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Antisemitismus Muslime werden dazu erzogen, Juden zu hassen

Viele Juden trauen sich nicht mehr mit Abzeichen ihrer Religionszugehörigkeit auf deutsche Straßen. Der islamische Antisemitismus wird systematisch verharmlost. Ein Gastbeitrag von Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi.

Demonstration in Istanbul
Muslime machen im Juli 2016 aus ihrem Hass keinen Hehl: „Nieder mit Israel“ steht auf dem Plakat, das während des Ramadan in Istanbul hoch gehalten wird. Foto: rtr

Nach einer erfolgreichen interreligiösen Begegnung fuhr ich im Juni 2017 im Auto mit einem Rabbiner und einem christlichen Theologen von Sankt Peter nach Freiburg. Bei den Vorträgen trug der aus Marokko stammende Oberrabbiner eine Kippa. Doch sobald er in das Auto stieg, verdeckte er diese durch eine schwarze Sportmütze. Inzwischen trauen sich viele Juden nicht mehr mit Abzeichen ihrer Religionszugehörigkeit auf deutsche Straßen. Denn sie sehen sich immer häufiger aggressiven Beleidigungen ausgesetzt – zunehmend auch vonseiten der Muslime.

Dabei handelt es sich keineswegs nur um Pöbeleien auf dem Schulhof oder im Kiez. Inzwischen ist sogar die Musik zu einem Schlachtfeld geworden, um Juden und Israel, in dem sie die Bevölkerungsmehrheit bilden, zu diskreditieren. Die Stimme und der Klang der Musik sollten eigentlich Menschen aus verschiedenen Kulturen miteinander verbinden, Brücken bauen und die Grenzen des Andersseins überwinden.

Dass dies nicht immer gelingt, zeigte das Berliner Pop-Kultur-Festival 2017: Auf einen Boykottaufruf der propalästinensischen BDS – „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“ – sagten im August vier arabisch-muslimische sowie drei europäische Teilnehmer ab, da mit Unterstützung der israelischen Botschaft in Berlin ein Auftritt der Singer-Songwriterin Riff Cohen, einer Israelin algerisch-tunesisch-französischer Abstammung, realisiert wurde. Wie in diesem Fall dient Israelkritik oft als Deckmantel für Judenfeindlichkeit. Für eine Differenzierung zwischen Politik und Kultur sind offensichtlich weder BDS noch die Künstler zugänglich – geschweige denn für eine Beachtung des Terrors der Hamas.

Atmosphäre des Misstrauens

Es ist kein Wunder, dass der Oberrabbiner von Barcelona, Meir-Bar-Hem, der Meinung ist, Europa sei nach den dortigen Anschlägen für die Juden als Heimat verloren. Er appelliert an die jüdischen Gemeinden, nach Israel auszuwandern. Eine Aufforderung, der inzwischen viele Folge leisten. Hat Europa dabei versagt, seine jüdischen Bürger vor dem Hass konservativer Muslime und der Gefahr durch Islamisten zu schützen? Um den Antijudaismus unter Muslimen zu begreifen, ist es ratsam, einen raschen Blick auf den in Medina (622–632) offenbarten Koran zu werfen. Dort werden Ablehnung bis hin zu Feindschaft und Gewalt gegen die Juden theologisch legitimiert.

Nicht nur die Christen, sondern auch die Juden, meist als „Kinder Israels“ bezeichnet, müssten im Alltag gemieden werden (Koran 2:120). Ihre Herzen seien verhärtet, sogar härter als die Steine (Koran 2:69, 5:16 und 57:15). Sie hätten ihre eigenen Propheten umgebracht (Koran 2:58 und 2:85) und den mit Gott geschlossenen Bund gebrochen (Koran 4:154 und 5:16). Ihnen sei nicht zu trauen, sie seien als Verräter zu betrachten (Koran 2:94 und 5:16). Ihnen werden Wortverdrehungen und Verfälschungen des Wortes Gottes zugeschrieben (Koran 4-48-49 und 16:45), die durch den Koran korrigiert würden. Sie brächten andere Menschen um ihr Geld (Koran 159 und 9:34). Und dieses stereotype Sündenregister könnte beliebig verlängert werden.

Dadurch kreiert der Koran unter den Muslimen eine Atmosphäre des Misstrauens gegenüber den Juden. Und Sure 9, Vers 29 ruft sogar deutlich zur Bekämpfung der Juden auf. Auch der Prophet selbst, dessen religiöses und politisches Handeln als Vorbild für die Muslime gilt, ging erbarmungslos gegen Juden in Medina vor. Er ließ sie entweder vertreiben oder töten, nachdem sie sich nicht seiner Gemeinde anschließen wollten.

Der Koran bildet gewissermaßen die Tiefenschicht des Antisemitismus islamischer Prägung. Die kulturelle Sozialisation und politische Krisen wie der andauernde Palästinakonflikt dienen als Verstärker. Muslime werden dazu erzogen, die Juden zu hassen, nicht nur Israel, sondern alle Juden der Welt. Unter Muslimen gilt das Wort „Jude“ bis heute als Schimpfwort. Ihnen wird – neben den Amerikanern – die Verantwortung für das Leiden der Muslime in der ganzen Welt zugeschrieben.

Muslime sehen sich als Opfer und die Juden als Täter

Der deutsch-türkische Moscheeverband Ditib etwa steht immer wieder wegen antisemitischer Hetze und Christenfeindlichkeit in der Kritik. Anfang des Jahres wurde öffentlich berichtet, dass einige seiner Gemeinden auf ihren Facebook-Seiten türkischsprachige Zitate veröffentlichten wie „Der kannibalische Jude kotzt den Tod in Palästina“ oder „Um die Barbarei der Juden zu beschreiben, werdet ihr nicht die richtigen Worte finden können“. Sätze wie etwa, das Weihnachtsfest sei „eine nach Blasphemie stinkende Tradition der Christen“ oder „Freundschaft und Beziehungen zu Ungläubigen sind verboten“, waren zu lesen. Solche Ansichten trifft man auch bei gebildeten, sogar westlich aufgeklärten Muslimen an. Muslime sehen sich als Opfer und die Juden als Täter, Feinde der Muslime und des Islam.

Die Mehrheit der Muslime beherrscht kunstvoll ihr rhetorisches Spiel: Sie stellen die Muslime als die ewigen Opfer dar. Andererseits benutzen sie den Vorwurf der Islamophobie gegen ihre Kritiker, um den Islam im westlichen Kontext unangreifbar zu machen. Der ewige Status der Schwachen wird oft durch Verschwörungstheorien intensiviert.

Sogar der IS in Syrien und im Irak sei ein Produkt Amerikas und Israels, um den Islam und die Muslime zu diskreditieren und zu schwächen. So wäscht man sich praktischerweise von den todbringenden Gewalttaten des islamischen Terrorismus rein, dessen Erfolge gegen den überheblichen Westen man insgeheim feiert. Im Kombinieren von Halbwahrheiten und Erfindungen zu postfaktischen Verschwörungstheorien brauchen diese Muslime weder von Putin noch von Trump zu lernen.

Opferrolle führt zu Passivität

Die genannten Koranverse müssen situativ bedingt in ihrer historischen Entstehung verstanden werden als politische Akte der Abgrenzung, die unter anderem der Festigung der noch jungen und kleinen Gemeinde dienten. Heutige Muslime tun gut daran, sich deutlich von ihnen zu distanzieren. Die Versöhnung mit anderen beginnt, wenn die Realität wahrgenommen wird, wie sie ist. Das Eingeständnis, dass sich der Islam derzeit in einer hausgemachten Sinnkrise befindet, ist ein Teil der Lösung. Es ist die Zeit gekommen, dass wir Muslime uns vom ewigen Beleidigtsein befreien müssen.

Die dramaturgische Selbstinszenierung verschlimmert nur die Lage, die einen Therapieprozess auf der Basis der Aufklärung dringend benötigt. Differenzierte Islam- und Selbstkritik muss ein Teil unserer kollektiven Identität werden. Ohne eine Reform des Islam und eine humanistische Aufklärung bleibt die Gefahr bestehen, dass der Koran und die Tradition des Propheten als verbindliche Quellen aller Muslime weiterhin den vorherrschenden Antisemitismus legitimieren.

Wollen wir ernst genommen und respektiert werden, müssen wir aufhören, uns in der Selbstlüge unserer Post-truth-Opferschaft einzurichten. Sie ist ein Zeichen der Ohnmacht gegenüber dem aktuellen pathologischen Zustand des Islam. Die selbst gewählte Opferrolle führt zu Passivität und selbst verschuldetem Leiden an Minderheitskomplexen. Sie befreit uns nicht von der Notwendigkeit, die Fehler bei uns selbst zu suchen und endlich Verantwortung zu übernehmen.

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