jahren der Führung ihres Vorgängers, Wolfgang Benz, verglich das renommierte Institut Islamfeindschaft und Antisemitismus, was heftige Angriffe anderer Antisemitismusforscher nach sich zog. Zuvor leitete Schüler-Springorum das Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg.

Haben Sie sich schon eingelebt?
Ja. Ich habe zwar immer noch kein Büro, aber das wird sich demnächst ändern. Im Moment ist hier noch vieles improvisiert. Ich sitze in einem leeren Zimmer und die Papierberge häufen sich.

Sie sagten neulich, Sie wollten „Wissenschaft mit einem politischen Impetus“ betreiben. Was heißt das?
Die Aufgabe des Zentrums ist eine doppelte, nämlich Wissenschaft zu betreiben und in die Öffentlichkeit zu wirken. Und das hat im Falle von Antisemitismus immer auch mit Politik zu tun. Das ist anders, wenn man etwa mittelalterliche Geschichte erforscht.

Ihr Institut hat Schlagzeilen gemacht hat. Der Vergleich von Antisemitismus und Islamfeindschaft hat eine heftige Kontroverse ausgelöst. Wie stehen Sie zu dem Thema?
Man kann Antisemitismus und Islamfeindschaft miteinander vergleichen, weil dann ja auch die Unterschiede deutlich werden. Und ich sehe durchaus Parallelen zwischen der heutigen Situation und der Situation im frühen 19. Jahrhundert, also der Emanzipationszeit. Andere Kollegen sagen, es gäbe diese Parallelen auch im späten 19. Jahrhundert. Dieser Disput ist Grund genug, das historisch zu erforschen, also der Frage nachzugehen, wann welche Gruppen mit welchen Argumenten ausgegrenzt werden.

"Ich gebe keine Sprachregelung vor"

Gibt es da unter den Mitarbeitern Ihres Hauses einen Konsens?
Hier im Haus werden durchaus unterschiedliche Akzente gesetzt. Ich gebe da auch keine Sprachregelung vor. Die Fokussierung auf die Frage, ob man vergleichen kann, finde ich extrem unproduktiv. Es liegt auf der Hand, dass heutiger Antisemitismus und heutige Islamfeindlichkeit relativ wenig miteinander zu tun haben, weil es um völlig unterschiedliche historische Phänomene geht. Aber wenn man sich die Wurzeln anschaut, kann man Ähnlichkeiten sehen – etwa die Ausgrenzung einer fremden Religion und die Betonung der christlich-abendländischen Werte, die ja erst seit neuestem um das Wort „jüdisch“ ergänzt werden.

Ist die Ausgrenzung nicht eher Symptom als Wurzel?
Die Grundfrage ist, wie wird Ausgrenzung begründet, etwa Ende des 18. Jahrhunderts. Da wurde gesagt: Wir sind ein christlicher Staat und deswegen kann hier niemand sonst leben. Das ist eine Ähnlichkeit. Aber der Unterschied zum Antisemitismus des späten 19. Jahrhunderts ist, dass heute niemand den Muslimen unterstellt, sie würden die Regierungen der Welt beherrschen und alle Redaktionen und Medien, Anwaltskammern und Ärzteschaft. Das ist etwas völlig anderes, was nur im Zusammenhang mit Antisemitismus abgerufen wird. So was ist vor dem Hintergrund der Einwanderung sogenannter „Gastarbeiter“ nie passiert.

Kann man sagen, dass die Islamfeindlichkeit so funktioniert wie andere gruppenbezogene Ressentiments und der Antisemitismus nicht?
Ja. Antisemitismus ist kein Vorurteil unter vielen anderen, sondern hat immer auch diese Welterklärungsfunktion, die er Ende des 19. Jahrhunderts bekommen hat. Das ist etwas ganz spezifisches, sozusagen der „klassische Antisemitismus“. Nichtsdestotrotz vermischt sich dieser heute natürlich auch mit Versatzstücken eines einfachen Ressentiments. Wenn Leute sagen, dass die Juden doch mal Ruhe geben könnten, muss dahinter kein geschlossenes Weltbild stehen. Aber es schimmert natürlich ganz schnell auf, wenn etwa von „jüdischen Anwälten der Ostküste der USA“ die Rede ist. Das ist was anderes als Feindschaft gegen muslimische Einwanderer, die ihre Virulenz verstärkt nach dem 11. September bekam.

"Dem klassischen Antisemitismus ist nicht mit rationalen Argumenten beizukommen"

Was kann man für die Bekämpfung beider Phänomene an Schlussfolgerungen ziehen?
Meine Tochter ging in Hamburg und geht jetzt in Berlin in eine Schule mit hohem Migrantenanteil. Der können Sie so schnell keine Vorurteile mehr einpflanzen, die Kinder lernen sich dort kennen, lernen und leben zusammen. Da könnte man also pädagogisch viel machen. Dem klassischen Antisemitismus als Welterklärungsideologie, das wissen wir aus der Geschichte, ist leider nicht mit rationalen Argumenten beizukommen. Deswegen möchte ich auch ein Forschungsprojekt anregen, das Antisemitismus als Emotion in den Blick nimmt.

Könnte es sein, dass die Kritiker Ihres Vorgängers, Wolfgang Benz, ihm die vergleichende Forschung auch deshalb übelgenommen haben, weil der Antisemitismus derzeit gerade auch in der islamischen Welt besonders aggressiv ist?

Ja, ich denke, dass sich das damit gemischt hat. Hier am Zentrum ist Platz für beides, die Erforschung des Antisemitismus und die Erforschung von Ressentiments gegen andere Gruppen, etwa Muslime. Wobei die Erforschung des Antisemitismus die Kernaufgabe bleibt. Es widerspricht sich aber nicht, Feindschaft gegen Muslime und deren Antisemitismus zu erforschen.

Um dabei zu bleiben: Ist der Antisemitismus, den Muslime aus der islamischen Welt mitbringen, ein Import oder ein Re-Import?
Da streiten sich ja die Gelehrten. Ich bin keine Islamwissenschaftlerin und ich werde das auch nicht werden. Aber ich habe noch eine freie Stelle, die demnächst für Islamwissenschaften ausgeschrieben wird. Es ist wichtig, dass wir hier am Zentrum Fachleute auch dafür haben.

Wir reden jetzt schon eine ganze Weile über den Antisemitismus und haben noch kein einziges Mal das Wort „Israel“ benutzt. Erstaunlich, oder?
Ich bin auch keine Nahostexpertin (lacht).

Die Linkspartei hat neulich eine intensive Auseinandersetzung um den Antisemitismus in den eigenen Reihen geführt. Wie kam Ihnen diese Debatte vor?
Ich fand sie wichtig. Und ein paar Sachen, etwa die Boykottaufrufe gegen Israel in Bremen und das holocaustleugnende Flugblatt in Duisburg, fand ich schon beeindruckend. Diese Debatte war überfällig. Aber dass man dann Resolutionen verabschiedet, in denen man Israel anerkennt, sind schon seltsame Blüten. Man könnte sich aber auch interne Diskussionen anderer Parteien ansehen – insbesondere auf Ortsverbandsebene will ich nicht immer dabei sein, wenn es etwa um Entschädigungszahlungen geht.

Was ist das spezielle am Antisemitismus von links?
Zum einen und aktuell der Bezug auf Israel. So wurde ja auch die Debatte bei der Linken ausgelöst. Und dann hat man historisch gesehen immer mal wieder versucht, den Antisemitismus als Antikapitalismus zu instrumentalisieren.

Letzte Frage: Wohin möchten Sie das Institut steuern?
Ich möchte uns international noch stärker vernetzen. Es wird eine intensive und institutionalisierte Kooperationen mit Haifa, Tel Aviv, London, New York und Yale geben, wo es überall Zentren gibt, die an dem Thema arbeiten. In der internationalen Antisemitismusforschung tut sich gerade sehr viel. Und dann will ich die Antisemitismusforschung in Deutschland mehr als bisher zeitgeschichtlich verorten. Unsere Themen gehören auch in die Debatten und auf die Konferenzen der allgemeinen Zeithistoriker, etwa wenn es um das politische Klima in der frühen Bundesrepublik geht, um die Verarbeitung der NS-Vergangenheit in der DDR oder um die Bedeutung von „1968“ in Ost- und Westeuropa – um nur einige Themen zu nennen. Antisemitismusforschung ist keine isolierte Geheimwissenschaft, sondern Teil der allgemeinen Gesellschaftsgeschichte, die besonders produktiv interdisziplinär betrieben werden kann und sollte.

Das Gespräch führte Jan-Philipp Hein.

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