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Antisemitismus „Sommermärchen bereitete der AfD den Boden“

Die WM 2006 hat den Umgang mit der deutsch-nationalen Identität verändert. Auch ist es en vogue, den Holocaust zu relativieren. Gespräch mit dem Antisemitismusforscher Clemens Heni.

Fans in Stuttgart
„Meine These ist: Ohne 2006 wäre es nicht in diesem Ausmaß zu Pegida gekommen“, sagt Clemens Heni. Fahnenmeer vorm WM-Spiel um den dritten Platz, Stuttgart. Foto: afp

Herr Heni, zurzeit gibt es antisemitische Demonstrationen zumeist von Muslimen und Arabern. Ihr neues Buch befasst sich hingegen vor allem mit der Neuen Rechten, der AfD und dem Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft. Ist es falsch, wenn behauptet wird, Antisemitismus sei primär gegen Israel gerichtet?
Das ist auf den ersten Blick nicht falsch. Man sieht immer wieder, wie Tausende völlig fanatische Muslime, die offen und aggressiv antijüdisch hetzen, Juden oder Israelis den Tod wünschen. Was aber ist mit den fast sechs Millionen AfD-Wähler*innen, die eine Partei wählen, die stolz ist auf die Leistungen deutscher Soldaten in „zwei Weltkriegen“? Und somit indirekt auch auf den Holocaust, der ohne die Wehrmacht unmöglich gewesen wäre? Ich halte es für einen sehr großen wissenschaftlichen und politischen Fehler, den Antisemitismus nur im Gewand des Antizionismus zu erkennen. Er ist viel weiter verbreitet.

Im Zusammenhang mit der Banalisierung des Holocaust sprechen Sie von sekundärem Antisemitismus. Was meinen Sie damit?
Den sekundären Antisemitismus würde ich als Erinnerungsabwehr an die Shoa begreifen. Erinnerungsabwehr kann sich auch in einer Trivialisierung äußern, indem man alle möglichen Aspekte mit dem Holocaust vergleicht. Das haben Sie bei der Abtreibungsdebatte durch christliche Fanatiker oder auch bei radikalen Tierschützern. Das ist zwar keine explizite Leugnung, jedoch spricht die Forschung hier von einer Softcore-Leugnung, denn durch diese Vergleiche wird der Holocaust in seiner Dimension entwirklicht. Insofern ist der sekundäre Antisemitismus der zentrale Aspekt im Antisemitismus-Diskurs überhaupt. Der herkömmliche Antisemitismus ist weniger en vogue.

Erinnerung an den Holocaust ist ja generell nicht mehr en vogue ...
Besonders weit verbreitet ist hierzulande die sogenannte „Auschwitz-Keule“. Die Erinnerung wird als eine von den Juden aufgezwungene betrachtet, was von dem Psychoanalytiker Zvi Rix in ein bekanntes negatives Bonmot – „die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“ – umgewandelt wurde. Das ist der Kern des sekundären Antisemitismus. Die Deutschen fühlen sich von den Juden belästigt, diese Umdrehung ist zentral. Bezeichnend, dass die AfD den Begriff des sekundären Antisemitismus ablehnt. Natürlich, weil sie selbst permanent sekundär-antisemitisch daherreden.

Wer von der AfD sagt das?
Das geht aus dem Antrag zum vergangenen Bundesparteitag hervor, der von Wolfgang Gedeon und anderen eingebracht wurde. Dort heißt es, „‘Antisemitismus‘ ist eine Einstellung, die Juden pauschal verunglimpft. Die AfD distanziert sich... . Im Gegensatz zu dieser eindeutigen Definition ist ‚sekundärer Antisemitismus‘ bzw. ‚Antisemitismus im modernen Sinn‘ eine begriffliche Neukonstruktion diverser sog. Antisemitismusforscher.“ Gedeon sitzt nach wie vor im Stuttgarter Landtag.

Häufig wird Nationalsozialismus mit Faschismus gleichgesetzt. Auch eine Form der Verharmlosung?
Der Nationalsozialismus in Deutschland war eine Volksgemeinschaft, die auf weiteste Unterstützung der Bevölkerung bauen konnte. Es war weniger eine Diktatur gegen ein Volk als Opfer, viele waren sehr involviert in das Geschehen. Und natürlich war die Ideologie antisemitisch, wie Goebbels bereits 1926 in seinem Pamphlet „Nazi-Sozi“ veranschaulicht. Im faschistischen Italien war es ein rechtsextremer Kampf gegen die Arbeiterbewegung, die mit modernen Mitteln der Faschisten zerstört wurde. Es war eine Führerdiktatur, die nicht ansatzweise die Dimensionen hatte, wie wir es mit der Errichtung von KZs aus Deutschland kennen. Auch spätere faschistische Regime unterschieden sich von Deutschland insofern, dass sie gar nicht auf die massenhafte Unterstützung innerhalb der Bevölkerung bauen konnten. NS-Deutschland war eine antisemitische Volksgemeinschaft und keine Vorherrschaft einer kleinen Gruppe bürgerlicher Faschisten.

Hierzu passt der Hitler-Stalin-Vergleich. Warum hinkt der?
Hierzulande hat das eine enorme Entlastungsfunktion – historisch ausgehend vom rechtsextremen Geschichtsrevisionisten Ernst Nolte, der von einer Reaktion Hitlers auf die Sowjets sprach. Das sagte er bereits 1986, doch seitdem haben wir eine inflationäre weltweite Gleichsetzung von Rot und Braun. In der Prager Deklaration von 2008 beispielsweise wollten osteuropäische Staaten, aber auch Joachim Gauck, wegen des Hitler-Stalin-Paktes Rot und Braun gleichsetzen, weil Hitler und Stalin Verbrechen auf der gleichen kategorialen Ebene begangen hätten. Das ist eine Entwirklichung dessen, dass es vor dem NS-Staat noch nie Fabriken zur Vernichtung von Menschen gab. Und die Sowjets keine speziellen Gruppen aus einem speziell ethnischen Grund wie die Juden auslöschen wollten. Dieses „Rot gleich Braun“ ist in Europa jedoch durchsetzungsfähig.

Wer hat etwas von dieser Gleichsetzung?
Die befriedigt das Bedürfnis, dass die deutsche Schuld nicht mehr als präzedenzlos gilt, wenn doch angeblich Stalin mindestens so schlimm war.

Welche Rolle spielen die Religionen in dieser Debatte?
Auf eine perfide Art wird ein christlich-jüdisches Abendland herbeizitiert, das vom Islam bedroht sei. Da wird sehr viel instrumentalisiert, nicht nur von christlichen Kreisen, sondern häufig von solchen, die nur vorgeben, christlich zu sein, man denke an Pegida. Das Christentum ist alles andere als eine judenfreundliche Religion, insofern ist das jüdisch-christliche Abendland Humbug. Es ist ein christliches Abendland, das im Wesentlichen anti-jüdisch strukturiert war. Natürlich ist der Islamismus eine große Gefahr, jedoch weigern sich seit 9/11 viele, zwischen dem Islam und Islamismus zu unterscheiden. Diese Unterscheidung kann man historisch nachzeichnen, ohne zu leugnen, dass ohne Islam kein Islamismus existieren könnte. Generell jedoch wären weniger Religion, mehr Aufklärung und Kritik für alle sehr hilfreich, es würde das Konfliktpotential enorm reduzieren.

Auch Teile der vormals konservativen Intelligenzia, beispielsweise Henryk M. Broder oder Matthias Matussek, haben den Islam als Feindbild für sich entdeckt.
Broder schippert längst in braunen Gewässern und möchte insbesondere mit Hamed Abdel-Samad den Islam zum Hauptfeind des Westens stilisieren. Er verweigert ebenso wie die AfD die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus. Und Matussek zeigte seinen Deutsch-Nationalismus eigentlich schon in einem Buch 2006. Die sogenannte „Nazi-Keule“ wird von allen drei in unterschiedlicher Form verwendet. Abdel-Samad berief sich darauf, weil er mehrfach bei AfD-Veranstaltungen aufgetreten ist. Da meinte er, als Ägypter könne man ihm gar nichts anhaben. Das sei eine „Nazi-Keule“, wobei er weiß, dass Rechtsextreme diesen Begriff zur Abwehr benutzen.

Nochmal zurück zur Erinnerungsabwehr. Es geht doch immer darum, von der Schuld abzulenken, die Schuld umzukehren. Oder gibt es noch ein anderes Motiv?
Die Ablenkung ist absolut zentral. Martin Walser hat 1979 geschrieben: „Wenn wir Auschwitz bewältigen könnten, könnten wir uns wieder nationalen Fragen zuwenden.“ Seinerzeit galt er in der Öffentlichkeit als DKP-Sympathisant. Das sagt viel aus über die politische Kultur damals, die sich bis heute zieht. Die Menschen sollen sich wieder nationalen Fragen zuwenden, und das geht nur, wenn sie in irgendeiner Form mit Auschwitz fertig werden. Ob sie Auschwitz gleichsetzen mit den Verbrechen des Kommunismus, oder, heute auch verbreitet, mit Kolonialverbrechen, was auch nicht funktioniert – es gibt viele Möglichkeiten, die deutsche Schuld aufzuweichen oder zu relativieren. Das Bedürfnis, wieder stolz zu sein und nationale Aufgaben wahrzunehmen, ist ein großes Motiv für die Erinnerungsabwehr. Die Leute wissen, wenn der Kern der Erinnerung die deutschen Verbrechen sind, kann man nicht stolz auf dieses Land sein.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Sommermärchen von 2006? Und welche im Speziellen die Deutschland-Fahne?
Meine These ist: Ohne 2006 wäre es nicht in diesem Ausmaß zu Pegida gekommen, und ohne Pegida gäbe es keine AfD in dieser Form. Die Deutschland-Fahne bei der WM hat eine unglaubliche Bedeutung für das Zusammenschweißen von atomisierten Einzelnen, die sich zu großen Teilen gar nicht für Fußball interessiert haben. Insofern war das Thema nicht Sport, sondern nationale Identität.

Aber Deutschland-Fahnen gab es doch schon immer beim Fußball ...
2006 war anders als beispielsweise 1990. Erstens war es eine Weltmeisterschaft im eigenen Land, es war eine vollkommen andere Stimmung. Kaum ein Auto oder Haus kam ohne ein deutschnationales Symbol aus, insbesondere haben Teile der deutschen Intellektuellen mitgemacht. Es gab unzählige Autoren, die von der Gemeinschaft des Volkes fabulierten, da hörten sich Texte teils so an, als wären sie 1937 geschrieben worden.

Man sagt ja, dass die WM 2006 sportlich eine der schlechtesten war.
Sportlich war das überhaupt nichts. Um Sport ging es auch nicht, entscheidend war der begleitende, von Anfang an geplante deutsch-nationale Event. Beispielsweise hat Jürgen Klinsmann in seiner Kabinenansprache vor dem Spiel gegen Polen historisch völlig unreflektiert gesagt: „Das ist unser Spiel. Das lassen wir uns von niemanden nehmen! Schon gar nicht von Polen. Die stehen mit dem Rücken zur Wand und wir knallen sie durch die Wand hindurch!“ Wenn das ein Deutscher sagt, hat das eine andere Bedeutung, als wenn es ein Amerikaner sagt. Klinsmann hat es geschafft, dass sich die Uninteressiertesten auf einmal für etwas interessieren, nämlich für Deutschland. Das wurde in unzähligen Feuilletons reproduziert. 2010 setzte die bekannte ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein noch eins drauf und sprach vom „inneren Reichsparteitag“, den Miroslaw Klose gehabt haben soll, als er ein Tor geschossen hat. Altermedia (die Nazi-Version von indymedia, einem Non-Profit-Netzwerk von Medienaktivisten) haben das sofort registriert und sich bedankt. Was hat dieser Begriff aus Nazi-Deutschland im Fußball-Kontext verloren?

Gibt es Berührungspunkte zwischen der Konservativen und der neuen Rechten? Zumindest den patriotischen Gedanken haben sie gemein.
Seit den siebziger Jahren gibt es eine klare Beziehung zwischen der neuen Rechten und der CDU/CSU. Kurt Biedenkopf war ein wichtiger CDU-Mann, der rechte Inhalte programmatisch in eine andere Sprache überführen wollte. Seinerzeit hatte die SPD unter Willy Brandt die Mehrheit im Bund, also hat die Union rechte Inhalte in linke Sprachformen gegossen, wie es damals der Politologe Klaus Frizsche analysierte. Ganz ähnlich war das bei der neuen Rechten. Auch die haben versucht, den Rassismus zu kaschieren, indem sie sich statt „Ausländer raus“ antikapitalistisch gegeben und gesagt haben, die Menschen seien Opfer des Kapitals, die in einer „Asylindustrie“ ausgebeutet würden. Ein konkretes Beispiel ist Victor Orbán, Freund von Horst Seehofer und Galionsfigur der Neuen Rechten. Der sprach von einer Beziehung zwischen Jude und Geld und muslimischen Einwanderern. Orbán sagt, ein Jude – gemeint ist hier Soros – wolle europäische Nationalstaaten zerstören, indem er linke NGOs dafür bezahlt, Flüchtlinge zu unterstützen und nach Europa zu lassen. Wodurch die ungarische Identität zerstört werden würde. Weiteres Beispiel ist Franz-Josef Strauß, der die Antifa mit Nazis verglichen hat und damit zum einen den Nationalsozialismus verharmlost und zum anderen die Linken zu Tätern gemacht hat. Auch gab es eine sehr bezeichnende Aussage Horst Seehofers im ZDF. Seehofer wurde von Claus Kleber (ZDF) darauf hingewiesen, dass seine Äußerungen AfD-like seien. Daraufhin Seehofer: „Die haben von uns abgeschrieben.“

Vielleicht sollten wir einmal die Begriffe klären, wenn wir von Konservativen und Rechten sprechen.
Geht es um die Neue Rechte, reden viele häufig von Rechtsextremen. Es gibt eine extreme Form von Konservativ, in der ersten Stufe wären das CDU/CSU, die extreme Form ist demnach die AfD, Pegida und noch Extremere. Es gibt andere Formen, die auch Neue Rechte sind, und sich im Dunstkreis um Kubitschek finden. Die haben einen viel stärkeren Bezug zum Nazismus, die sind völkisch-sozialistisch, nicht neoliberal. Gesellschaftlich ist auch immer von rechtsextrem und linksextrem die Rede. Dieses Gegensatzpaar würde ich so nicht aufmachen, sondern vielmehr von linksradikal sprechen. Radikal ist etwas ganz anderes, die Radikalen wollen eine andere Gesellschaft, während die Extremisten eine extreme Form des Vorhandenen anstreben. Rechtsradikal wäre dann eher der national-revolutionäre Zweig von Henning Eichberg bis Kubitschek und der Identitären Bewegung, der aber auch der Neuen Rechten zuzuordnen ist, sich aber am Nationalsozialismus orientiert. Die wollen auch die Verstaatlichung von Banken, das würde ein AfDler niemals wollen, der ist deutlich bürgerlicher.

Linksextrem gibt es in der Gleichung nicht.
Die Idee von Links ist ein Gegenkonzept zu den bestehenden Strukturen und gerade nicht das Bestehende in seiner Extremform. Alleine schon, um der Gleichsetzung von rechts und links auch in der Forschung zu begegnen, würde ich den Extremismus der Rechten reservieren. Die Unterscheidung, die beispielsweise hier der Verfassungsschutz trifft, ist nicht zu halten.

Was ist mit den Leuten, die die AfD wählen, oder in den USA Donald Trump? Sind die alle rechts oder nicht auch Opfer des kapitalistischen Systems?
Diese Position, die etwa Sahra Wagenknecht vertritt, geht von völlig falschen Voraussetzungen aus. Es gibt empirische Studien, dass die meisten Wähler von Trump und der AfD eher zur mittleren bis gehobenen Mittelschicht gehören. Arbeitslose haben hier nicht überproportional gewählt. Das hat viel mit dem Existenzialismus zu tun. Können Leute sich denn nicht aus freien Stücken rassistisch, sexistisch, homophob positionieren aufgrund einer Überlegenheitsposition heraus? Die noch angereichert wird mit antisemitischen Verschwörungsmythen? Leute wie Wagenknecht haben ein völlig verklärtes Bild von Volk, da sie das Volk immer als Opfer betrachten und überhaupt nicht als individuelle Personen, die man ernst nehmen muss.

Das Interview führte Katja Thorwarth.

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